Gelebte Politik

Ilse Brusis: Karriere wider Willen

Uwe Knüpfer22. März 2013

In eine Gewerkschaft eintreten? Niemals, dachte sich die junge Ilse Brusis. Schließlich hatte man ihr in der Schule beigebracht, die Gewerkschaften seien für alles Übel dieser Welt verantwortlich. Doch als sie 1960 Lehrerin wurde, setzte ihr Vater sie unter Druck. „Du bist jetzt berufstätig, also musst du in eine Gewerkschaft eintreten“, drängte er sie. Brusis sträubte sich, ließ sich aber überreden – und wurde prompt in ein Amt gewählt. Dabei hatte sie gar nicht kandidiert.

So erzählt es Brusis in der vierten Folge der vorwärts-Reihe „Gelebte Politik – Ein Leben im O-Ton“. Darin blickt sie auf ihre Karriere als Gewerkschafterin und SPD-Politikerin zurück.

Die 1937 in Wattenscheid geborene Brusis stieg in der „Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft“ (GEW) schnell auf. 1975 wurde sie Landesvorsitzende der GEW in Nordrhein-Westfalen.
Parallel dazu trat sie 1969 in die SPD ein. Ihre Begründung: „Ich habe gemerkt: Wenn man wirklich etwas verändern will, ist Gewerkschaftsarbeit das eine. Man braucht aber für viele Veränderungen die Parlamente“.

1981 wurde Brusis als Landesvorsitzende der GEW abgewählt. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie gegen den Einfluss der kommunistischen K-Gruppen und anderer linker Organisationen angekämpft hatte.
Lange blieb Brusis der Gewerkschaftsarbeit nicht fern. 1982 wurde sie Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Zwei Jahre später wählte auch die SPD sie in den Parteivorstand, dem sie bis 2001 angehörte. Dort sollte sie eine Brücke schlagen zwischen der Partei und den Gewerkschaften.

Wechsel in die Politik

1990 machte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau Brusis zur Ministerin für Bauen und Wohnen. Von 1995 bis 2000 übernahm sie das Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport, dem 1998 auch noch die Ressorts Arbeit und Soziales zugeordnet wurden. „Wäre ich ein Mann gewesen, hätte man es ein Superministerium genannt“, sagt Brusis. „Weil ich eine Frau war, sagten die Journalisten immer: Frau Brusis ihr Bauchladen.“

Brusis saß auch in der Programmkommission, die das Berliner Programm der SPD von 1989 vorbereitete. Sie erinnert sich an heftige Konflikte mit dem Vorsitzenden der Kommission Oskar Lafontaine. Der sei zu dieser Zeit noch „auf einem ganz liberalen Trip“ gewesen, sagt Brusis. Wenn sie Vorschläge zu Arbeitnehmerrechten gemacht habe, sei er regelmäßig ausgerastet. Einmal habe sie sich mit einem Textvorschlag gegen Lafontaine durchgesetzt. Doch dann habe er vor der Presse einfach das Gegenteil dessen verkündet, was beschlossen worden sei. „Er dachte nur an sich und daran, wie man in die Zeitung kommt“, schimpft Brusis. Das habe damals am besten mit neoliberalen Ideen funktioniert. Erst nach der Jahrtausendwende habe er wieder den Marxisten herausgekehrt.

Ilse Brusis  

In der vorwärts-Reihe „Gelebte Politik“ berichten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die viel erlebt haben, über ihre Erfahrungen. Nach Heidemarie Wieczorek-Zeul, Peter Struck und Hans-Jochen Vogel blickt nun Ilse Brusis auf ihr Leben als Politikerin und Gewerkschafterin zurück.

Interview: Uwe Knüpfer, Bearbeitung: Carl-Friedrich Höck