Hate Speech

#ichbinhier: Gemeinsam gegen den Hass im Netz

Robert KieselKai Doering20. Februar 2017
#ichbinhier
In sozialen Netzwerken und insbesondere auf Facebook spiegelt sich die Polarisierung der Gesellschaft in mitunter hasserfüllten Debatten. Mitglieder der Gruppe #ichbinhier setzen dem nun etwas entgegen.

Wer Facebook nutzt, kennt es: Kommentarspalten, die vor hasserfüllten, beleidigenden oder gar bedrohenden Postings nur so strotzen. Faire und inhaltliche Debatten fallen immer häufiger einer aufgeheizten Stimmung zum Opfer, längst nicht mehr nur unter Beiträgen zum Thema Flüchtlinge oder Asylpolitik. Weil sich Facebook bei der Bekämpfung von Hass und Hetze mindestens zurückhält, nehmen Nutzer die Sache nun selbst in die Hand. In der Gruppe #ichbinhier schließen sie sich zusammen und bilden einen Gegenpol zu jenen Kräften, die soziale Netzwerke zu „asozialen Hetzwerken“ machen.

#ichbinhier: 20.000 User gegen Hass und Hetze

Das Prinzip von #ichbinhier: Ein 20-köpfiges Moderatorenteam scannt das Internet und insbesondere die Seiten großer Medien-Kanäle nach Beiträgen, unter denen massenhaft Hasskommentare gepostet werden. Diese Beiträge werden in der Gruppe verlinkt, woraufhin sich deren Mitglieder kollektiv in die Debatte einschalten – den Hass einfangen. Ein Konzept, das Anhänger findet: Innerhalb weniger Wochen traten mehr als 20.000 User #ichbinhier bei. Zwischenzeitlich war der Ansturm so groß, dass neue Mitglieder bis zu drei Tage auf ihre Aufnahme warten mussten.

Der Mann, der #ichbinhier quasi über Nacht gründete, heißt Hannes Ley. Ley ist Geschäftsführer einer Beratungsagentur für digitale Kommunikation und erklärt das Konzept der Gruppe wie folgt: „Durch den grassierenden Hass im Netz wird die Meinungsbildung vieler Menschen massiv beeinflusst. Wir wollen mit unseren Kommentaren das Meinungsspektrum in bestimmten Diskussionen wieder komplettieren und Mitleser positiv beeinflussen.“ Radikale Sprache führe zu radikalen Handlungen, so Ley weiter. #ichbinhier will dieser Radikalisierung Einhalt gebieten.

Gegner antworten mit Beleidigung und Bedrohung

Dass die Initiative derart schnell Fahrt aufnimmt hatte er zwar gehofft, dennoch ist Ley „überrascht“. Vorbild für #ichbinhier ist die schwedische Gruppe „#jagärhär“, die binnen sieben Monaten auf mehr als 60.000 Facebook-User anwuchs. Eine Zielmarke, die auch Ley für realistisch hält. „Wenn das Wachstum der letzten Wochen anhält, sind wir bald bei 50.000 Mitgliedern. Das ist schon eine ziemliche Power.“

Power, die sogenannte „Hater“ nicht unbeantwortet lassen. Als „verlängerter Arm der Bundesregierung“ oder „Meinungspolizei“ wurde die Gruppe zuletzt tituliert. User ließen nichts unversucht, um #ichbinhier zu diskreditieren, berichtet Hannes Ley. Persönliche Beleidigungen habe es ebenfalls gegeben, bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen an Frauen in der Gruppe.

#ichbinhier - ein Vorbild für andere

Doch es gibt auch die andere, unterstützende Seite: Als eine der ersten lobte Fernseh-Moderatorin Dunja Hayali die Initiative auf Facebook und rief User dazu auf, die Gruppe zu unterstützen. Binnen weniger Tage kamen so Tausende Neumitglieder hinzu. Und auch Sascha Lobo, Blogger und Journalist, lobte #ichbinhier auf einer Tagung des Europarats in Berlin. Lobo bezeichnete deren Ansatz als vorbildhaft auch für andere Initiativen gegen Hass im Netz.

Die Konferenz organisiert hatte Gabriela Heinrich, SPD-Bundestagsabgeordnete aus Nürnberg und deutsche Koordinatorin des „No Hate Speech Movement“ des Europarats. Im Interview mit vorwärts.de erklärte sie, der Hass im Netz habe „zivilisatorische Schranken gelockert“. „Die Ansätze, den Hass zu bekämpfen, müssen allerdings so vielfältig sein wie die Menschen, die ihn im Internet verbreiten“, so Heinrich. Justiz-Staatssekretär Gerd Billen, der ebenfalls an der Konferenz teilnahm, ergänzte: „Meinungsfreiheit ist kein absolutes Recht.“ Mit Blick auf die auch von Ley kritisierte Zurückhaltung von Facebook im Umgang mit Hasskommentaren sagte Billen: „Zivilcourage und Gegenrede reichen nicht aus, wenn Unternehmen nicht handeln“.

Freiwillige Absprachen reichen nicht aus

Billen zufolge genieße Facebook das Privileg, im Gegensatz zu Nachrichtenseiten nicht für die Inhalt von Kommentaren zur Rechenschaft gezogen werden zu können. Dieses entfalle allerdings, wenn Facebook gemeldete Kommentare mit rechtswidrigem Inhalt nicht lösche. „Die Zeit, in der wir auf freiwillige Absprachen mit den Plattform-Betreibern gesetzt haben, geht zuende“, kündigte Billen an.

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