Filmtipp: Düğün

Hochzeit auf Türkisch - Ja zur Toleranz

Nils Michaelis09. September 2016
Junge Frauen leben selbstbewusst ihren Traum. Bild: Bernd Spauke
Nichts als Frust im Problemviertel? Der Dokumentarfilm „Düğün – Hochzeit auf Türkisch“ glaubt an die Kraft der Liebe.

Duisburg-Marxloh ist eines der bekanntesten der sogenannten Problemviertel in deutschen Großstädten. Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung und ein von der türkischstämmigen Community dominiertes Alltagsleben sind gängige Chiffren. All das gibt es zweifellos in der einstigen Arbeiterhochburg, die viele deutsche Bewohner seit dem Niedergang der Großindustrie in den 70er-Jahren verlassen haben. Doch das Leben in dem Quartier, wie auch unter den Migranten, findet nicht ausschließlich im Zeichen der Krise statt. Das zeigen die Regisseure Marcel Kolvenbach und Ayşe Kalmaz.

Was bedeutet Liebe?

Dafür wählten sie ein Lebensereignis, das auch in diesem vermeintlich abgehängten Milieu einerseits einen regen Wandel durchlebt und gleichzeitig vielen Menschen als Projektionsfläche für Sehnsüchte und als sozialer Kitt dient: die Hochzeit. Sie fragten sich: Was treibt die Menschen dazu, sich für einen anderen Menschen zu entscheiden? Was bedeutet ihnen die Liebe und das Heiraten in einer Gesellschaft, die vielen von ihnen in vielerlei Hinsicht fremd ist, wo sie aber dennoch Wurzeln geschlagen haben?

Die Hochzeit ist auch ein Geschäft. Vor allem für die zahllosen Brautkleidläden, die während der letzten Jahre dort eröffnet wurden. Aber auch für die Saalbesitzer in der Umgebung. Bei Ferhat Aldur laufen alle Fäden zusammen: Als Hochzeitsmanager liefert er seinen Kunden ein Event, das nicht minder maßgeschneidert ist als die Robe der Angetrauten. Die beiden Filmemacher begleiten ihn, wie er ein junges, türkischstämmiges Paar immer tiefer in die Vermählungs-Materie einführt. Dabei fällt auf, dass diese einander Versprochenen weitaus konservativer ticken als ihre Eltern. Das zweite Paar, das uns an seinem langen, bisweilen nervenaufreibenden Weg bis zur Trauung teilhaben lässt, bildet dazu einen Kontrast: Alles soll möglichst individuell sein, bis hin zum Brautkleid, so wünscht es sich eine Spanierin, die in eine türkische Familie einheiratet.

Unter sich

„Als die Deutschen gingen, war die Zeit für uns gekommen, denn nur wir waren in der Lage, die schwere Arbeit zu erledigen“: So beschreibt Aldur den Strukturwandel in Marxloh. Anders gesagt: Als die Schlote zu Industriedenkmälern wurden (bestens geeignet für Brautmode-Shootings!), sorgten die Migranten mit Handel, Dienstleistung und Gastronomie für neuen Schwung im Viertel, wenngleich manch einer von ihnen den Zusammenhalt der Kumpel unter Tage vermisst. Ganz bewusst spielt der Film mit Klischees und vereinfachten Sichtweisen. Kolvenbach und Kalmaz sehen die Gegend nicht als Paradies, aber eben auch als Erfolgsgeschichte. Daher der optimistische Grundton dieser Erzählung, die wenig mit Bevormundung und viel mit Selbstbestimmung und Toleranz zu tun hat. Gar mit einem Generationenkonflikt? Der wird in feinen Nuancen angedeutet. Einige Ältere erklären, warum ihnen die Hochzeiten viel zu „multikulti“ geworden sind. Zu ihren Zeiten wurde noch „unter sich“ im anatolischen Heimatdorf gefeiert.

Mag sein, dass dieses Bild arg weichgezeichnet ist. Gleichwohl weitet es den Blick für Facetten, die bei der Beschreibung entsprechender Lebenswelten häufig an den Rand gedrängt werden. Etwa angesichts patriarchalischer oder fanatisch religiöser Strukturen. So ist es bezeichnend, dass der Islam in diesem Film kaum eine Rolle spielt. Kolvenbach formuliert es so: „Für mich handelt der Film von der Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens vieler Kulturen und Religionen. Das ist meine Realität, mein gelebter Alltag. Eine Normalität, die nicht in die Zeit des Shitstorms passt. Es ist ein Film gegen den Hass, gegen die krampfhafte Suche nach dem Skandal. Ein Film ohne jedes Empörungspotenzial.“

Am Ende ist auch „Düğün – Hochzeit auf Türkisch“ kaum mehr als ein Ausschnitt aus einer sehr komplexen Realität. Die Hintergründe der Protagonisten hätten intensiver beleuchtet werden können. Dennoch hat dieser spezielle Blick auf Wandel und Beständigkeit seinen ganz eigenen Reiz.

„Düğün – Hochzeit auf Türkisch“ (Deutschland 2015), ein Film von Marcel Kolvenbach und Ayşe Kalmaz, 89 Minuten. Jetzt im Kino.

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