Mitgliederbefragung

Warum Hilde Mattheis und Dierk Hirschel Parteivorsitzende werden wollen

Jonas Jordan02. September 2019
Die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis und der ver.di-Chefökonom Dierk Hirschel kandidieren gemeinsam als SPD-Vorsitzende.
Die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis und der ver.di-Chefökonom Dierk Hirschel
Wer kandidiert für den Parteivorsitz? Der „vorwärts“ stellt alle nominierten Kandidat*innen in einem Interview vor. Alle bekommen identische Fragen und haben gleich viel Platz für das Interview. Hilde Mattheis und Dierk Hirschel fordern die Abschaffung von Hartz IV und wollen den Parteivorstand zu mindestens 50 Prozent mit Mitgliedern aus den Kreisverbänden und Ortsvereinen besetzen.

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel haben ihre Kandidatur am 12. Oktober zurückgezogen.

Warum wollen Sie Parteivorsitzende werden?

Personen folgen Inhalten. Wir wollen, dass die SPD wieder als Partei der Arbeit, der sozialen Gerechtigkeit und des Friedens erkennbar ist. Diese politische Haltung haben wir über Jahrzehnte hinweg glaubwürdig vertreten –  bei Abstimmungen in Partei und Fraktion sowie in der Gewerkschaft. Wir machen ein klares inhaltliches Angebot an die Partei. Wir haben klare Vorstellungen, wie wir die Partei strukturell neu aufstellen und uns wieder stärker in der Zivilgesellschaft verankern.

Wie haben Sie sich zu diesem Duo gefunden und wo unterscheiden Sie sich?

Wir kennen uns seit vielen Jahren. Die ersten politischen Gespräche haben in einem Kreis um Ottmar Schreiner stattgefunden. Wir arbeiten seit vielen Jahren im Vorstand des Forums Demokratische Linke 21, die Linken in der SPD, zusammen. Wir sind uns einig, was die Diagnose der Krise unserer Partei anbelangt. Gleiches gilt für die Therapie.

Wir waren beide gegen den erneuten Eintritt der SPD in die Große Koalition. Der jüngste Absturz unserer Partei bestätigt unsere damalige Kritik. Wir haben unterschiedliche Schwerpunkte. Dierk ist Gewerkschaftler und Ökonom und kann sozialdemokratische Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik ausbuchstabieren. Hilde ist Gesundheitspolitikerin und hat darüber hinaus viel Sozial-, Frauen-, Friedens- und Umweltpolitik gemacht.

Warum sind Sie zur SPD gekommen?

Hilde Mattheis: Ich beschloss nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl von der Zuschauerbank runterzukommen. Die SPD war für mich immer die Partei, die meinem Streben nach sozialer und ökologischer Gerechtigkeit am Nächsten kam. Daher bin ich in die SPD eingetreten und aktiv geworden. Dabei prägte mich vom ersten Tag an die Arbeit der AsF.

Dierk Hirschel: Mein Großvater war Sozialdemokrat und im Widerstand gegen die Nazis. Er hat mir die sozialdemokratischen Grundwerte vermittelt. Die 1980er-Jahre waren die Zeit des großen Wettrüstens zwischen West und Ost. Ich bin damals zu den Jusos gegangen, weil die SPD für mich die Friedenspartei war, besonders verkörpert durch Willy Brandt.    

Persönlich

Hilde Mattheis

Geboren: 6. Oktober 1954 in Finnentrop

Landesverband: Baden-Württemberg

In der SPD: 1986, seit 2011 Vorsitzende des Forums Demokratische Linke 21 (DL21)

Beruf: Bundestagsabgeordnete

 

Dierk Hirschel:

Geboren: 1970 in Nürnberg

Landesverband: Berlin

In der SPD: Mitglied der SPD-Grundwertekommission

Beruf: Bereichsleiter Wirtschaftspolitik in der ver.di-Bundesverwaltung

Was sind für Sie die drei wichtigsten Themen?

Erstens wollen wir, dass die SPD wieder stärker als Partei der Arbeit erkennbar wird. Zweitens wollen wir einen modernen Sozialstaat, der wieder in die Zukunft investiert. Drittens wollen wir den ökologischen Umbau unserer Gesellschaft so gestalten, dass es dabei gerecht zugeht.

Keines dieser Themen steht für sich allein. Die Klammer ist eine solidarische Gesellschaft und ein friedliches Miteinander. Die wichtigste Aufgabe einer sozialdemokratischen Partei ist die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung. Das bedeutet: Tarifverträge für alle durch eine politische Stärkung des Tarifsystems, Mindestlohn von mindestens zwölf Euro, Eindämmung von Mini-Jobs, Leiharbeit und Werkverträgen, keine sachgrundlosen Befristungen, Hartz IV abschaffen und soziale Berufe aufwerten. Ferner muss die SPD fortschrittliche Antworten auf den Wandel der Arbeitswelt durch Digitalisierung, neue Geschlechterrollen, demographischen Wandel und Migration geben. Hier geht es unter anderem um die Aufwertung von Dienstleistungsarbeit, Arbeitszeitsouveränität und Arbeitszeitverkürzung, Qualifizierung und Humanisierung der Arbeit.

Ein moderner Sozialstaat schafft die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Ein moderner Sozialstaat braucht soziale Sicherungssysteme, welche die großen Lebensrisiken absichern. Dafür muss die gesetzliche Rente wieder armutsfest und lebensstandardsichernd gemacht werden. Im Pflegesektor und in der Gesundheitsversorgung muss die Privatisierung gestoppt werden. Pflege und Gesundheit sind keine Ware. Wir müssen den öffentlichen Sektor ausbauen. Wir brauchen mehr öffentliche Investitionen und Personal bei Gesundheit, Pflege, Verkehr, Energie, Klimaschutz, sozialem Wohnungsbau, Verwaltung, ÖPNV und Digitalisierung. Das geht nicht mit einer Finanzpolitik der schwarzen Null und Schuldenbremsen. Eine umverteilende Steuerpolitik kann und muss die staatliche Einnahmebasis stärken. Deswegen muss die deutsche Steueroase für Konzerne, große Erben und Vermögende endlich ausgetrocknet werden.

Die fortschreitende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen muss gestoppt werden. Das 1,5 Grad Klimaziel darf nicht verfehlt werden. Der ökologische Umbau gelingt aber nur, wenn die betroffenen Menschen mitgenommen werden. Wir müssen Umwelt, Arbeit und soziale Sicherheit miteinander verbinden. Deswegen muss der Ausbau der erneuerbaren Energien wieder vorangetrieben werden. Der Deckel für Wind- und Solarenergie muss weg. Zudem brauchen wir einen massiven Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs. Eine Verteuerung des Energie- und Ressourcenverbrauchs (CO2-Steuer) muss für Gering- und Normalverdiener über Steuererleichterungen und Transfers sozial ausgeglichen werden. Die Finanzierung der Klimaschutzinvestitionen sollte über eine Vermögensabgabe erfolgen.

Was wollen Sie als Parteivorsitzende verändern?

Parteiarbeit muss basisorientierter sein. Die Mitglieder sollen künftig mitentscheiden. Ihre Anträge sollten auf Parteitagen vorrangig diskutiert werden. Im Parteivorstand sollten künftig nur noch maximal 50 Prozent Mandatsträger*innen und ihre Mitarbeiter*innen vertreten sein. Mindestens 50 Prozent der Mitglieder des PV sollten direkt aus den Kreisverbänden und Ortsvereinen kommen. Die Arbeitsgemeinschaften sollten, vertreten durch ihre Vorsitzenden, vollwertige Mitglieder des PV werden. Ihre Arbeit muss stärker unterstützt werden. Die politische Bildungsarbeit in der SPD muss wiederbelebt werden. Und der Austausch mit der Zivilgesellschaft muss intensiviert, der Lobbyismus abgebaut werden.

Wo seht ihr die größte Herausforderung, vor der die SPD steht?

Den Mut zu haben, sich klar von Inhalten, Strukturen und Personen zu lösen, welche die aktuelle Krise der Partei verursacht haben.

Wie steht ihr zu einer Regierungsbeteiligung der SPD im Bund?

Wer regiert, kann in unserer Demokratie gestalten. Entscheidend ist dabei, ob sozialdemokratische Inhalte in der jeweiligen Regierung zum Tragen kommen.

 

Hinweis in eigener Sache:

Liebe Leserinnen und Leser,

der „vorwärts“ hält Sie über das Verfahren für die Wahl des Parteivorsitzes auf dem Laufenden. Das betrifft das Verfahren genauso wie die Vorstellung der Kandidierenden oder später die Berichterstattung über Regionalkonferenzen. Anders als die klassischen Medien berichten wir als Mitgliederzeitung aber erst, wenn die Kandidierenden offiziell vom Wahlvorstand nominiert worden sind und damit auch alle vom Parteivorstand beschlossene Kriterien erfüllt haben. Dabei ist uns die Gleichbehandlung aller Kandidierenden wichtig. Deswegen stellen wir allen identische Fragen, und alle haben gleich viel Platz für das Interview. Über die Länge der Antworten zu den einzelnen Fragen können die Kandidierenden selbst entscheiden. Auf weitere Berichterstattung über einzelne Kandidierende (Einzelne oder Teams) verzichten wir im Sinne der Gleichbehandlung, bis die Bewerbungsphase abgeschlossen ist.

weiterführender Artikel

Kommentare

Kandidaten für den SPD Vorsitzich

Ich und andere wählen keine/n, der nicht ab sofort ständig eine SPD Nadel trägt.

SPD Vorsitz

Als NichtSPD-Mitglied würde ich mir Hans Martin Schulz als Parteivorsitzenden wünschen.
Er überzeugt mit seiner mutigen und glasklaren Aussagekraft !!
Genau das zeichnet ihn so aus !!
Er redet aus Überzeugung und emotional und nicht von einem Blatt Papier vorgeschriebener emotionsloser aufgeschriebenen Worte von Irgendjemand.
Danke das es Sie gibt !!!!!

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

Diese beiden sind sehr gute Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz!
Mit beiden Personen als Doppelspitze könnte der zwingend erforderliche,
nicht verhandelbare, Sozial-ökologische Transformationsprozess
(Hans-Jürgen Urban von der IG-Metall und Prof. Klaus Dörre haben zu diesem Tansformationsprozess sehr viel Sinnvolles geschrieben!) ernsthaft vorangetrieben und umgesetzt werden!

Problem: Seeheimer, Netzwerker und SPD-Wirtschaftsforum werden
hochwahrscheinlich von diesem Duo nicht begeistert sein.

Die SPD muss sich entscheiden: Will sie wieder linke und jetzt auch
ökologisch-soziale Volkspartei sein, die vom Bürger ernst genommen wird,
oder will sie lethargisch im immer noch 'Schröder-Blair-Papier-Modus' verbleiben?

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

Hallo Helmut,
Nein, da muß ich widersprechen, dieses Kandidatenduo ist nicht geeignet für den Vorsitz.

Hilde halte ich für diese Aufgabe schlicht ungeeignet. Sie wirkt zu bemüht und wenig sympathisch, sie ist nicht diejenige, die zusammenführt und der Partei zu Erfolgen in der Wählerschaft verhelfen kann.

Über Dierk kann ich leider gar nichts sagen, da er mir unbekannt ist.

Solidarische Grüße
Michael

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

Hallo Michael Tepperis,

Zu Hilde Mattheis:
Sie wirkt nach Deiner Ansicht "zu bemüht" - "zu wenig sympathisch". Was ist "zu bemüht"? Welche objektive Kategorie ist das? Wirkten z.B. Helmut Schmidt oder Herbert Wehner oder selbst Willy Brandt immer sympathisch? Sympathisch sein ist wichtig. Aber ist es wirklich entscheidend? Und es soll Leute geben, die wirken "auf den ersten Blick" "wenig sympathisch", sind aber real sehr sympathisch - auch deshalb, weil sie zu ihren Überzeugungen stehen und gerade nicht
JEDEM je nach politischer Windrichtung nach dem Mund reden!
"Zusammenführen": Welcher PV nach Kurt Beck hat wirklich 'zusammengeführt' (bei allem ehrlichen subjektiven Bemühen)? Der letzte 'Zusammenführer' war Johannes Rau. Solche Kaliber werden nicht in Massen geboren!
Die SPD sollte nicht auf einen Messias warten. Sehr gutes Bodenpersonal muss genügen!

Zu Dierk Hirschel
Du sagst, dass der Dir unbekannt ist. Mag sein. Dierk Hirschel ist ver.di-Chefökonom und ein ausgezeichneter Fachautor,
der der Sozialdemokratie viel Fachkompetenz verleihen kann, wenn man ihn denn lässt. Wenn Du ihn nicht kennst, kannst Du ihn auch eigentlich nicht beurteilen! Oder?

wenn Helmut

Schmidt in diesen Zusammenhang gestellt wird, darf das nicht ohne Widerspruch bleiben.

Er war, nach und neben Willi Brandt, der Womanizer schlechthin- da operiert man(n) an der Grenze zur absoluten Mehrheit.

Mit dem heutigen Personal geht der Trend zur anderen Grenze, der 5 % Hürde

Luxusproblem: Vielfalt wählbarer linker Kompetenz !

Der so dringend in Partei- und Regierungsverantwortung benötigte linke SPD-Flügel hat ein Luxusproblem: Jede Menge kompetenter Kandidat/innen mit "Schmackes"!!! Auch Mattheis/Hirschel wiegut beschrieben ! Im Kandidatenchor der scheiternden neoliberalen "Mitte" dem rechten SPD-Flügel, zu dem längst auch Genosse Vizekanzler Olaf Scholz gehört, versammelt sich prominent Schwarze Null und Hardliner in trauter Zweisamkeit.. Gemeinsam haben die beiden, dass sie (trotz selbigen Schulz-Debakels) auf wirklich peinliche Art wortbrüchig wurden und so enorm an Glaubwürdigkeit einbüßen. Scholz Umfaller was sein plötzlich gestiegenes Zeitbudget angeht, geht gerade aus guten Gründen in Dauerschleife durch die Medien. Da geriet fast in Vergessenheit, dass Genosse Boris Pistorius seine eig. Kandidatur kürzlich noch von d. Kandidatur von Juso-Chef Kevin Kühnert abhängig machte. Beide, Scholz u. Pistorius, geben so in arroganter Manier vor anzutreten um die Partei vor vermeintlich ungeeigneten Kandidat/innen zu retten. Unter dem Strich zeigen Scholz und Pistorius dadurch exemplarisch arrogant, dass es ihnen nicht um einen fairen Wettbewerb an neuen Inhalten und Konzepten geht, sondern um Machomacht !