Helmut Schmidt auf dem SPD-Bundesparteitag

Mit Herz und Seele "ein alter Sozi"

Lars Haferkamp05. Dezember 2011

Es ist das erste Mal seit 1998, dass Helmut Schmidt wieder zu einem SPD-Parteitag spricht. 9000 Sozialdemokraten, Gäste und Journalisten wollen seine Rede hören, drei mal mehr als ursprünglich erwartet. Die Parteitagshalle ist restlos überfüllt: Jeder Sitzplatz, jeder Stehplatz ist besetzt. Dicht gedrängt stehen Dutzende sogar zwischen den Stuhlreihen und in den Gängen.

Dann ist es soweit: Ein BKA-Beamter schiebt den 92-jährigen Helmut Schmidt im Rollstuhl in den Saal. Langanhaltender Applaus. Ovationen, noch ehe der Alt-Kanzler auch nur ein Wort sagt. 

SPD-Chef Sigmar Gabriel begrüßt den „ganz besonderen Gast“, den „Weltbürger“ und „kämpferischen Europäer“, den „Bundeskanzler Helmut Schmidt“. Erneut brandet Applaus auf. Oft und regelmäßig habe Schmidt in den letzten Jahren zur SPD-Bundestagsfraktion gesprochen, betont Gabriel. Schmidt habe die Einladungen angenommen mit den Worten: „Wenn so ein alter Sozi wie ich Euch helfen kann, dann tu ich das natürlich.“ Das zeige, wie eng das Verhältnis des Alt-Kanzlers zu seiner Partei sei. „Wir sind stolz darauf, dass Du einer von uns bist“, so Gabriel unter dem Beifall der Delegierten.

Isolation Deutschlands im Euro-Raum „hochgefährlich“
Schmidt ergreift das Wort. Seine Stimme ist zunächst leise, sofort tritt Stille ein und aufmerksames Zuhören erfüllt die Halle. „Ich habe mich gerne daran erinnert, wie ich heute vor 65 Jahren auf den Knien liegend Einladungsplakate für die SPD geschrieben habe“, beginnt Schmidt seine Rede. Und macht so klar: Ich bin und bleibe einer von Euch, heute wie vor 65 Jahren.

Leidenschaftlich ruft der Alt-Kanzler die Deutschen zu europäischer Solidarität auf. Eine Isolation Deutschlands im Euro-Raum sei „hochgefährlich“. Ohne den Namen des CDU/CSU-Fraktionschefs Volker Kauder zu nennen, der davon sprach, in Europa werde nun „deutsch gesprochen“, kritisiert Schmidt scharf diese „schädliche deutsch-nationale Kraftmeierei“. Auch FDP-Außenminister Guido Westerwelle tadelt er: Dieser solle lieber nach Lissabon und Athen reisen, statt im Nahen Osten Fototermine wahrzunehmen.

Immer wieder Worte der Verbundenheit mit seiner SPD
Schließlich wendet sich Schmidt an die SPD: „Eigentlich muss man nicht so sehr den deutschen Sozialdemokraten Solidarität predigen.“ Die SPD sei „in viel höherem Maße internationalistisch und solidarisch als Generationen von Liberalen und Konservativen“.

Erneut bekennt sich Schmidt zu seiner Partei: „Wir Sozis haben zugleich festgehalten an der Freiheit und Würde jedes einzelnen Menschen, an der parlamentarischen Demokratie. Diese Grundwerte verpflichten uns heute zur europäischen Solidarität“. Immer wieder hört man in Schmidts Rede Worte der Verbundenheit mit seiner Partei. Er sagt „wir Sozialdemokraten“. Er spricht die Delegierten und Gäste der SPD als „liebe Freunde“ an. Das berührt das sozialdemokratische Herz, es streichelt die sozialdemokratische Seele.

Nach eineinviertel Stunden beendet der Alt-Kanzler seine Rede. Applaus brandet auf. Zügig verlässt Schmidt das Podium. Er will sich nicht feiern, nicht bejubeln lassen. Doch der Beifall begleitet ihn, bis er seinen Platz im Plenum erreicht hat. Und darüber hinaus. Der Applaus steigert sich noch. Als wäre ihm so viel Beifall nicht ganz geheuer, steckt sich Schmidt eine Zigarette an und tut so, als hätten die „standing ovations“ gar nichts mit ihm zu tun. Mancher Delegierte muss schmunzeln, mancher lachen. Nach sechs Minuten schließlich verebbt der Applaus.

Sigmar Gabriel kennt Helmut Schmidt. Er scheint diese Szene geahnt zu haben, als er zuvor bei der Begrüßung Schmidts sagte: „Pathos ist Deine Sache nicht.“ So ist es wohl, das ist spürbar an diesem Tag.

Doch zugleich kann man auf diesem Parteitag die tiefe Zuneigung spüren, die Helmut Schmidt und seine SPD heute verbinden. Auch er wird das in diesem Moment empfunden haben, als er – leise lächelnd, fast scheu – die Ovationen seiner „Sozis“ entgegennimmt.

Wer dabei ist spürt, wie geeint die Sozialdemokratie ist in dem Wunsch: Helmut Schmidt möge auch beim nächsten Parteitag zu ihr sprechen. Mit Herz und Seele »ein alter Sozi« Helmut Schmidt Der Alt-Bundeskanzler zeigte der SPD: Ich bin einer von Euch

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