Nachlese zur Buchmesse in Leipzig

„Herta Müller hat mit der rumänischen Literatur nichts zu tun.“

Bernhard Spring21. März 2011

Was kennzeichnet die rumänische Literatur der Gegenwart?

Gabriela Adameşteanu: Unter den rumänischen Schriftstellern gab es einen starken Wandel um das Jahr 2003. In den ersten zehn Jahren nach der Revolution war das Interesse an
Erinnerungsliteratur sehr groß. Es dominierten die Autoren, die verschiedene Phasen des Sozialismus miterlebt hatten und nun unzensiert darüber schreiben konnten. Nach der Jahrtausendwende aber
trat eine neue Autorengeneration an die Öffentlichkeit. Sie schreibt weniger über die Vergangenheit, sondern vielmehr über die soziale Gegenwart Rumäniens. Diese Literatur erregt internationale
Aufmerksamkeit und wird häufig übersetzt.

Welche Themen greift die aktuelle rumänische Literatur auf?

Im Allgemeinen wird über den sozialen Niedergang des Landes geschrieben. Armut, Frust und Korruption sind die großen Motive der gegenwärtigen Literatur. Die Schriftsteller leben den Traum der
Auswanderung. Ich selbst weiß nicht, ob ich mich diesem negativen Bild anschließen soll. Derzeit schreibe ich an einem Roman, der in der Gegenwart spielt, aber ich kann noch nicht sagen, welcher
Ton überwiegen wird. Es ist schwer, sich der Stimmung im Land zu entziehen.

Woher rührt diese Enttäuschung?

Die Erwartungen nach dem Ende des Sozialismus waren einfach zu groß. Die Menschen glaubten, es würde alles besser werden. Doch die alten Machthaber blieben in Amt und Würden und eigneten sich
den Staatsbesitz an. Die Kollektivierung nach dem Weltkrieg verlief ja noch nach festgelegten Regeln. Aber der umgekehrte Vorgang ist völlig entgleist. So sind die Geheimdienstagenten und
Politiker von einst durch dunkle Machenschaften zu großen Kapitalisten geworden, während die einfache Bevölkerung zum großen Teil in einer schlechten Lage lebt. Die Bauern zum Beispiel wandern in
die Städte ab, wo sie arbeitslos und in Armut leben. Viele landwirtschaftliche Nutzflächen hingegen bleiben unbestellt zurück, wodurch die Produktion zurückgeht. Dabei ist Rumänien eigentlich ein
sehr fruchtbares, ertragreiches Land.

Darf über all die negativen Seiten der Gegenwart geschrieben werden?

Ja. Es gibt lediglich eine wirtschaftliche Zensur, die sich nach der Nachfrage und der Leserschaft richtet - wie überall. Eine politische Zensur gibt es allerdings nicht. Unter den Sozialisten
gab es diese Freiheit nicht. Da wurde jedes Buch vorzensiert und auch ich habe meine Manuskripte selbstzensiert, habe manches verschwiegen oder ausgelassen, damit es durch die Zensur kommt. Erst
nach 1990 erschienen meine Bücher ungekürzt.

Welche Rolle spielt die Literatur der Minderheiten in Rumänien?

Die größte Minderheit ist die der Ungarn. Sie sind politisch und kulturell sehr mit Ungarn verbunden, weniger mit Rumänien. Generell wird leider viel zu wenig Literatur der ungarischen und
auch der deutschen Bevölkerung übersetzt, um die rumänische Literatur zu beeinflussen.

Auch Herta Müller beeinflusst die rumänische Literatur also nicht?

Herta Müller hat mit der rumänischen Literatur nichts zu tun. Bei den Lesern in Rumänien ist sie sehr beliebt, hauptsächlich aufgrund ihrer Essays und der darin zum Ausdruck gebrachten
kritischen Haltung. Auf die Schriftsteller aber hat sie keinen Einfluss, zumindest denkt sie das. Vielleicht wird sich das ändern, jetzt, wo sie den Nobelpreis erhalten hat und man sie mehr
beachtet.

Welche Wirkung hat die Leipziger Buchmesse für die rumänische Literatur?

Der Wert der internationalen Präsenz ist nicht hoch genug einzuschätzen. Rumänische Literatur wird erst seit fünf Jahren regelmäßig übersetzt, wir hinken da also noch etwas hinterher. Aber das
Rumänische Kulturinstitut bemüht sich sehr um Aufmerksamkeit. In Leipzig ist man den rumänischen Autoren gegenüber aufgeschlossener als in Frankfurt und sogar in Paris. Vor allem junge Leser
zeigen sich sehr interessiert. Das gibt Hoffnung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde ermöglicht von Hildrun Schneider vom Schiller Verlag Hermannstadt, die aus dem Rumänischen übersetzte.

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