Vor 60 Jahren: 17. Juni 1953

Herbert Wehner: Brückenbauer

Vor 60 Jahren Herbert Wehner setzte 1953 den 17. Juni als "Tag der Deutschen Einheit" und nationalen Feiertag durch.

Herbert Wehner, 1906 in Dresden geboren, bereitete in den 50er und 60er Jahren den Weg zur Ostpolitik. Von 1949 bis 1966 war er Vorsitzender des Bundestagsausschusses für gesamtdeutsche Fragen. Scharf prangerte er politisches Unrecht und menschliches Leid in der DDR an. Auf dem Hamburger Parteitag der SPD von 1950 verlas er den „Brief aus Bautzen“. Politische Gefangene hatten diesen herausgeschmuggelt, um auf die unmenschlichen Haftbedingungen hinzuweisen.

1953, als sowjetische Panzer den Aufstand des 17. Juni niedergewalzt hatten, hatte Herbert Wehner die Idee zum „Tag der deutschen Einheit“. Er setzte den nationalen Feiertag durch, sogar gegen Widerstand von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Wehner unterstrich im Bundestag das „glühende Bekenntnis“ der Arbeiter zur Wiedervereinigung. Er forderte eine „neue Politik“ zur Überwindung der Spaltung. Damit meinte er sowohl Verhandlungen über die Einheit Deutschlands als auch konkrete Hilfen der Bundesregierung: mehr innerdeutschen Handel, Erleichterungen des Grenzverkehrs, Bemühungen um die Freilassung von Gefangenen. Schon 1953 forderte Herbert Wehner eine Politik der kleinen Schritte.

Der Kalte Krieg ging jedoch weiter, und die Teilung vertiefte sich. Wehner notierte im Frühjahr 1960, es werde wohl keinen direkten Weg zur Wiedervereinigung mehr geben. „Menschliche Beziehungen“ sollten die beiden Teile Deutschlands verklammern. Dafür müsse die SPD an die Regierung kommen. Vor diesem Hintergrund entstand die Bundestagsrede vom 30. Juni 1960, mit welcher Wehner die Mitgliedschaft in der NATO anerkannte und die SPD schließlich in die Große Koalition von 1966 führte. In ihr übernahm Herbert Wehner das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen.

Die Ostpolitik der Regierung Brandt befürwortete Wehner vehement. Als Fraktionsvorsitzender ab 1969 half er nach, wenn sie stockte. So 1973, als die DDR plötzlich die Ausreisen gestoppt hatte. Menschen, die ihre Wohnung, ihre Arbeitsstelle bereits aufgegeben hatten, saßen hilflos auf gepackten Koffern. Herbert Wehner beriet sich mit DDR-Anwalt Wolfgang Vogel und mit Bundeskanzler Willy Brandt. Er fuhr nach Ost-Berlin. Es war die erste und einzige DDR-Reise Wehners in seiner Zeit als aktiver Politiker, und sie fiel ihm nicht leicht. Schließlich galt er den Kommunisten als „Verräter“. Es hatte Kampagnen und Anschläge gegen ihn gegeben.

Der Draht Honeckers zu Wehner

Honecker aber kannte Wehner von früher. 1934 hatten sie im Saargebiet gemeinsam gegen den Anschluss an Nazi-Deutschland gearbeitet. Der spätere SED-Chef, damals Jugendfunktionär, schaute bewundernd zu dem Älteren auf. So gelang es am 31. Mai 1973, den deutsch-deutschen Karren flott zu machen. Häftlingsfreikäufe und Familienzusammenführungen wurden wieder in Gang gesetzt, besonders heikle Fälle zwischen Wehner und Honecker geklärt. Damit wurde zugleich ein Informations- und Diskussions-Kanal eingerichtet. Dieser führte direkt von Honecker über Vogel und Wehner zu Brandt.

Helmut Schmidt zögerte als neuer Kanzler ab 1974 keine Sekunde, die „Kontaktebene“ über Wehner fortzuführen. Manches Entspannungssignal hatte hier seinen Ursprung – und nicht zuletzt kamen Tausende von Menschen in Freiheit: Politische Häftlinge, Ausreisewillige und Familienreisende in dringenden persönlichen Angelegenheiten. Die Grenze wurde durchlässiger. Das war Wehners Beitrag, um die beiden Teile Deutschlands stärker miteinander zu verklammern.

Als 1989 die Mauer fiel, war die Klammer so stark, dass die deutsche Einheit kam. Herbert Wehner, für den ein Lebenstraum in Erfüllung ging, hat dies nicht mehr bewusst erlebt. Nach jahrelanger Krankheit starb er im Januar 1990..

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Sozialdemokraten, der sich im 20. Jahrhundert leidenschaftlich bemüht hat, menschliche Not zu lindern und der geholfen hat, die Mauer zu überwinden.

Von Christoph Meyer
Die Einheit war ihm nicht nur Auftrag sondern Herzensanliegen: Herbert Wehner, hier 1964, drei Jahre nach dem Mauerbau, auf dem SPD-Parteitag in Karlsruhe, mit Willy Brandt, Annemarie Renger, Georg Leber und Fritz Erler (v.l.).

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