Heimat-Debatte

Heimat endet nicht am Ortsschild

Manuel Möglich11. September 2018
Heimat kann mehr als ein Ort, mehr als zwei, drei Orte sein.
Heimat: Der Duden definiert sie geographisch. Aber Heimat ist mehr als ein Ort und kennt keine Grenze, findet Manuel Möglich
Weilburg oder Berlin? Wo man den ersten Kuss oder Rausch bekommt, ist ein Ort der Erinnerung. Ein Zuhause sucht man sich selbst aus.

Derzeit fahre ich oft in meine alte Heimat Weilburg. Das Adjektiv macht dabei schon sofort klar, dass es woanders eine neue Heimat geben muss, doch dazu später. Bleiben wir bei den Wurzeln, meiner Herkunft. Folgen Sie mir in eine idyllische, leicht hügelige Region mitten in Hessen.

Wilde Emotionen

Dort steht mein Elternhaus; dort befindet sich der Ort, an dem ich das Fahrradfahren genauso wie das Lesen und Schreiben lernte; dort bekam ich meinen ersten Kuss und war nicht nur das erste Mal berauscht, sondern auch hart gefrustet vom Dasein als Teenager an sich und dem verpennten Landleben im Allgemeinen. Kurzum: wilde Emotionen, auch weil diese eine Heimat irgendwann so nervte. Ein Anker war mir mancher Sport, Identität konnte besonders meine aufkeimende Leidenschaft für spezielle Musikgenres und alles was damit einherging stiften.

Die Erinnerungen an früher auf dem Dorf, meine Urheimat – wenn Sie wollen, sind glücklicherweise positiv besetzt. Doch das dürfte nicht für jeden gelten, es gibt Umstände, auf die ein Kind nun mal wenig Einfluss nehmen kann – wie auf seine Herkunft.

Ein Hafen der Geborgenheit

Der Duden definiert Heimat mit geographischen Begrifflichkeiten. Mir persönlich ist das zu wenig. Denn Heimat kann mehr als ein Ort, mehr als zwei, drei Orte sein. Sie ist ein Hafen der Geborgenheit und spendet Orientierung, heißt für mich: vor allem Familie und Freunde. Denken Sie gerade etwas anderes? Es wäre durchaus verständlich, weil Heimat so herrlich subjektiv ist.

Verlasse ich mein früheres Zuhause und mache mich auf den Weg in die Großstadt Berlin, die neue, frei gewählte Heimat, spüre ich es jedes Mal. Die Schauplätze von einst sind für mich heute maximal ein Surrogat. Lebendig bleiben dagegen die Erinnerungen. Und diese habe ich immer dabei. Deshalb endet Heimat nicht an einem Ortsschild, einer Grenze.

Was ist Heimat?
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Kommentare

Heimat, ja klar!

Heimat ist ein wichtiger Begriff, wie es in den Beiträgen schon geschildert wurde. Heimat kann man sich aber keineswegs aussuchen. Irgendwo wird man immer geboren, die Chancen im Leben lassen sich nicht alle nutzen. Ich bin im Norden geboren, und es würde mich traurig machen, wenn es im Zuge des Klimawandels überschwemmt würde. Ich verstehe auch andere Menschen in ihrer Sehnsucht, ganz gleich, woher sie kommen. Heimat ist keineswegs beliebig und für mich verbunden mit:

1.) Unterstützen der demokratischen und liberalen gesellschaftlichen Werteordnung,
2.) Beherrschen der Deutschen Sprache, Förderungen der Mundarten und einem pragmatischen Umgang mit anderen Sprachen.
3.) Partizipation an der Deutschen, lokalen und reglionalen Geschichte und den Lehren, die wir daraus gezogen haben.

Ich glaube, dass einem solchen Heimatbegriff viele aus der SPD zustimmen können, und damit dies ein Rahmen für all die heimatlichen Aspekte inkl. der "Dualen Identitäten" darstellt. Ja, ich würde mich freuen, wenn eine solche, gut debattierte Heimat Aufnahme in das Grundsatzprogramm der SPD Eingang finden würde.

Da wo man sich wohlfühlt und

Da wo man sich wohlfühlt und man sich zu Hause fühlt, dort ist "Heimat". Das man dazu bei uns in Deutschland Ihren Punkt 1.) verstehen und somit leben sollte versteht sich von selbst. Aber schon bei Punkt 2.) wird es schwierig. Haben Sie mal versucht einen echten Bayern aus den Alpen mit einem echten Ostfriesen von der Küste zusammen zu bringen? Da bestehen wenig bis keine Chancen auf Verständigung. Meinetwegen sollen die Mundarten lokal gefördert werden, um eine lokale Identität zu fördern, aber für ein gesamtdeutsches "Heimatgefühl", das hier beschworen werden soll, hat das wenig bis gegenteiligen Nutzen. Und Ihr Punkt 3.) ergibt sich doch schon aus Punkt 1.), oder was haben Sie für Lehren aus der lokalen, regionalen oder auch einfach aus der deutschen Geschichte gezogen?
Die Diskussion um den Begriff Heimat ist so überflüssig, wie die neuerliche Namensgebung des Innenministers zum Heimatminister. Wenn wir alle den Punkt 1.) in vollem Umfang beherzigen, dann haben auch alle Menschen eine Heimat. Alles andere dient nicht der Zusammenführung sondern der Ausgrenzung und der Spaltung.