Filmtipp

„Haus ohne Dach“: Auf Chaos-Tour durch Kurdistan

Nils Michaelis01. September 2017
Liya, Jan und Alan müssen einen heiklen Auftrag ausführen.
Liya, Jan und Alan müssen einen heiklen Auftrag ausführen.
Drei Geschwister suchen ein Grab in Kurdistan: Das Roadmovie „Haus ohne Dach“ erzählt von den Schatten der Vergangenheit im Irak und wirft einen persönlichen Blick auf das Thema Flucht.

Dieser letzte Wunsch ist ebenso verrückt wie gefährlich: Als ihre Mutter plötzlich verstirbt, sollen Liya, Jan und Alan sie heimlich an der Seite ihres Mannes, eines prominenten kurdischen Rebellens, begraben. Dafür müssen die Geschwister ein Grab ausfindig machen, das sie noch nie zuvor besucht haben.

Ein schwieriges Unterfangen

Es liegt irgendwo im irakischen Teil von Kurdistan, am Rande eines Dorfes, das es nicht mehr gibt. Saddam Husseins Truppen hatten es zerstört, als sie Ende der 80er-Jahre eine brutale Offensive gegen die Kurden starteten. Es war die Zeit, als Gule mit ihren kleinen Kindern in die Bundesrepublik floh. Diese müssen erst einmal der Großfamilie im Nordirak den Sarg der Mutter abluchsen. Mit aller Macht besteht der Onkel darauf, seine Schwester dort zu begraben. Dass hinter  seiner Sturheit ein dunkles Familiengeheimnis steckt, wird ihnen erst später klar.

Flucht – ein persönliches Schicksal

„Haus ohne Dach“ ist in mehrerer Hinsicht ein ungewöhnliches Roadmovie. Es ist die erste Filmproduktion, die in Irakisch-Kurdistan durchgezogen wurde, nachdem die Terrormiliz Islamischer Staat vor drei Jahren weite Teile des Iraks erobert hatte und viele Menschen in den kurdischen Teil des Landes geflohen waren. Plötzlich hatte das Thema Flucht eine ganz unmittelbare Dimension.

Es ist zugleich ein Thema mit autobiografischem Bezug. Mitte der 90er-Jahre machte sich Regisseurin Soleen Yusef mit ihren Eltern auf nach Deutschland. Die heute 30-Jährige wuchs in jener Stadt auf, in der Gules Hinterbliebene ihren Trip mit dem Sarg auf der Ladefläche eines Pick-ups beginnen.

Ungewöhnlich – sowohl vor dem persönlichen wie auch vor dem aktuellen Hintergrund – ist der sachliche, bisweilen von leisem Humor durchzogene Ton, mit dem Yusef diese Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die durchaus Potenzial für eine gefühlige oder schrill-komische Erzählung gehabt hätte.

Fremde Welt

Beide Extreme tauchen in dem Ergebnis allerdings ohnehin auf, wenn auch eher als punktuelle Nuancen. Es überwiegt der präzise Blick auf eine Schwester und zwei Brüder, die sich in der neuen Situation erst einmal zurechtfinden müssen. Nicht nur beim Transport von Mutters Leiche oder im ungewohnten Alltag Kurdistans, auch im Umgang miteinander. In dem ihnen heimischen Berlin waren sie auf Distanz gegangen, so verschieden sind sie.

Zerstrittene Geschwister

Liya ist Musikerin und kommuniziert mit der Außenwelt vor allem über ihre sehnsuchtsvollen Lieder. Der ebenso exzessive wie verantwortungslose Alan stiefelt am liebsten durch die Clubs. Jan hingegen versucht sich in seiner Rolle als konservatives Familienoberhaupt, das alles kontrolliert und niemandem vertraut. Das Leben seiner Geschwister ist ihm zuwider. Außerdem wird er, der mit der Mutter vor Kurzem in die kurdische Welt der Vorfahren zurückgekehrt war, bald Papa.

Wollen sie Gule wie von ihr gewünscht beisetzen, müssen sie sich zusammenraufen. Zunächst herrschen Misstrauen und gegenseitige Beleidigungen vor, doch unterwegs auf staubigen Straßen in weiten Tälern öffnen sich die drei: sowohl für die anderen als auch dafür, sich den eigenen Defiziten zu stellen.

Blanker Horror

Zum Glück vermeidet es Yusef, Land und Leute zu idyllisieren oder in allzu dramatischen Farben zu malen. Vielmehr  bemüht sich der Film um  Eindruck von Alltäglichkeit. Als sich gegen Mitte der Handlung die Nachricht vom Vormarsch des IS verbreitet, ist es mit der stoischen Ruhe am Checkpoint allerdings vorbei.

Plötzlich betritt der blanke Horror, wenn auch unsichtbar, die Szenerie, den markigen Parolen des Soldaten zum Trotz. Und damit zugleich die Furcht dreier Erwachsener, dass sich die Schrecken ihrer Kindheit wiederholen. Yusef folgte damit ihrer Intention, dem Thema Flucht eine persönliche Dimension zu verleihen, anstatt Geflüchtete als graue Masse zu zeigen oder politische Botschaften zu verbreiten.

„Haus ohne Dach“ ist Yusefs Spielfilmdebüt und die Abschlussarbeit ihres Regiestudiums. Dafür wurde sie mit dem Förderpreis „Neues Deutsches Kino“ ausgezeichnet. Man darf gespannt sein, ob sie sich ihren so unaufgeregten wie genauen Blick bewahrt, mit dem sie die von den Schrecken der Vergangenheit und der Gegenwart erzählt.

 

Info: „Haus ohne Dach“ (Deutschland/Irak/Katar 2016), ein Film von Soleen Yusef, mit  Mina Özlem Sağdıç, Sasun Sayan, Murat Seven, u.a., 117 Minuten. Jetzt im Kino

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