Kommentar von Dietrich Jörn Weder

Haltlose Börsen und politische Entscheidungen

Dietrich Jörn Weder11. August 2011

Zu diesen gehört auch der Aufkauf spanischer und italienischer Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Mit diesem Ankauf habe man ein Ausufern der bis dahin "schwersten Krise
seit dem Zweiten Weltkrieg" verhindert, sagt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Der mühsam beigelegte Streit um die amerikanischen Staatsschulden und die fortwährenden Zweifel an der
Zahlungsfähigkeit einiger Euro-Länder hatten sich zu einem Gebräu allgemeiner tiefer Verunsicherung zusammengemischt.

Obwohl deutsche Großunternehmen die besten Ergebnisse ihrer Geschichte erwirtschaften, wurden ihre Aktien wie welkende Kohlköpfe am Ende eines Markttages in Torschlusspanik verramscht. Es
keimte die Sorge auf, dass eine von den Märkten erzwungene, rasche Haushaltssanierung in den Defizitländern die Konjunktur abwürgen könnte.

Ohne solche weiterreichenden Befürchtungen hätte die Herabstufung der Bonität amerikanischer Schuldtitel die Wertschätzung deutscher Spitzenunternehmen wohl kaum in Mitleidenschaft gezogen.
Bekommen BASF oder Siemens etwa weniger Aufträge, wenn die EZB zur Beruhigung der Märkte Schuldpapiere Spaniens oder Italiens kauft? Die "fundamentalen Daten der Volkswirtschaft" bieten keine
Begründung für den neuerlichen Kurssturz, sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger.

"Kopfloses Herdenverhalten"

Die Debatte über ausufernde Staatsschulden hat wohl den Anstoß zu dem Kurssturz an den Börsen gegeben, und wenn an der Börse einmal ein Schneeball ins Rollen kommt, wird leider allzu häufig
eine Lawine daraus. Mit seinen Befürchtungen steckt da der eine den anderen an. Bofinger und andere professionelle Beobachter sehen darin ein kopfloses Herdenverhalten. Um frühere Kursgewinne
wenigstens zum Teil zu retten oder um nicht allzu tief ins Minus zu rutschen, verkauften Anleger ihre Papiere zu jedem gerade noch erzielbaren Preis.

Ein von Computern, von mathematischen Modellen und nur noch kurzatmigen Überlegungen gesteuerter Handel scheint das alles noch zu verschlimmern. Die Bewertung von Aktien wird zu einer
höchstwackligen Angelegenheit, wenn ihr Kauf nur dem kurzzeitigen Zwischenparken von umher vagabundierendem Geld dient. Die Politik wird sich über kurz oder lang auch an eine Regulierung der
außer Rand und Band geratenen Märkte wagen müssen, um nicht zu immer tiefer in die Abhängigkeit von diesen zu geraten.



Eine Agentur macht Weltpolitik

Es ist absurd, dass ein privates, nur sich selbst verantwortliches Unternehmen, die Rating-Agentur Standard & Poor, die Kreditwürdigkeit der USA beurteilen darf und alle Welt dieses
mangelhaft begründete, letzten Endes vollkommen willkürliche Urteil für bare Münze nahm. Nur diese Minderbewertung wurde allgemein wahrgenommen, auch wenn eine andere Agentur, Moody's, diese
Herabstufung für falsch erklärte.

In der Sicht der ersteren Agentur sind jetzt nur noch 16 Staaten dieser Erde erstklassige Schuldner mit der Bestnote AAA. Und unter diesen nur halb- und mittelgroßen Staaten ist die deutsche
Bundesrepublik schon das Land mit der stärksten Wirtschaftskraft. Diese kleine Staatengruppe ist naturgemäß überhaupt nicht in der Lage, dem gewaltigen Geldüberhang in der Welt Heimat zu bieten.
Deren Staatsanleihen werden nun noch mehr zur gefragten Mangelware werden, die sich mit noch geringeren Zinsen auflegen lassen.

Kein Zurück zur D-Mark

Das erleichtert die Finanzierung der öffentlichen Haushalte in Deutschland und bringt uns doch keine Ruhe an der Euro-Front. Immer wieder wird die Spekulation versuchen, den schon
angezählten Euro-Schuldnern noch höhere Zinsen abzuverlangen, mit der möglichen Folge, dass der Euro-Währungsraum als Ganzes unter der Last zu wanken beginnt und im schlimmsten Fall
auseinanderbricht. Dagegen helfen nur gemeinsam begebene Anleihen - ob sie nun Eurobonds heißen oder nicht. Deren Erlöse können mit Auflagen und Abschlägen an die stützungsbedürftigen
Euro-Partner weitergereicht werden.

Ein Zurück zu D-Mark oder ein Hin zu einer Mini-Euro-Gruppe wird es nicht geben, und wenn doch, hätte Deutschland wahrscheinlich den größten Schaden davon. Der dann über uns hereinbrechende
Aufwertungsdruck würde die deutschen Unternehmen aus Märkten werfen, in denen sie gerade so überaus erfolgreich sind. Die Schweiz, die sich mit Händen und Füßen gegen die Aufwertung des Franken
zu wehren versucht, steht uns als warnendes Beispiel vor Augen.

Gerüchte, Gerüchte

Die absurdesten Gerüchte genügen, um die Börse immer von neuem in Schrecken zu versetzen. Unfundiertes Gerede, die Rating-Agenturen wollten Frankreich die Erstklassigkeit als Schuldner
aberkennen, ließen am Mittwoch zuerst französische und in ihrem Gefolge auch deutsche Finanzwerte im Kurs abstürzen. Es ist keine wirkliche Ruhe in die zeitweilig völlig kopflosen Märkte
eingekehrt. Jeder leise begründete oder auch gänzlich unbegründete Zweifel an der Kreditwürdigkeit Schulden aufnehmender Staaten versetzt Investoren in helle Aufregung. Die Aktien davon
eigentlich unbetroffener Unternehmen kommen dabei gleich mit unter die Räder.