Interview mit Manfred Zöllmer (MdB)

Haiti: Erst Soforthilfe, dann Reformen

Vera Rosigkeit26. Januar 2010

vorwärts.de: Wo liegen nach dem Erdbeben in Haiti derzeit die größten Probleme?

Manfred Zöllmer: Die gesellschaftliche und politische Lage in Haiti war bereits vor dem verheerenden Erdbeben extrem fragil. Nur durch die Präsenz der UN-Truppen konnte ein
gewisses Maß an Sicherheit und Ordnung garantiert werden. Auch die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln konnte nur durch Hilfe von außen gesichert werden.

Die bereits vorhandenen Probleme haben sich durch das Beben vervielfacht. Jetzt kommt es zuerst darauf an, medizinische Soforthilfe zu leisten und die Versorgung der Bevölkerung mit
Lebensmitteln zu sichern. Da die ohnehin marode Infrastruktur des Landes völlig zerstört ist, müssen die Voraussetzungen für die Nothilfe aus der Luft geschaffen werden und die Häfen wieder
funktionsfähig gemacht werden.



Die Spendenbereitschaft der Bürger ist sehr groß. Wie kann man jetzt am besten helfen?


Es ist großartig zu sehen, wie stark sich die Bundesbürger für dieses geschundene Land engagieren. Hilfe braucht Geld; deshalb bitte ich Sie, spenden Sie auch weiterhin. Natürlich muss
jetzt auch die Bundesregierung handeln. Sie muss die Mittel für die Haiti-Soforthilfe deutlich erhöhen und mehr für die Entwicklungszusammenarbeit tun. Herr Niebel tut bisher nicht dass, was
notwendig wäre.



Worauf sollte man achten, wenn man spenden möchte? Können Sie Empfehlungen geben?


Nicht alle Spendenaufrufe sind seriös. Informieren Sie sich bitte, bevor sie spenden.

Es macht Sinn an die großen Hilfsbündnisse wie "Aktion Deutschland Hilft" oder "Bündnis Entwicklung Hilft" zu spenden. Dort haben sich mehrere Organisationen zusammengeschlossen. Sie sind
am ehesten in der Lage mit den Problemen vor Ort fertig zu werden und eine Hilfsinfrastruktur aufzubauen. Eine gute Orientierung bietet auch das Spendensiegel vom
Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI).

Wie kann das Land nach der Katastrophe politisch wieder stabil werden?

Nach der humanitären Hilfe ist die Gewährleistung von Sicherheit die wichtigste Herausforderung für Haiti. Die Polizei und das Justizwesen haben bereits vor dem Erdbeben nur völlig
unzureichend funktioniert. Die internationale Gemeinschaft hat mit der UN Friedenstruppe unter brasilianischer Führung beim Aufbau funktionierender Strukturen auf diesem Gebiet gute Arbeit
geleistet. Es ist deshalb richtig und notwendig die Zahl der UN-Soldaten aufzustocken. Auch die USA leisten einen hervorragenden Beitrag. Der Wiederaufbau des Polizeiapparates, eine
funktionierende Justiz, eine Reform des Wahlsystems verbunden mit Wiederaufbau und wirtschaftlicher Entwicklung sind die Schlüsselelemente für eine Stabilisierungsstrategie in Haiti.

Das Spendensiegel vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) finden Sie unter

www.dzi.de

Manfred Zöllmer ist stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung im deutschen Bundestag. Im letzten Jahr besuchte er mit einer Delegation des Deutschen Bundestages Haiti.