Bildungsgerechtigkeit

Warum gute Schulen und Kitas für alle systemrelevant sind

Benedikt Dittrich06. Juli 2020
Schulische Bildung ist nur ein Schwerpunkt der Arbeit der AfB: Seit 100 Jahren kümmert sich die SPD-Arbeitsgemeinschaft um Bildungsfragen.
Schulische Bildung ist nur ein Schwerpunkt der Arbeit der AfB: Seit 100 Jahren kümmert sich die SPD-Arbeitsgemeinschaft um Bildungsfragen.
Die Corona-Krise hat verdeutlich, wie wichtig ein funktionierendes Bildungssystem für die Gesellschaft ist.
Die Corona-Krise hat verdeutlich, wie wichtig ein funktionierendes Bildungssystem für die Gesellschaft ist.
Im Lockdown wurde vielen schlagartig bewusst, wie wichtig Schulen und Kitas für die gesamte Gesellschaft sind. Das ist eine große Chance, sagt Bildungsökonomin C. Katharina Spieß

Mitte März wurden in Deutsch­land Kitas und Schulen ge­schlossen, vier Monate spä­ter sind die Bildungseinrichtungen nach wie vor auf der Suche nach neuen Routinen. Wie genau der Unterricht nach den Sommerferien wieder an­laufen kann, ist noch unklar.

Dabei sind die Einrichtungen und vor allem das pädagogische Fachpersonal zentral für eine gute Bildung der Kinder und Jugendlichen, wie die Bildungsöko­nomin C. Katharina Spieß erklärt. Trotz aller Bemühungen der Eltern, ihren Nachwuchs zu Hause zu betreuen, zu unterstützen und zu motivieren: „Eltern können keine Lehrkräfte ersetzen“, sagt die Expertin. Hinzu kommt, dass die Corona­krise bestehende Ungleichhei­ten noch verschärft haben dürfte. Denn nicht jede Familie wurde von der Coro­ na­Krise gleich stark getroffen und nicht jedes Kind hat zu Hause die gleichen Voraussetzungen, um eine Gleichung zu lösen oder einen Aufsatz zu schreiben.

Während Lehrer per Videokonferenz unterrichteten und Aufgabenzettel di­gital verteilten, konnten sich Schüler monatelang den Weg zur Schule spa­ren. Doch das ist nur auf den ersten Blick für alle von Vorteil. Denn ob das Kind in einem eigenen Zimmer lesen, schreiben und rechnen kann oder sich wenige Quadratmeter noch mit Eltern oder Geschwistern teilen muss, macht einen riesigen Unterschied. „Tatsäch­lich gibt es einen großen Zusammen­hang zwischen der Leistungsstärke der Kinder und ihrer häuslichen Lernumge­bung“, erklärt Spieß. „Sei es der eigene Schreibtisch, das eigene Zimmer, der eigene PC, an dem besser gelernt werden kann – hier schneiden leistungsschwächere Kinder nicht so gut ab, ihre häusliche Lernumgebung ist schlechter“, sagt die Wissenschaftlerin, die an der Freien Universität Berlin den Lehrstuhl für Bildungs­ und Familien­ökonomie innehat.

Wer Ruhe und Platz hat, lernt besser

Gleichzeitig ist die häusliche Lernumge­bung in der Corona­Krise eben die einzi­ge gewesen, die den Kindern zur Verfü­gung stand, während die Schulen dicht waren. Deswegen misst die Professorin für Bildungs­ und Familienökonomie ebenjener Lernumgebung in der Krise eine noch größere Bedeutung als zuvor zu. Dazu zählen die Größe der Wohnung und andere Faktoren, die das lernver­ halten und die Motivation der Schüler beeinflussen.

Spieß befürchtet, dass sich schon vorhandene Ungleichheiten deshalb während der Krise noch verstärkt ha­ben. „Bildungsbenachteiligte Kinder oder solche mit Lernproblemen, die oh­nehin Schwierigkeiten im Schulsystem haben, haben durch die Schul­- und Kita­schließungen größere Probleme als viele andere.“

Schon vor Corona fehlte Personal

Spieß, die zusätzlich zu ihrer Professur auch die Abteilung Bildung und Familie am Deutschen institut für Wirtschafts­ forschung (DiW) in Berlin leitet, ist in­des nicht überrascht von den Heraus­forderungen, vor denen das deutsche Bildungssystem jetzt steht. Denn wie im Gesundheits­- und Pflegebereich fehlt im Bildungsbereich ebenfalls das Personal. „Uns fehlen viele pädagogische Fach­kräfte. Das hat aber nicht nur mit der Aus­- und Weiterbildung, sondern auch mit den niedrigen Löhnen zu tun“, er­ läutert sie.

Ein Problem, dass das Konjunkturpa­ket nicht lösen könne, da der Bund nicht in die Tarifautonomie eingreifen dürfe. Qualifikationsmaßnahmen könnten al­lerdings indirekt Akzente setzen und die Attraktivität der Berufe steigern, meint Spieß. Außerdem sollten bildungsbe­nachteiligte Schüler*innen gerade jetzt unterstützt werden, damit sie aufholen könnten, was sie im Lock­down verpasst haben.

„Wir vergessen häufig, dass eine gute Kita­ und Grundschulbildung sich auch langfristig bezahlbar macht“, ergänzt Spieß. Aus ihrer Sicht sind investitionen in den Bildungsbereich deswegen ähn­lich nachhaltig wie in Klimatechno­logien, sie machten sich aber erst nach 20, 30 Jahren bezahlt. „Wenn die nach­folgende Generation unsere Schulden bezahlen soll, dann müssen wir in diese Generation investieren. Das geht in der Diskussion teilweise leider unter.“

Und so kann sie der Corona­-Krise auch etwas Positives abgewinnen: „Es ist sehr deutlich geworden, welche Be­deutung Kitas und Schulen für die Ver­einbarkeit von Beruf und Familie und für Familien schlechthin haben.“

Diese Aufmerksamkeit sieht die Wissenschaftlerin als Chance, die die Bildungs-­ und Familienpolitik nutzen sollte. „ich hoffe, jetzt haben mehr Wäh­lerinnen und Wähler gespürt, wie zen­tral diese Dienstleistungen für unsere Gesellschaft sind.“

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Kommentare

Paradebeispiel !

Die Defizite bei Ausstattung, Personal, Weiterbildung, Gebäuden und Infrastruktur in deutschen Schulen sind geradezu ein Paradebeispiel wie vor dem "coronabedingten" Multi-Milliarden-Konjunktur-Paket mit einer "schwarze Null"-Dogmatik und ausbleibender Steuergerechtigkeit, systemrelevante Bereiche unseres Staates kaputtgespart wurden.
Gerade deshalb ist es doch eine enorme Dreistigkeit, wenn dieser demokratiebedrohende falsche Sparkurs (gespart wurde bei den Benachteiligten und in wirklich syst.relev.Bereichen!) von seinen Protagonisten (an deren Spitze in chronologischer Reihenfolge Wolfgang Schäuble und Olaf Scholz) jetzt als Vorsorgemaßnahme zur späteren Bekämpfung der Folgen angeblich unvorhersehbarer Katastrophen wie der aktuelle Covid19-Pandemie umdeklariert wird ! Wenn das sozialdemokratische Politik sein soll, dann gute Nacht meine geliebte SPD !

ich würde Ihnen

gerne mal zustimmen, kann dies hier aber nicht. Bildung ist in erster Linie eine Frage der Bereitschaft, lernen zu wollen- das muss ggf im Elternhaus vermittelt werden. Mit allem Geld der Welt kommen Sie dort nicht weiter, wo der Wert der Bildung nicht erkannt, oder wo Bildung sogar als schädlich, weil einflussmindernd beurteilt wird.
Wenn Sie also was erreichen wollen, müssen Sie an die Familien ran, und zwar so, dass es sich für diese lohnt, die Bildung der Kinder, ggf auch gegen den Einfluss der Religionsgemeinschaft zu gewährleisten- Kindergeldentzug bei Schulverweigerung wäre eine Maßnahmen, natürlich nicht durchzusetzen, derzeit, aber sicher wirksamer, also Geld über die Schulen zu schütten

"Der Apfel fällt nicht weit

"Der Apfel fällt nicht weit vom Baum" .... meines Erwachtens und was ich in meinem Umfeld wahrnehme, kommen viele Kinder aus Familien, wo die Eltern ihrerseits auch mit wenig Neigung zur einer guten Schul- und Berufsausbildung erzogen wurden. Dieses "soziale Erbe" über Generationen muss durchbrochen werden mit mehr Aufklärung und entsprechenden Angeboten an die Kinder und Eltern. Soweit mir bekannt ist, ist DE ein Land mit den schlechtestens Aufstiegschancen für Kinder aus bildungsfernen Familien. DE wird es sich auf Dauer nicht leisten können, auf ein solches "schlummernde Potentioal" zu verzichten. Umgekehrt gehts ja auch, wenn man sich einige Koryphäen aus s.g. gutem Elternhaus mit "hervorragender Bildung" ansieht, die aber letzendlich nichts gerafft kriegen und fehl am Platze sind.

Bildungsoffensive

Gerade die "Coronakrise" hat doch gezeigt, daß Kita und Schule essentielle Elemente des sozialen Lebens der Kinder und Jugendlichen sind. Als der Lockdown so halb zu Ende war kamen sie gerne in die Schule, einerseits wegen der sozialen Kontakte, aber sie kamen auch mit Vorschlägen zu Lerninhalten, die sie sich wünschen. Ich konnte da nur sagen: mal sehen wie sich das mit dem Lehrplan vereinbaren läßt. Also Lernwille ist da, und von Online waren die meisten nicht begeistert.
In den 1970er Jahren, Ära Willy Brand, wurden gesellschaftliche Rahmenbedingungen geetz, die auch Arbeiterkindern Abitur und Studium ermöglichten, und ganze besonders ist hervorzuheben, daß auch vermehrt Mädchen diese Bildungwege ermöglicht wurden. Das hat öffentliches Geld gekostet, aber von dem Technologiefortschritt zehren wir noch heute. Die Bildungsoffensive war auch notwendig weil die DDR, durch die Grenzschließung, keine Gutausgebildeten mehr gratis lieferte.