Betriebsrätebefragung der IG Metall

Gute Arbeit – gut in Rente

Anina Kühner17. August 2012

Ist die Rente mit 67 realisierbar? Gibt es in deutschen Unternehmen tatsächlich die Möglichkeit, gesund bis ins Alter zu arbeiten? Hat man mit über sechzig Jahren überhaupt noch Chancen, einen Einstieg in die Arbeitswelt zu finden? Diese Fragen stellte die IG Metall einer hohen Zahl von Betriebsräten – mit erschreckenden Ergebnissen. 

Bei der Pressekonferenz der IG Metall am vergangenen Donnerstag stellten der Zweite Vorsitzende Detlef Wetzel und das Geschäftsführendes Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban die Ergebnisse ihrer Betriebsrätebefragung vor. „Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden unter den heutigen Arbeitsbedingungen nicht bis 67 arbeiten können. Das hat unsere Befragung mit Nachdruck bestätigt“, so Wetzel. Urban ergänzte: „Gerade einmal vier Prozent der Beschäftigten sind über sechzig Jahre alt, nur knapp ein Prozent über vierundsechzig!“

Der flexible Ausstieg aus dem Arbeitsleben bietet für die IG Metall die einzige humane Möglichkeit, die Rente mit 67 ohne flächendeckende Altersarmut zu verwirklichen. Aus Sicht der Gewerkschaft ist es dringend notwendig, Arbeitsplätze altersgerecht zu gestalten. Dies komme heute in den meisten Betrieben noch zu kurz.

Schlechte Bedingungen, schlechte Perspektiven

Dass der Bedarf an Arbeitnehmern über 60 Jahren durch den Fachkräftemangel steige, sei eine Illusion, die von Arbeitgeberverbänden und Bundesregierung aufgrund von Eigeninteresse genährt werde, so Hans-Jürgen Urban. Das Umfrageergebnis der IG Metall vermittelt tatsächlich ein anderes Bild. In rund 44 Prozent der Betriebe gibt es demnach gar keine Beschäftigten über 63 Jahre. Dies liegt nach Einschätzung der Betriebsräte in erster Linie an der nicht altersgerechten Ausstattung von Arbeitsplätzen. So gehen 80 Prozent der Befragten davon aus, dass die Beschäftigten das gesetzliche Rentenalter nicht gesund erreichen können. Es fehlen zudem Qualifizierungsangebote für Ältere in 97 Prozent der Unternehmen. Auch der flexible Ausstieg beispielsweise durch Altersteilzeit bleibt in den meisten Fällen schwierig bis unmöglich. „Für die Beschäftigten heißt das immer öfter: Zu kaputt für die Arbeit ­– zu jung für die Rente!“, fasste Urban das Ergebnis der Befragung zusammen. Das mangelnde Vertrauen gerade der jüngeren Generation in die Sicherheit ihrer finanziellen Alterssicherung schlägt sich ebenfalls in der Umfrage nieder: Gerade einmal 15 Prozent der vor 1964 Geborenen, die von der Rente mit 67 voll betroffen sein werden, gehen davon aus, mit ihrer Alterssicherung „gerade so über die Runden zu kommen“.

Dringend notwendig: Flexibilität beim Arbeitsausstieg

Als Konzept, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, sieht die IG Metall den „demografischen Interessenausgleich“ vor. Darunter versteht die Gewerkschaft eine bessere Einstellung der Unternehmen auf ältere Belegschaften. So sollen Arbeitsplätze alters- und alternsgerecht gestaltet und ältere Arbeitnehmern automatisch von Schicht- oder Nachtarbeit freigestellt werden. Müssen Ältere trotzdem früher aus dem Arbeitsleben aussteigen, sollen Arbeitgeber die Rentenabschläge ausgleichen.

Die Gewerkschaft sieht sich hier in der Pflicht und wird das Thema „Rente mit 67“ 2013 zum Wahlkampfthema machen. Für sie steht das Alternativmodell unter der Überschrift „Statt Einheitsrente mit 67 für alle – Wahlmöglichkeit für jeden!“ Flexible Ausstiegsmodelle auch durch eine öffentliche Förderung gleitender Übergänge sollen so verschiedene Möglichkeiten des Renteneintritts bieten. Dass dies in Kooperation mit Unternehmen möglich ist, soll am Beispiel verschiedener „Leuchttumbetriebe“ demonstriert werden. In dieses Projekt sind unter anderem einzelne Standorte von Volkswagen und Daimler sowie die Salzgitter AG eingebunden. „Wir sind gegen die Rente mit 67.“ , stellte Urban klar. „ Aber wir wollen den Menschen ermöglichen, im individuellen Fall auch bis in dieses Alter arbeiten zu können. Dafür sind allerdings einschneidende Veränderungen in den Unternehmen notwendig.“

Die IG Metall wird zu ihrem Konzept vom 5. bis zum 9. November 2012 unter dem Motto „Gute Arbeit – gut in Rente“ Aktions- und Informationstage in Betrieben und Verwaltungsstellen durchführen.

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