Pandemie

Guatemala und Honduras: Gesellschaften wegen Corona unter Druck

Ingrid Ross06. Mai 2020
Die Corona-Pandemie hat auch Zentralamerika erreicht. In Guatemala wächst der Zuspruch für den neuen Präsidenten wächst. Im Nachbarland Honduras sind die Hilfsmaßnahmen hingegen unzureichend.

In den zentralamerikanischen Ländern Guatemala und Honduras geraten bereits fragile Wirtschaften und von Armut geprägte Gesellschaften durch die Pandemie unter Druck. Die großen sozialen und wirtschaftlichen Missstände haben in den vergangenen Jahren die Migration gen Norden angetrieben. Zuletzt sorgte das Phänomen der Migrant*innenkarawanen für Schlagzeilen, in denen sich verzweifelte Männer, Frauen und Kinder zusammenschlossen, um gemeinsam den Fußmarsch in Richtung USA auf sich zu nehmen – viele von ihnen mit kaum mehr als den eigenen Kleidern am Leib. Armut, unzureichende Einkommensmöglichkeiten und eine desolate Sicherheitslage zählten zu den Beweggründen der Migrant*innen, ihre Heimat zu verlassen. In vielen Gebieten – insbesondere in Honduras – terrorisieren zudem kriminelle Banden die Bevölkerung, erheben Wegzölle und erpressen Schutzgeld.

Ausgangssperre in Honduras strikter als in Guatemala

Doch nun ist das Ventil der Migration verschlossen, Ausgangssperren und Abriegelungen von Landkreisen sowie die Schließung von Landesgrenzen entlang der Migrationsrouten führen zu einer ausweglosen Lage. Durch die Maßnahmen des Gesundheitsschutzes, die die Regierungen im Zusammenhang mit dem Covid-19 Virus angeordnet haben, haben sich die Problemlagen verschärft, die zu den Triebfedern der Migration zählen. 

Die Ausgangssperre ist in Honduras sehr viel strikter als in Guatemala: Jede Person darf nur an einem Wochentag tagsüber das Haus verlassen. So sind viele Menschen, die auf ihre Tagesverdienste angewiesen sind, um ihre Einkünfte gebracht, denn in beiden Ländern ist die große Mehrheit der erwerbstätigen Bevölkerung im informellen Sektor beschäftigt. Schätzungen der Interamerikanischen Entwicklungsbank vom April 2020 zufolge sind es in beiden Ländern jeweils circa 80 Prozent der Beschäftigten, die über keinen festen Arbeitsvertrag oder soziale Absicherungen wie etwa eine Arbeitslosenversicherung verfügen. 

Maßnahmen der Regierung unzureichend

Zwar hat die honduranische Regierung Ende März die Verteilung von Lebensmitteln an bedürftige Haushalte beschlossen („Honduras solidaria“), doch ist diese angesichts der großen Not unzureichend. Seit der Verhängung der Ausgangssperre am 15. März kommt es immer wieder zu kleineren Protesten und Straßenblockaden, die zum Teil von Sicherheitskräften gewaltsam aufgelöst werden. Die Demonstrierenden fordern so Grundlegendes wie Lebensmittel und Wasser. Denn zu allem Überfluss erlebt die Hauptstadt Tegucigalpa seit Beginn des Jahres eine Dürreperiode, so dass das Trinkwasser rationiert wurde und es nur wochenweise in den unterschiedlichen Stadtvierteln fließendes Wasser gibt. 

Drakonische Strafen gegen Verstöße der Ausgangssperre, das harsche Vorgehen der Sicherheitskräfte und Korruption bei der Verwaltung der Mittel für die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie haben die ohnehin geringe Popularität des Präsidenten weiter sinken lassen. Weite Teile der Bevölkerung betrachteten die Wiederwahl von Juan Orlando Hernández 2017 als verfassungswidrig und die Wahl als manipuliert, so dass die Regierung ohnehin kaum über Legitimität verfügt.

Guatemala: Zuspruch für neuen Präsidenten

In Guatemala hat Präsident Alejandro Giammattei, der erst seit 100 Tagen im Amt ist, in der Krise hingegen an Zuspruch gewonnen – auch wenn er sich bislang weigert, ein Gesetz über die Fortsetzung von Strom-, Wasser-, Telefon- und Internetversorgung in Kraft zu setzen, falls die Konsument*innen ihre Rechnungen nicht zahlen können. Der ausgebildete Arzt ist durch die täglichen Pressekonferenzen omnipräsent, hat nach Korruptionsvorfällen für den Rücktritt des stellvertretenden Gesundheitsministers gesorgt und seit Ausbruch der Pandemie den Ausbau des Gesundheitswesens vorangetrieben. Dies ist allerdings auch bitter notwendig, kommen in Guatemala auf 1 000 Einwohner*innen doch statistisch nur 0,89 Ärzt*innen (zum Vergleich: in Deutschland 4,3 (2018)) und 0,6 Krankenhausbetten (zum Vergleich: in Deutschland 8,3 (2019)). Zu den fünf temporären Krankenhäusern, die kurzfristig in verschiedenen Teilen des Landes errichtet werden sollen, sollen nun auch vier neue dauerhafte Krankenhäuser gebaut werden.

Dennoch sind die Kapazitäten des Gesundheitssystems in beiden Ländern bei weitem nicht ausreichend, um eine angemessene Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. In Honduras wurden bis zum 23.4. nur 2 500 Tests durchgeführt (9 Millionen Einwohner*innen), in Guatemala lediglich 7 200 (17 Millionen Einwohner*innen). Diese Proben mussten in die jeweilige Hauptstadt transportiert werden, da nur dort die Labore über die notwendige Ausstattung verfügen. Es ist davon auszugehen, dass die aktuellen Fallzahlen von 473 in Guatemala (13 Tote) und 627 in Honduras (59 Tote) tatsächlich viel höher liegen (Stand 25.4.). 85 der in Guatemala positiv Getesteten zählen übrigens zu einer Gruppe von Migrant*innen, die aus den USA abgeschoben wurden.

Begrenzte Möglichkeiten zum Schutz

Sinkende Rücküberweisungen der im Ausland arbeitenden Migrant*innen sind ein weiterer Grund dafür, dass die Aussichten in beiden Ländern für die große Mehrheit der Bevölkerung düster sind. Einzig Hoffnung mag da die Nachricht geben, dass US-Präsident Donald Trump vorerst auf die Ausweisung von migrantischen Arbeitskräften in der Landwirtschaft verzichten möchte. 

Vor dem Hintergrund der Versäumnisse der jeweiligen Regierungen, in ein leistungsfähiges Gemeinwesen zu investieren, sind die Möglichkeiten, die Bevölkerung zu schützen, begrenzt. Es wäre allerdings schon viel gewonnen, wenn auch in den Kreisen der Wirtschaftseliten die Einsicht erwächst, dass es gesellschaftlicher Solidarität und eines handlungsfähigen Staates bedarf, um die Krise zu überwinden.

Erschienen am 28. April im IPG-Journal.

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