Friedliche Revolution

Gründung der SDP vor 30 Jahren: die radikalste Infragestellung der SED

Markus Meckel04. Oktober 2019
Den Herrschaftsanspruch der SED in Frage gestellt: Demonstranten in Ost-Berlin fordern Anfang November 1989 die Zulassung der SDP zu freien Wahlen in der DDR.
Den Herrschaftsanspruch der SED in Frage gestellt: Demonstranten in Ost-Berlin fordern Anfang November 1989 die Zulassung der SDP zu freien Wahlen in der DDR.
Sie waren die Ersten, die sich in die Öffentlichkeit wagten. Ende August 1989 veröffentlichten Markus Meckel und Martin Gutzeit den Gründungsaufuf für eine sozialdemokratische Partei in der DDR. Am 7. Oktober war es so weit.

Gewiss ist es richtig, dass die Opposition in der DDR recht klein war. Und sie war zersplittert – was oft mit überheblich-kritischem Unterton gesagt wird. Doch: Wie konnte es denn anders sein? Wo gegen ein Wahrheits- und Machtmonopol ein freies Denken, ein offener Diskurs gepflegt wird, gibt es natürlich unterschiedliche Positionen! Das ist bis heute in autoritären und diktatorischen Ländern so.

In der DDR gärte es

In den 80er Jahren schauten wir mit Staunen, manchmal mit Bewunderung nach Polen und Ungarn – was war dort alles möglich! Millionen Mitglieder der Solidarnosc, nach dem Kriegsrecht die Arbeit im Untergrund. In Ungarn eine wachsende demokratische Opposition und eine kommunistische Partei, die ihre ideologischen Grundlagen schrittweise verlässt. Schließlich Gorbatschow – der vor der Uno 1988 erklärt, der Kalte Krieg sei zu Ende – es gebe die Freiheit, das eigene ­soziale System zu wählen.

Martin Gutzeit und ich wollten uns das nicht zweimal sagen lassen. In der DDR gärte es. Anfang 1989 entschieden wir – zwei evangelische Pastoren – eine sozialdemokratische Partei zu gründen. Bis dahin hatten wir uns im Rahmen der Kirche für mehr Freiheit eingesetzt, hatten zur Vernetzung der kritisch-aktiven Gruppen beigetragen. Nun jedoch gewannen wir die Überzeugung, dass es galt, selbst bereit zur Verantwortung zu sein: Wir wollten eine Partei gründen und traten für eine Demokratie westlichen Musters ein. Bei vielen unserer Freunde in der ­Opposition, erfuhren wir vielfache ­Skepis und Ablehnung.

Die Ersten, die sich in die Öffentlichkeit wagten

Unser Aufruf zur Parteigründung, den wir im Juli 1989 fertigstellten und am 26. August veröffentlichten war im Herbst die radikalste Infragestellung der SED und ihres Herrschaftssystems. Als Einzige traten wir damals klar für eine parlamentarische Demokratie ein und damit für eine Struktur, die mit einer künftigen Einheit Deutschlands kompatibel war. Im August waren wir die Ersten, die sich in die Öffentlichkeit wagten. Im September/Oktober entstanden mit dem Neuen Forum, Demokratie Jetzt und dem Demokratischen Aufbruch wichtige andere Initiativen, mit denen wir dann eng zusammenarbeiteten. Dies geschah ab 4. Oktober in der sogenannten Kontaktgruppe, die wiederum später die Initiative ergriff, den Runden Tisch zu gründen – die Brücke zur freien Wahl. Auch daran waren wir führend und initiativ beteiligt.

So gehört die Sozialdemokratische Partei zu den wesentlichen Kräften der Friedlichen Revolution, die in der DDR die ersehnte Demokratie schufen und damit schließlich das Tor zur Deutschen Einheit aufstießen.

weiterführender Artikel