Sozialdemokratie

Gründung der SDAP: Warum vor 150 Jahren eine zweite Arbeiterpartei entstand

Thomas Horsmann08. August 2019
Im „Goldenen Löwen“ in Eisenach begann am 7. August 1869 der Kongress zur Gründung der Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Heute ist das ehemalige Gasthaus nationale Gedenkstätte.
Im „Goldenen Löwen“ in Eisenach begann am 7. August 1869 der Kongress zur Gründung der Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Heute ist das ehemalige Gasthaus nationale Gedenkstätte.
Am 8. August vor 150 Jahren gründen August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) – auch als Reaktion auf die Reformunfähigkeit des ADAV. Doch erst als sich beide vereinen, entsteht daraus eine starke Sozialdemokratie.

Im großen Saal des Hotels „Zum Mohren“ in Eisenach drängen sich 262 Delegierte aus 193 Ortschaften Deutschlands. Bis eben haben sie hitzig über das Programm und die Organisation der neuen Partei diskutiert. Doch jetzt ist es ruhig im Saal. Alle lauschen August Geib, dem Vorsitzenden des ­bislang größten „Allgemeinen Deutschen sozial-demokratischen Arbeiterkongresses“: „Somit erkläre ich hiermit auf Grund des Programms und der Statuten die sozial-demokratische Arbeiter-Partei für konstituiert.“

Die Delegierten jubeln, „begeisterte Bravos“ ertönen. Am Präsidiumstisch gratulieren sich die Organisatoren des Kongresses, der 29-jährige Drechslermeister August Bebel und der 43-jährige Publizist Wilhelm Liebknecht. Es ist Montag der 9. August 1869, 15.30 Uhr. Die erste demokratisch organisierte deutsche Arbeiterpartei ist gegründet, das von Bebel und Liebknecht erarbeitete marxistische „Eisenacher Programm“ beschlossen.

Gegenorganisation zum ADAV

Doch einig sind sich die Arbeiter noch nicht. Denn die SDAP ist die Gegenorganisation zum autokratisch geführten Allgemeinen Deutschen Arbeiter Verein (ADAV), den Ferdinand Lassalle 1863 gegründet hatte. Seit seinem frühen Tod wird der Arbeiterführer dort kultisch verehrt, was viele Sozialdemokraten aus dem ADAV treibt. Hinzu kommt die starke Stellung des Vorsitzenden, und die mangelnde innerparteiliche Demokratie.

Streit gibt es auch um die Einigung Deutschlands. Der ADAV unterstützt eine „kleindeutsche“ Lösung unter preußischer Führung. In der SDAP haben sich die Anhänger einer „großdeutschen“ Lösung mit Österreich im Sinn eines „freien Volksstaates“ zusammengefunden. Weiterer Streitpunkt sind Gewerkschaften, die der ADAV skeptisch betrachtet. Die SDAP fördert nun die Gründung von Gewerkschaften und unterstützt Streiks zur Durchsetzung politischer Ziele.

Die Arbeiterschaft ist geteilt

Ein Blick zurück: Bereits 1863 ist die Arbeiterschaft geteilt. Als Reaktion auf die Gründung des ADAV, wird der Vereinstag Deutscher Arbeitervereine (VDAV) ins Leben gerufen. In ihm sammeln sich bürgerliche Demokraten und Arbeiter, um unpolitisch Bildung und Wohlfahrt der Arbeiterschaft zu fördern. Das ändert sich 1867, als Bebel zum VDAV-Vorsitzenden gewählt wird. Unter ihm rückt der Dachverband nach links und gibt sich ein sozialistisches Programm.

Immer wieder wird versucht, den ADAV zu reformieren, doch dies gelingt nicht. Nach sorgsamer Vorbereitung starten Bebel und Liebknecht am 17. Juli 1869 einen Aufruf, eine Partei der „gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands“ zu schaffen. Unterschrieben ist er von zahlreichen ehemaligen Mitgliedern des ADAV sowie von Mitgliedern des VDAV und Arbeiterorganisationen aus Österreich und der Schweiz.

Massiver Druck von Bismarck

Die Gründung einer zweiten Arbeiterpartei versucht der ADAV zu verhindern. Er schickt mehr als hundert Mitglieder nach Eisenach, die den Kongress, der am 7. August im „Goldenen Löwen“ beginnt, stören und schließlich sprengen. Im Hotel „Zum Mohren“ kann er jedoch ohne die Störer am 8. August fortgesetzt werden. Hier einigen sich die Delegierten darauf, keinen mächtigen Vorsitzenden zu wählen, sondern einen Ausschuss aus fünf Mitgliedern, der von einer gleichberechtigten Doppelspitze geleitet wird: Johann Heinrich Ehlers und Samuel Spier.

1871 wird das Deutsche Reich gegründet. Damit ist einer der Hauptstreitpunkte der beiden Parteien beseitigt. Bei der Arbeit im Reichstag finden sie immer mehr Gemeinsamkeiten. Die Arbeiterschaft benötigt dringender denn je eine starke sozialdemokratische Partei, zumal Bismarck massiven Druck auf die Sozialdemokratie ausübt. 1875 vereinigen sich ADAV und SDAP in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) aus der 1890 die SPD wird. Das Erbe beider Parteien findet sich bis heute in der Sozialdemokratie, besonders aber im starken Mitspracherecht der Basis, das bis heute gepflegt wird.

Festveranstaltung im Goldenen Löwen

Die Friedrich-Ebert-Stiftung erinnert am Freitag, 9. August an die Gründung der SDAP mit einer Festveranstaltung im Goldenen Löwen. Beginn ist um 17 Uhr.

Programm:

Eröffnung mit Musik

„Globuli-Gesellschaft“ von und mit Daniel Gracz

Begrüßung

Michael Klostermann
Vorsitzender der August-Bebel-Gesellschaft e.V., Eisenach

Dr. Ursula Bitzegeio
Friedrich-Ebert-Stiftung, Referatsleiterin Public History im Archiv der sozialen Demokratie, Bonn

Wann wir streiten Seit’ an Seit’ –
ein unmögliches Stückchen Theater Autor: Ulf Annel, es spielen
Ronald Mernitz und Kristine Stahl

Festreden

Dr. Babette Winter
Thüringer Staatssekretärin für Kultur und Europa; Erfurt

Michael Roth
Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Berlin Musik II: „Wenn“ von und mit Daniel Gracz Grußworte

Wolfang Tiefensee
Thüringer Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft, Erfurt

Musik
„Gutes Klima“ von und mit Daniel Gracz

weiterführender Artikel

Kommentare

Eisenacher Programm

Im Eisenacher steht im Punkt III/4 die Forderung: "Aufhebung aller Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und Konfession." (Veröffentlicht in: Demokratisches Wochenblatt, Nr.33, 14. August 1869.) Insofern haben wir auch 150 Jahre danach noch einiges zu tun.

Gründung der SDAP

Ich finde es außerordentlich wichtig, dass der Vorwärts dieses Jahrestages gedenkt; dies sollte auch in der Printausgabe des Vorwärts geschehen, weil dieser Blog von vielen älteren Genoss*innen nicht eingesehen wird.

Insbesondere sollte die Partei sich viel mehr auf ihre Geschichte und besonders auf ihre alten Forderungen, die an Aktualität keineswegs verloren haben, besinnen!

Deshalb würde ich empfehlen, diese Geschichte der Arbeiterbewegung - evtl. in Fortsetzungsbeiträgen - einschließlich der unterschiedlichen Sichtweisen unserer Gründungsväter, wie z.B. den Revisionismusstreit, eingehend darzustellen.

Printausgabe

Vielen Dank für die netten Worte! Der Beitrag ist auch in der aktuellen Printausgabe erschienen.

Lob

Ein guter Artikel, der die Widersprüche in der deutschen Arbeiterbewegung aufzeigt. Die Marxisten um Bebel und Liebknecht wollten eine demokratischorganisierte Patei, die Lasaller (er selbst war schon tot) war undemokratisch und hierarisch organisiert (Ein Model an dem sich Lenin später für die SDAPR orientierte, und an dem die SPD mit ihrem übermächtigen PV heute auch krankt). Daß das im vorwärts so offen gesagt wird ....... ??!! Das soll die Verdienste Lasalles nicht schmälern, der besonders in den 1850er/60er Jahren wichtige Organisatioonsarbeit leistete. 1849 saß wegen Aufrufs zum bewaffneten Aufstand im Gefängnis und konnte an der revolutioären Erhebung im Frühjahr 1849 nicht teilnehmen. So blieben ihm Tod oder Exil erspart und er konnte wirken, während Engels oder Liebknecht in England leben mussten, oder andere in den USA die Republikanische Partei gründeten (Weydemeyer, Willich.....).

Nun ja

Zweifellos soll man die eigene Historie nicht aus den Augen verlieren, auch, um zu wissen, woher man kommt. Aber ehrlich Freunde: Bei der SPD brennt der Baum lichterloh, man liegt mit der AfD gleichauf bei 13 % (hätte man das vor wenigen Jahren prognostiziert, wäre man für verrückt erklärt worden), die drei anstehenden Landtagswahlen lassen Schlimmes befürchten, die Wahl der neuen Parteiführung stockt, und hier gedenkt man der Gründung der SDAP vor 150 Jahren. Und sonst so? Oder ist das schon Resignation, die sich in alte Zeiten zurückversetzen möchte??

ja, so

wird schon geäußert, dass sich der Vergangenheit zuwenden muss, wer keine Zukunft mehr hat

Wenn das stimmt, muss umso mehr auf die Fragen der Gegenwart und Zukunft eingegangen werden, und zwar mit konstruktiven Lösungen. Sonntagsreden und andere Banalitäten helfen nicht.

Vergangenheit

Manchem scheint es müßig sich mit der Vergangenheit der SPD zu beschäftigen, aber merken wir uns: die SDAP wurde gegen den autokratisch geführte ADAV gegründet und gerade deßwegen. Da erinnert mich vieles an die Autokratie des PV in heutigen Tagen, denn nicht die Wünsche der Parteimitglieder und der potentiellen Wähler spielen eine Rolle, sondern die Wünsche der PV. Die vielzitierte Erneuerung wird immer wieder abgeblockt. Und am Eisenacher Programm kann man sich für ein Erneuerungsprogramm so manche Scheibe abschneiden.

Gründung der SDAP

Ich verstehe nicht, warum dieser Beitrag schon nach wenigen Tagen aus der aktuellen Maske von vorwaerts.de verschwunden ist, während andere Beiträge monatelang zu erkennen sind.

Gerade dieser Beitrag sollte doch zu dieser Zeit länger im Bild zu sehen sein.

Schade.