Karl Dedecius

Ein großer Europäer erinnert sich

Karsten Wiedemann22. Juni 2006

Dedecius stammt aus einer Familie jenes merkwürdigen mittelosteuropäischen Stammesgemisches, die wir als deutschstämmig im Sinne des eigentlich längst überholten Artikels 116 Grundgesetz
ansehen.

Worüber wir uns heute wundern und was die zuständigen Behörden insbesondere des Bundesverwaltungsamtes geradezu zur Verzweiflung bringt: Dass die Zuwanderer aus den Weiten Russlands kaum
Deutsch sprechen und Weihnachten auch nicht am 24. Dezember feiern - die Familie Dedecius hat grade das schon vor achtzig Jahren vorgelebt. Deutsch wurde nur gebetet, und Deutsch war die Predigt im
evangelischen Gottesdienst. In der Familie und im Alltag wurde polnisch gesprochen, man dachte Polnisch, fühlte sich eigentlich auch als Pole.

Aufgewachsen im europoäischen Mikrokosmos

Karl Dedecius hat ein polnisches Gymnasium und Lyzeum besucht und das polnische Abitur gemacht. Wer so im Denken und Fühlen eines anderen Volkes aufgewachsen ist, bringt natürlich die besten
Voraussetzungen mit, um sich in dessen Literatur einzufühlen und sie adäquat zu übersetzen. Hinzu kommt, dass das einstige Lodz vor der barbarischen Gleichmacherei durch die Nazis ein europäischer
Mikrokosmos war - vergleichbar nur mit den Verhältnissen viel weiter östlich im alten österreichischen Galizien.

Die Zeitumstände haben Karl Dedecius übel mitgespielt. Wenige Monate nach seinem Abitur wurde er zum polnischen Arbeitsdienst eingezogen und dort von der Deutschen Wehrmacht überrollt. Die
Besatzungsmacht trat ihm misstrauisch gegenüber. Er wurde erst zum Reichsarbeitsdienst und später zur Wehrmacht eingezogen, geriet in den Kessel von Stalingrad und von dort schwerkrank in russische
Gefangenschaft. Dank der Fürsorge russischer Ärzte überlebte er.

1950 wurde Dedecius entlassen und ging in die DDR, wo er in Weimar seine Verlobte wieder fand. Schon bald betätigte sich Dedecius literarisch und publizistisch, gab gar ein Kinderbuch mit
Versen des dort gefeierten, im Westen mit großem Misstrauen aufgenommenen Wladimir Majakowski heraus.

Flucht in den Westen

Weil Karl Dedecius fürchtete, vom sozialistischen Regime vereinnahmt zu werden, flüchtete er in den Westen Bei der Allianz-Versicherung fand er sein Auskommen und war hier 25 Jahre in der
mittleren Leitungsebene tätig. Seine Liebe aber galt der Literatur. Er knüpfte Verbindungen zu den aufbegehrenden Literaten in Polen und der UdSSR, wurde mit vielen persönlich bekannt und wohl auch
Freund. Die zweifelnden deutschen Verleger überredete Dedecius, es mit Übersetzungen - sogar von Lyrik - zu wagen.

Später leitete er das auf seine Initiative gegründete "Deutschen Polen-Institut". Dieses hat den Wandel Polens von der autoritären Volksrepublik zur demokratischen Gesellschaft sicherlich
oftmals zitternd und zagend, aber immer wohlwollend begleitet - eine Arbeit, die Dedecius den Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Karl Dedecius eingebracht hat.

Ehre in Polen

Mit einer Fülle von Publikationen hat er dazu beigetragen, dass das kulturelle Polen seinen Platz in Mitteleuropa wieder gefunden hat. Zugleich ist es seine Tragik, dass dies nur im
Bewusstsein einer Minderheit geschehen ist. Einem Volk, das nicht mehr liest, sagen weder die Namen eines Adam Mieckiewicz noch einer Danuta Syzmborska etwas. Es sollte Polen vorbehalten bleiben,
die Arbeit unseres Landsmannes groß zu würdigen: Mit dem Weißen Adlerorden, dem Namen eines Gymnasiums in Lodz und einer speziellen Abteilung im dortigen Stadtmuseums.

Karl Dedecius ist 85 Jahre alt geworden. Mag ihm seine Schaffenskraft lange erhalten bleiben. Ad multos annos!

Die Erinnerungen an sein wechselvolles Leben hat Dedecius in der im März diesen Jahres erschienenen Autobiographie "Karl Dedecius - Ein Europäer aus Lodz" niedergeschrieben.

Horst Schinzel

Karl Dedecius - Ein Europäer aus Lodz - Erinnerungen", ISBN 3-518-41756-8, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 2006

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