Zukunftsdialog

Gleichstellungspolitik: Corona als Brennglas eines jahrzehntealten Problems

Klara Geywitz31. August 2020
Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Klara Geywitz fordert einen stärkeren Fokus auf das Thema Gleichstellung.
Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Klara Geywitz fordert einen stärkeren Fokus auf das Thema Gleichstellung.
Wie können die Interessen von Frauen bei der nächsten Krise von Anfang an besser berücksichtigt werden? Darüber diskutiert die SPD heute Abend bei ihrem vierten Zukunftsdialog. Die stellvertretende Parteivorsitzende Klara Geywitz fordert mehr Anstrengungen im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit.

Selten zuvor hat eine Krise die gesellschaftlichen Verhältnisse stärker mit einem Brennglas verschärft sichtbar gemacht als die aktuelle Corona-Pandemie. Ungleichheiten in unserer Gesellschaft traten verstärkt zu Tage. Arme wurden ärmer, Kranke wurden kränker und Bildungsferne noch weiter von der Bildung entfernt. Und auch die schon vorhandenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern wurden durch Corona noch einmal verstärkt.

Ökonomische Unterschiede wurden durch Corona verstärkt

Kaum jemand hat das so schnell und drastisch formuliert wie Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Sie sagte schon am Beginn der Pandemie: „Die Frauen werden eine entsetzliche Retraditionalisierung erfahren. Ich glaube nicht, dass man diese nach dem Lockdown schnell rückgängig machen kann und wir von daher drei Jahrzehnte verlieren.“

Und in der Tat fanden sich viele Frauen am Anfang der Pandemie mit ihren Kindern zuhause, in einem Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling. Das Gender-Pay Gap, d.h. der geringe Verdienst der Frauen führte zu niedrigem Kurzarbeitergeld, frauenspezifische Branchen waren zwar plötzlich systemrelevant, aber immer noch häufig ohne Tarifvertrag und mit niedrigen Löhnen.

Seit Jahrzehnten existierende ökonomische Unterschiede zwischen Frauen und Männern wurden durch Corona noch einmal verstärkt. Und während die Politik vielen Branchen schnell und beherzt mit Milliarden half, waren Gleichstellungsfragen auf einmal verzichtbarer Nebenkonflikt für bessere Zeiten und zentrale Familienfragen nach Kinderbetreuung und Beschulung wurden nur sehr zögerlich von der Politik angegangen. Erst auf Drängen der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken kam es im August zu einem Bildungsgipfel, der einen Schub für die Digitalisierung unserer Schulen brachte.

Familien zu Beginn der Krise nicht im Fokus

Denn offenbar hatte die Bundespolitik gerade am Anfang der Krise die Situation der Familien nicht im Fokus der Betrachtung. Schaut man sich das kleine Coronakabinett an, so saßen da die Verteidigungsministerin, der Finanz- und der Innenminister, der Außenminister, der Gesundheitsminister und der Chef des Bundeskanzleramtes. Sowohl die Familien- als auch die Bildungsministerin fehlten, obwohl Corona sich gerade für die Familien und das deutsche Bildungssystem als absoluter Stresstest erwies und kaum ein Bereich derart lange brauchte um wieder zum Regelbetrieb zurückzukehren, wie die Schulen. Im kleinen Corona-Kabinett saßen mit der Kanzlerin und der Verteidigungsministerin zwei Frauen mit sechs Männern zusammen.

Bei den ebenfalls für die Pandemiebekämpfung wesentlichen Runden der Ministerpräsident*innen sah die Geschlechterverteilung mit zwei zu 14 noch schlechter für die Frauen aus. Dies wirft auch die Frage auf, wie die Repräsentanz von Frauen in der Politik funktioniert oder bisher eher wie sie nicht funktioniert. Die Diskussion um Paritätsgesetze hat in Deutschland volle Fahrt aufgenommen und es ist zumindest ein kleiner Lichtblick, wenn der letzte Koalitionsausschuss aus CDU/CSU und SPD den Weg zur Parität im Parlament eröffnet hat und einer Wahlrechtskommission den Auftrag gibt, verfassungsgemäße Maßnahmen zu empfehlen, um eine gleichberechtigte Repräsentanz von Frauen und Männern auf den Kandidatenlisten und im Bundestag zu erreichen.

Die SPD macht sich seit langem für ein Paritätgesetz stark. Wir wollen, dass die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts das Jahrzehnt werden, in dem die volle Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Gesellschaft verwirklicht wird.

Zukunftsdialog zum Thema Gleichstellung

Wie können wir die Interessen der Frauen bei der nächsten Krise von Anfang an besser berücksichtigt werden? Wie schliessen wir die Lohnlücke von Männern und Frauen und wie schaffen wir es, die Care-Arbeit gerechter zu verteilen?  Die SPD diskutiert dies heute in ihrem Zukunftsdialog mit:

  • der SPD Parteivorsitzenden Saskia Esken,
  • der stellvertretenden Vorsitzenden Klara Geywitz,
  • dem SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil,
  • mit Prof. Dr. Jutta Allmendinger
  • und der Journalistin Ferda Ataman.

und freut sich über ihre Fragen.

Die Diskussion wird ab 19 Uhr live auf SPD.de gestreamt.

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Kommentare

Grundeinkommen überfällig !

Völlig unabhängig davon ob Frau oder Mann sogenannte Care-Arbeit verrichten will oder zeitweise beide, kann gerade ein Grundeinkommen (Befristung bzw. Bedingung denkbar) dazu beitragen, dass der notwendige Freiraum und Verhandlungsspielraum geschaffen wird, dass sich der/die jeweilige PartnerIn bei einer diesbezüglichen Entscheidung nicht mit gewichtigen Nachteilen konfrontiert sieht !
Es braucht aber grundsätzlich ein neues flexibleres und gerechteres und nachhaltigeres Modell der Arbeits- und Einkommensverteilung. Die seitherigen Produktivitäts-, Effektivitäts - und Gewinnsteigerungen resultierend aus Automatisierung und Digitalisierung machen es grundsätzlich längst möglich !
Gerade Deutschland hat enorme Kapazitäten und Vermögensanhäufungen an Stellen die der Gesellschaft bisher viel mehr Schaden als Nutzen.
Gerade in Corona-Zeit profitieren Strukturen der Ausbeutung in einem unfassbaren Maße !
Wann beginnt unsere SPD mit Maßnahmen für den überfälligen Poltikwechsel !!??