Pflege-Debatte

Warum Gewinnstreben und Fürsorge in der Pflege unvereinbar sind

Hartmut Remmers23. Juli 2018
Hartmut Remmers: „Die Krise pflegerischer Versorgung stellt sich im Bereich der stationären Langzeitversorgung vor allem älterer pflegebedürftiger Menschen sehr drastisch dar.“
Hartmut Remmers: „Die Krise pflegerischer Versorgung stellt sich im Bereich der stationären Langzeitversorgung vor allem älterer pflegebedürftiger Menschen sehr drastisch dar.“
Der Pflegenotstand ist die Folge falscher Entscheidungen: der marktwirtschaftlichen Öffnung ohne effektive politische Kontrolle. Der Druck, gewinnorientiert und kostengünstig zu arbeiten, und der Wunsch nach menschlicher und solidarischer Pflege, zerreißt die Pflegekräfte. Deshalb fliehen so viele aus dem Beruf.

Therapeutische Empfehlungen setzen präzise Diagnostik voraus. Beginnen wir also mit einer sehr knappen Problembeschreibung. Die sich gegenwärtig zuspitzende, wissenschaftlich bereits vor Jahrzehnten prognostizierte Krise pflegerischer Versorgung lässt sich bis in die 1980er Jahre zurückverfolgen. Sie lässt sich zum einen als Ausdruck verschärfter Verteilungskonflikte im Krankenhaus etwa mit Einführung des DRG-Systems (Diagnosis Related Groups) beschreiben. Eine Erlössteigerung in der Krankenbehandlung sollte durch Zuwachs von Arztstellen bei gleichzeitig überproportionalem Abbau von Pflegepersonal erzielt werden. Die dadurch verursachte höhere berufliche Belastung der Pflege wurde durch Verringerung der Krankenhausverweildauer noch verschärft.

Kostendämpfung mit weitreichenden Folgen

Die Krise pflegerischer Versorgung stellt sich des Weiteren im Bereich der stationären Langzeitversorgung vor allem älterer pflegebedürftiger Menschen sehr drastisch dar. Die Einführung der sozialen Pflegeversicherung wurde begleitet von einer politischen Weichenstellung zugunsten marktwirtschaftlicher Prinzipien. Durch Konkurrenz verschiedener Anbieter sowohl ambulanter als auch stationärer Leistungen sollte die Kostenentwicklung gedämpft werden.

Damit wurden Grundkonflikte von erheblicher Tragweite heraufbeschworen: Pflegeinstitutionen sollen gemäß betriebswirtschaftlicher Prinzipien der Effizienz organisiert und gemäß konkurrenzwirtschaftlicher Prinzipen möglichst geringer Kosten am Markt platziert werden. Durch Zusammenballung von Pflegeeinrichtungen quasi zu Großkonzernen können zusätzliche Gewinne erzielt werden. Die Ausdehnung dieser politisch gewollten marktwirtschaftlichen Logik ist jedoch unvereinbar mit einer eigensinnigen Logik humaner Dienstleistungen (Pflege), das heißt mit den Prinzipien zwischenmenschlicher Solidarität, der Förderung des Wohlergehens und der Fürsorge.

Innerseelische Zerreißung der Pflegekräfte

Diese Unvereinbarkeit wirkt sich buchstäblich als innerseelische, moralische und auch physische „Zerreißung“ von Pflegekräften aus und zählt zu den entscheidenden Gründen der Berufsflucht. Bereits während ihrer pflegeberuflichen Ausbildung erwägen 20-30 Prozent befragter Schüler und Schülerinnen, max. fünf Jahre oder gar nicht in ihrem Ausbildungsberuf tätig zu sein.  

Eine analytisch hinreichende Ursachenforschung wird den sich verschärfenden „Pflegenotstand“ allerdings als Teil einer umfassenderen gesellschaftlichen Krise in den Blick zu nehmen haben. Dabei handelt es sich nicht nur um das Resultat eines politisch zu Lasten der Pflegeberufe entschiedenen gesellschaftlichen Verteilungskonflikts. Der „Pflegenotstand“ ist zwar auch, aber nicht allein Ausdruck einer sogenannten Gratifikationskrise, die durch bessere finanzielle Vergütung gelöst werden könnte.

Motivation und Anerkennung werden ausgehöhlt

Gegenwärtige Krisenphänomene sind ursächlich viel tiefer verankert. Soziologisch gesprochen wirken sich die dynamischen Kräfte moderner (kapitalistischer) Gesellschaften dahingehend aus, in steigendem Maße Humandienstleistungsberufe, d.h. Berufe, die auf Reproduktion lebenswichtiger Funktionen ausgerichtet sind, sachfremden Zielen zu unterwerfen („Kolonialisierung“). Auf diese Weise werden bestandswichtige kulturelle Grundlagen dieser Berufe: Motivationen, Grundeinstellungen, biografische Ziele, Anerkennung, buchstäblich unterspült.

Die Frage, was sich in der Pflege ändern muss, ist daher differenziert zu beantworten. Auf globalpolitischer Ebene sind Richtungsentscheidungen (marktwirtschaftliche Öffnung ohne effektive politische Kontrolle) aufgrund erheblicher dysfunktionaler Wirkungen zurückzunehmen. Eine realistische Aussicht darauf, den Fachkräftemangel beheben zu können, setzt tiefgreifende Veränderungen in den kulturellen Grundlage moderner Gesellschaften voraus: eine gleichförmige gesellschaftliche Wertschätzung wirtschaftlicher Produktivität ebenso wie sozialer Reproduktivität.

Gesellschaftliches Umdenken nötig

Eine echte Leistungsentschädigung von Pflege drückt sich gewiss auch monetär aus, setzt aber fundamental gesellschaftliches Umdenken voraus. Nicht unwahrscheinlich ist, dass zunehmende Erfahrungen unzureichender pflegerischer Versorgung von Angehörigen oder Freunden einen politischen Mobilisierungseffekt vor allem auf kommunaler Ebene erzeugen.

Vieles hängt aber von den Pflegeberufen selbst ab, von ihrer Bereitschaft und dem Willen, für Veränderungen der Bedingungen ihrer Arbeit zu kämpfen. Zur Professionalität sozialer und gesundheitsbezogener Berufe gehört die Wahrnehmung eines „doppelten Mandats“, d.h. eines zweiseitig ausgerichteten Verantwortungsverhältnisses: Schutz und Förderung Anbefohlener ebenso wie Erhalt und Verbesserung eigener Leistungsfähigkeit.

Konsequenzen für die berufliche Bildung

Daraus ergeben sich Konsequenzen bspw. für die berufliche Bildung: aufklärerischer und selbstkritischer Umgang mit bestandswichtigen, aber auch riskanten altruistischen Motiven und Einstellungen; selbstbewusster, offensiver Umgang mit innerbetrieblichen Widersprüchen und Konflikten. Eigentlich befinden sich Pflegefachkräfte in einer „komfortablen“ Situation: Aus der Tatsache, dringend gebraucht zu werden, ließen sich berufspolitische Funken im Sinne durchsetzbarer Gestaltungsoptionen schlagen. Dem steht leider der geringe berufspolitische Organisationsgrad entgegen.

 

 

Was muss sich in der Pflege ändern?
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Kommentare

Keine Ausrede für polit. Nichthandeln

Die Zurückhaltung der Pflegekräfte bei der berufspolitischen Organisation darf keine Ausrede für die Regierungspolitik sein, nicht umgehend tätig zu werden. Sicher gibt es vielfältige Gründe für das ausbleibende Engagement der Pflegenden in eigener Sache auf breiter Ebene !
Mögl. Gründe könnten sein: Menschen die "schlechte" Jobs annehmen haben oft noch mit Nöten außerhalb ihre Berufsalltags zu kämpfen; Arbeitsüberlast. behindert anderw. Engagement etc.

Es wäre sicherlich ein eigenes wissenschaftliches Thema wert, warum derzeit trotz Ausbeutung im Niedriglohnsektor eine Mitgliedschaft in der Gewerkschaft vielen Arbeitnehmern als unattraktiv erscheint.
Gründe könnten ein Glaubwürdigkeitsproblem oder Klientelbevorzugung zug. einiger Branchen sein ! Auch die zu große Nähe mancher Gewerkschaftsverrteter zu ihren Arbeitgebern (s. VW u.a.), Skandale und rückwärtsgewandte Strategien (Strukturwandel zur Nachhaltigkeit und Flexibilität zugunsten der Arbeitnehmer aufhalten statt zu fordern und getalten) dürften das Image der Gewerkschaften ramponiert haben !
Aber ich wäre wirklich gespannt auf eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema "Gewerkschaften und ihr Mitgliederschwund" !