Gastbeitrag

Gesundheitspolitik nach Corona: Für mehr Wumms in der Pflege

Ronja Schmager14. Juli 2020
Nach Corona sollte eine Strukturreform in der Gesundheitspolitik folgen, fordert Ronja Schmager.
Nach Corona sollte eine Strukturreform in der Gesundheitspolitik folgen, fordert Ronja Schmager.
Die Corona-Krise hat die Probleme in der Pflege drastisch aufgezeigt. Bevor der Pflegebereich implodiert, sollte die Gesundheitsversorgung reformiert werden. Insbesondere dürfe Gesundheit nicht zum Geld machen missbraucht werden, fordert Ronja Schmager.

Wir schreiben das Jahr 2020 – das Jahr der Pflegefachpersonen und Hebammen. Die Corona-Pandemie zeigt aufs Deutlichste die enorme Relevanz der Gesundheitsberufe für unsere Gesellschaft. Die Gesundheit vieler Millionen Menschen zu sichern muss die oberste Maxime sein. Sie kommt überein mit der Achtung der Menschenwürde. Die Gesundheitsberufe sind hier an vorderster Stelle, um dies zu gewährleisten. Doch wer achtet ihre Würde?

Die Implosion der Pflege droht

Klatschen oder Lavendel pflanzen für die systemrelevanten Berufe – eine nette Geste. Bonuszahlungen – gut gemeint, aber die Umsetzung lässt zu wünschen übrig, da es keinen einheitlichen Bonus für alle Pflegefachpersonen gibt. In der Pflegepraxis stößt dies auf Unverständnis und lässt die Hoffnung schrumpfen, dass die führenden Politiker*innen ihren Versprechen zur Verbesserung der Pflegesituation wirklich Taten folgen lassen.

Das Pflegepersonal lief schon vor Corona auf dem Zahnfleisch, aber jetzt ist ein kritischer Punkt überschritten. Die, die können, verlassen dieses krankmachende System. Es macht bald WUMMS in der Pflege, aber dieser könnte eher einer Implosion gleichkommen und dabei die Menschen im System mit sich reißen. Wir tragen jedoch alle zusammen eine Verantwortung für diese Berufe, sie tragen uns in Zeiten, wo wir auf ihre Hilfe angewiesen sind – und ich will, dass die Personen, die sich um unsere Gesundheit sorgen, selber gesund bleiben. Denn sie tragen und helfen uns in den schwierigsten Zeiten – also sehe ich es als unsere Aufgabe, dass wir dies auch für sie tun.

Solidarische Gesundheitsversorgung sicherstellen

Wir als sozialdemokratische Partei müssen es uns zur Aufgabe machen, eine solidarische Gesundheitsversorgung in Deutschland sicherzustellen und dazu gehört, dass Gesundheit nicht zum Geldverdienen missbraucht wird. Solange große Klinikkonzerne versuchen, auf dem Rücken von Pflegepersonal, Ärzt*innen und Patient*innen Geld zu erwirtschaften, läuft etwas gehörig schief in Deutschland. Wie kann es sein, dass einige wenige Gesundheitsunternehmer*innen reich werden, und viele tausend Pfleger*innen dabei krank werden? Es wurden Studien veröffentlicht, Artikel geschrieben, Interviews dazu gegeben, dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege nicht mehr tragbar sind, aber wir brauchen auch den politischen Willen, um an den wirklich großen Rädern zu drehen. Da stellt sich vor allem die Union quer.

Es geht darum, das vorhandene Geld im Gesundheitssystem so zu verteilen, dass es an die geht, die das Gesundheitssystem am Laufen halten. Vielleicht muss es erst einen riesigen WUMMS geben, bevor wirklich mal überlegt wird, ob das Fallpauschalen-System, die Privatisierung von Kliniken und Pflegeeinrichtungen, die Pharmalobby und Ärzt*innenzentrierung der richtige Rahmen für ein solidarisches Gesundheitssystem der Zukunft sind?

Für eine Strukturreform

Aber ehrlich gesagt will ich diese Art von WUMMS nicht erleben, denn es geht hier um nichts weniger als die Menschenwürde und zwar um die des Gesundheitspersonals und der Patient*innen. Wir müssen als SPD einen Prozess zur Strukturreform der Gesundheitsversorgung und damit auch eine Umverteilung der finanziellen Ressourcen einleiten. Unser oberstes Ziel muss eine solidarisch und gerechte Gesundheitsversorgung sein. Dazu gehört die gesetzliche Reglementierung der Profitmaximierung von Klinikkonzernen, Pflegeheimen und Pharmaunternehmen.

Eine spürbare Verbesserung der Bezahlung der Gesundheitsfachberufe, die Einführung einer Wochenarbeitszeit von maximal 35 Stunden und einen gesetzlichen Urlaubsanspruch von 30 Tagen.

Selbstbewusstsein gegenüber Ärzt*innen stärken

Die Pflege muss noch mehr ihr eigenes selbstbewusstes Rollenverständnis stärken. Pfleger*innen gehen in ihren Beruf, weil er einen tiefen Sinn hat, kognitiv fordernd ist und gleichzeitig eng am Menschen arbeitet. Wir brauchen dafür top qualifiziertes Pflegepersonal, zum Beispiel für in Zukunft selbstständig tätige Pflegefachpersonen als Community Health Nurse im ländlichen Raum.

Im Zuge dessen wird es auf Verhandlungen mit der Ärzt*innenschaft über Veränderungen und Neusortierungen in den Zuständigkeitsbereichen der Heilkundeübertragung hinauslaufen.

Die Pflege muss auf diesen Wandel bestehen, denn nur so hat sie die Chance, sich zu emanzipieren und sich als ein wirklich gleichwertiger und bedeutender Akteur im Gesundheitssystem zu behaupten. Wir müssen die seit den 1950er Jahren geschaffene Zentrierung auf die Ärzt*innenschaft aufbrechen. Ärzt*innen müssen von ihrem hohen Ross hinabsteigen und gemeinsam mit den Pflegeberufen interprofessionelle Versorgungsmodelle etablieren, in denen sie die bestmögliche Versorgung für die Menschen anbieten.

Kommunale Gesundheitszentren umbauen

Damit einhergehend muss es einen Ausbau kommunaler Gesundheitszentren auf dem Lande geben, um Pflege- und Gesundheitsversorgung dezentral zu organisieren. Denn es gibt trotz der Pandemie noch zu viele Krankenhäuser in Deutschland, deren Ausstattung zum Teil veraltet ist. Eine bessere Spezialisierung muss nicht immer zur Aufgabe von Standorten führen, allerdings zwangsläufig mit dem kommunal gesteuerten Aufbau von Versorgungszentren und digital ausgestatteten Gemeindeschwesterstützpunkten.   

Unterstützt durch die Digitalisierung kann die Teilhabe an Gesundheitsleistungen im ländlichen Raum digital deutlich erleichtert werden. Der zwischenmenschliche Austausch im digitalen Gesundheitsbereich kann beispielsweise durch die boomende Telefonseelsorge verbessert werden. Denn Pflege und Medizin sind ganzheitlich zu betrachten, nicht erst die Coronakrise hat gezeigt, dass Menschen durch Einsamkeit und permanentes Alleinsein krank werden. Eine Digitalisierung mit sozialdemokratischer Prägung kann hier Abhilfe schaffen, wenn wir dafür sorgen, dass die digitalen Angebote für alle gleichermaßen zugänglich gemacht werden, wie zum Beispiel dem vermehrten Einsatz von Videosprechstunden mit Pfleger*innen.

Der demografische Wandel bedeutet für unsere Gesellschaft neben dem Klimawandel die größte Herausforderung unseres Jahrhunderts: Wir haben keine Zeit, auf die Implosion zu warten, wir brauchen jetzt mutige Taten, damit wir den gewünschten WUMMS für eine sozialgerechte und menschwürdige Pflege erwirken!

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Kommentare

Ja, das Pflegepersonal,

Ja, das Pflegepersonal, explizit in Pflegeheimen, pfiff schon lange vor Corona leisungsmäßig aus dem letzten Loch, von der miesen Bezahlung mal ganz zu schweigen. Das hat nur niemanden interessiert, auch der SPD nicht.
War es nicht Gerd Schröder, der sehr stolz darauf war bzw. noch ist, den größten Niedriglohnsektor in der EU geschaffen zu haben? Dazu gehören auch die Pflegekräfte, zumindest die bei privaten Trägern arbeiten.

Mit etwas Wumms und Degitalisierung wird das Problem nicht zu lösen sein. An einer besseren Bezahlung und vor allen Dingen an einem besseren Personalschlüssel geht kein Weg vorbei. Die Pflegekräfte und Bürger wollen taten sehen und nicht ab und zu die Trommeln hören.

Du hast ja Recht

aber das Wort "Wumms" assoziiere ich mit einem Mann, den ich für einen der größten Grabschaufler für die SPD halt, und darum gehe ich diesem Wort aus dem Wege.

Wumms !!!

Unser Genosse Olaf Scholz scheint sich mehr um das Wohlergehen von "systemrelevanten" Großkriminellen zu sorgen, als um das von systemrelevanten Pflegepersonal und die auch leidtragenden Pflegebedürftigen . Wenn er jetzt nicht endlich für Klarheit sorgt, was seine langjährige Mitwisserschaft über die Mängel von Wirecard betrifft, wird es einen gewaltigen "Wumms" (leider auch für unsere SPD-Zustimmungswerte) geben. Nämlich nach unten !!!