Aktionswochen gegen rechts

„Gestern waren wir Kümmeltürken, heute Top-Terroristen“

Marisa Strobel18. März 2015
Justizminister Heiko Maas unterstützt das Gesicht zeigen-Projekt „Störungsmelder on tour“ nicht nur finanziell, sondern auch mit eigenem Einsatz: „Wir wollen junge Menschen ermutigen Gesicht zu zeigen.“
Justizminister Heiko Maas unterstützt das Projekt „Störungsmelder on tour“ nicht nur finanziell, sondern auch mit eigenem Einsatz: „Wir wollen junge Menschen ermutigen Gesicht zu zeigen.“
Prominente „Störungsmelder on tour“ klären bundesweit über Rechtsextremismus auf und suchen das offene Gespräch mit Schülern, ohne erhobenen Zeigefinder. Im Rahmen der Internationalen Aktionswochen gegen Rassismus hat der Verein „Gesicht Zeigen!“ sein Dauerprojekt in Berlin vorgestellt.

Im Rahmen der Internationalen Aktionswochen gegen Rassismus vom 16. bis 29. März präsentierte der Verein „Gesicht Zeigen!“ am Dienstagabend in Berlin das Projekt „Störungsmelder on tour“. Seit 2008 besucht das Störungsmelder-Team zusammen mit prominenten Paten Schulen in Deutschland und klärt Schüler über Rechtsextremismus auf. Den Anfang machte 2007 das Blog „Störungsmelder: Wir müssen reden – über Nazis!“, das 2008 mit dem Grimme-Award ausgezeichnet wurde. 

Mit dem „Störungsmelder on tour“ wollen die Projektteilnehmer die virtuelle Diskussion im Netz weiter vertiefen und Gedankengänge anstoßen. „Wir kommen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern suchen eine Diskussion auf Augenhöhe“, berichtet der Projektkoordinator Ronald Huster. Zusammen mit Goska Soluch organisiert er die Besuche von Prominenten wie die Moderatoren Dunja Hayali und Klaas Heufer-Umlauf an Schulen bundesweit. 110 waren es in den vergangenen sieben Jahren, 3000 Schüler hat das Projekt bislang erreicht. 

„Die größte Gefahr geht von Rechten aus“

Wie wichtig solche Aktionen sind, verdeutlicht auch der Initiator von „Gesicht Zeigen!" Uwe-Karsten Heye in seiner Ansprache: 180 Menschen seien in Deutschland seit dem Mauerfall rechter Gewalt zum Opfer gefallen. „Das ist für mich die Bilanz, die klar macht, von wem die größte Gefahr in Deutschland ausgeht“, resümiert der Journalist und ehemalige Chefredakteur des vorwärts.

„Wenn man unserem gegenwärtigen Innenminister zuhört, kann man den Eindruck haben, dass Deutschland unter einer dramatischen salafistischen Bedrohung steht. Aufpassen ja, denke ich, aber übertreiben? Bitte nein“, warnt Heye im Hinblick auf die Pegida-Bewegung. „Gestern waren wir Kümmeltürken, heute sind wir Top-Terroristen“, fasst auch Fatih Cevikkollu die Stimmung in Teilen der Bevölkerung zusammen. Der Kölner Kabarettist ist einer von derzeit 14 prominenten Störungsmeldern, die das Gespräch mit Jugendlichen suchen. 

„Störungsmelder“ nach wie vor notwendig

Dass das Projekt seit sieben Jahren nun schon vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz finanziert wird, findet an diesem Abend mehrmals sowohl lobende als auch bedauernde Worte. „Das ist eine großartige Initiative und trotzdem ist es eine, von der es mir lieber wäre, dass wir sie gar nicht bräuchten“, betont auch Bundesjustizminister Heiko Maas. Die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe sei gegenüber 2012 enorm gestiegen, die Gewaltbereitschaft bei Rechtsextremen liege bei 10.000 Menschen. „Das zeigt, wie notwendig eine solche Auseinandersetzung mit dem Thema ist, um den jungen Menschen Mut zu machen, Gesicht zu zeigen“, berichtet Maas, der sich auch als Störungsmelder aktiv in das Projekt einbringt. Ausgerechnet in Dresden, der Stadt mit dem niedrigstem Ausländeranteil in ganz Deutschland, habe Pegida den höchsten Zulauf. „Das zeigt doch, dass gerade Begegnung, Kennenlernen und Dialog wichtig sind, um Ängste abzubauen“, so Maas weiter. 

Der Schauspieler Björn Harras und der Rapper Tibor Sturm, beide schon seit fünf Jahren dabei, wollen vor allem in Problemregionen rein ins „Wespennest“, wie Harras, selbst aufgewachsen in Thüringen, bekräftigt. Nicht immer fruchten die Einsätze. So zum Beispiel im vergangenen Jahr in Dresden, als sich im Anschluss an den gemeinsamen Störungsmelder-Besuch dennoch die meisten Schüler an der anschließenden Pegida-Demonstration beteiligten. Für Sturm kein Grund aufzugeben: „Ich bin ja schon froh, wenn zumindest einer der Schüler nach unserem Besuch seine Vorurteile reflektiert."

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