vorwärts-Debatte

Warum die gesetzliche Rente die wichtigste Alterssicherung der Zukunft ist

Vera Rosigkeit16. Dezember 2016
Immer mehr Erwerbstätige sorgen sich um die Rente.
Immer mehr Erwerbstätige sorgen sich um die Rente.
Wer den Lebensstandard im Alter für alle sichern will, muss die gesetzliche Rente stärken. Vorschläge, wie das zu finanzieren ist, gibt es viele. Doch ob die Kosten dabei gerecht verteilt sind, ist höchst umstritten.

Rund 967 Euro nach Abzügen bleiben Vera Zarwel, wenn sie in Rente geht. Eine betriebliche Rente bringt zusätzlich 35 Euro ein, die Auszahlung der Riester-Rente liegt bei circa 100 Euro. „Ich konnte nicht immer den vollen Betrag von vier Prozent des Bruttolohns einzahlen“, sagt Zarwel.

Renten unter 1000 Euro sind keine Seltenheit

Auch wenn die 60-Jährige fast immer in Vollzeit gearbeitet hat, wird es knapp im Alter. Damit steht sie nicht alleine. „Renten von unter 1000 Euro sind heute keine Seltenheit mehr“, berichtet Helmfried Hauch. Der ehemalige Angestellte der Berliner Stadtreinigung ist einer von 2600 ehrenamtlichen Beratern der Deutschen Rentenversicherung. Bei vielen, auch jüngeren Kollegen sei die Verunsicherung beim Thema Rente groß, betont er. „Die Sorgen wachsen.“

Das wundert nicht: Um heute eine Rente von 1370 Euro anzusparen, muss ein sogenannter „Eck- oder Beispielrentner“ 45 Jahre lang ein monatliches Durchschnittseinkommen (2016 waren das 3020 Euro) verdienen. Im Jahr 2000, bei einem Rentenniveau von 53 Prozent, hätte das noch 1530 Euro eingebracht, beim prognostizierten Rentenniveau von 43 Prozent 2030 wird der Auszahlbetrag auf 1240 Euro sinken.

Verlierer sind Frauen und Teilzeitkräfte

Nicht alle schaffen 45 Jahre. Wer früher geht, muss mit Abschlägen bis zu 15 Prozent rechnen. Wer Teilzeit arbeitet oder keine kontinuierliche Erwerbsbiografie aufbauen kann, verliert ebenfalls. Frauen sind besonders betroffen. Auch von niedrigen Einkommen. Viele verdienen selbst in Vollzeit deutlich unter Durchschnitt.

Das Vertrauen in die Alterssicherung nimmt ab. Kein Wunder: Ein sinkendes Rentenniveau in der gesetzlichen Rentenversicherung trifft auf abnehmende Renditen bei der privaten Vorsorge. Die, auch wenn es keine Niedrigzinspolitik gäbe, die wachsende Rentenlücke nicht ausgleichen könnte, denn nicht alle können diese zusätzliche Vorsorge zahlen.

Vorbildliches Rentensystem in Österreich

Um die Talfahrt der Renten zu stoppen, fordern Gewerkschaften einen Strategiewechsel: Weg vom Ziel, die Beiträge niedrig zu halten, hin zu einer „Rente mit Niveau“, fasst es Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglied der IG Metall zusammen. Habe man mit der Rentenreform 2002 gehofft, die Versorgungslücke mit privater Vorsorge wie Riester zu schließen, weiß man heute, dass sich diese Hoffnungnicht erfüllt habe, sagt er. Der Zwang zur Privatvorsorge habe allerdings zu einer gesellschaftlichen Umverteilung von Vermögen geführt.

Das österreichische Rentensystem ist in eine deutlich andere Richtung reformiert worden. „Anstatt auf kapitalgedeckte, private Vorsorge zu setzen, liegt der Fokus bei der Lebensstandardsicherung durch die Rentenversicherung“, erklärt Erik Türk von der Arbeiterkammer Wien. Mit Erfolg. Rentner erhalten 80 Prozent vom Durchschnittsverdienst zum Regelalter 65 nach 45 Beitragsjahren.

Arbeitgeber zahlen mehr als Arbeitnehmer ein

Dafür zahlen sie einen Beitragssatz von 22,8 Prozent (in Deutschland derzeit 18,7 Prozent). 12,55 Prozent tragen die Arbeitgeber, Arbeitnehmer zahlen 10,25 Prozent. Für die ebenfalls in der Pensionskasse mitversicherten Selbstständigen und Bauern wird ein Bundeszuschuss aus Steuermitteln gezahlt.

Dass eine gute Rente nicht kostenlos zu haben ist, weiß auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Ende November hat sie ein Konzept zur Stabilisierung der Renten vorgelegt. Mit einer Halte­linie von 46 Prozent bis ins Jahr 2045 will sie „Sicherheit schaffen für alle, die einzahlen. Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, aber auch für junge Beitragszahler“.

Demografiezuschuss aus Steuermitteln

Die Kosten will sie generationengerecht verteilen, die Beiträge zur Rentenversicherung sollen 22 Prozent im Jahr 2030 und 25 Prozent in 2045 nicht überschreiten. Ein Demografiezuschuss aus Steuermitteln soll die besondere Anstrengung zur Finanzierung der geburtenstarken Jahrgänge leisten. Selbstständige, die nicht in berufsständischen Versorgungswerken abgesichert sind, sollen einbezogen werden, eine „gesetzliche Solidarrente“ all jene bekommen, die 35 Jahre Beiträge geleistet haben.

Während Sozialverbände und Gewerkschaften ein Rentenniveau von mindestens 50 Prozent fordern, lehnen CDU/CSU die Vorschläge zur Stabilisierung der Rentenversicherung als zu teuer ab. Gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden wird reflexartig der Ruf nach einer erneuten Verlängerung der Lebensarbeitszeit laut. Doch eine Pauschallösung sei nicht für alle geeignet, entgegnet Nahles. Die Krankenschwester werde auch in 20 Jahren nicht bis 70 arbeiten können.

Nötig sei ein fairer Verteilungskompromiss zwischen Arm und Reich und Alt und Jung, sagt Andrea Nahles. Momentan scheinen wir davon noch um einiges entfernt.

Wie schaffen wir sichere Renten?

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Kommentare

Beschluss AfA-Landesvorstand SH

Liebe Genossinnen und Genossen,

hier unser Beschluss zur Rent:

https://api.facebook.com/method/messaging.getAttachment?access_token=CAA...

M.f.G.
Frank Hornschu

Mein Kommentar?

Hallo, wo ist denn mein Kommentar von heute Nachmittag geblieben?
M.f.G.
Frank Hornschu

Wo ist mein Kommentar?

Nun frage ich schon zum zweiten Mal.
Darf ich noch mit einer Antwort rechnen?

Wo ist mein Kommentar

Werter Herr Hornschu,

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Falsche Zahlen

Sie schreiben zu dem, was ein Standardrentner eingezahlt hat: "Im Jahr 2000, bei einem Rentenniveau von 53 Prozent, hätte das noch 1530 Euro eingebracht, beim prognostizierten Rentenniveau von 43 Prozent 2030 wird der Auszahlbetrag auf 1240 Euro sinken."
Das klingt erstmal überzeugend, ist aber Unsinn. Man kann nicht die heutige Standardrente mit einem künftigen Rentenniveau verknüpfen. Das Rentenniveau ist immer der Quotient aus der aktuellen Standardrente und dem aktuellen Durchschnittseinkommen aller Sozialversicherungspflichtigen (also auch nichts, womit der Einzelne seine Rente ausrechnen könnte, wie immer wieder fälschlich angenommen wird). Diese Rechnerei ist genauso schräg, als würde man behaupten, früher sei alles besser gewesen, weil man mit dem Druchschnittseinkommen von 2016 (ca. 3000 Euro) im Jahr 2000 deutlich mehr hätte kaufen können. Und nein: Das Rentenniveau hat auch nichts mit der Durchschnittsrente zu tun. Die Bezeichnung "Durchschnittsrenter" führt hier mindestens in die Irre.