Biographie von Adam Remmele

Geschmäht, verhöhnt, gedemütigt

Hans-Jochen Vogel30. Juli 2009

von Hans-Jochen Vogel

In seiner Biographie "Adam Remmele. Ein Leben für die soziale Demokratie" schildert Günter Wimmer, wie Remmele, 1877 im Odenwald geboren, in einfachsten Verhältnissen aufwuchs, sich schon bald
nach seiner Lehrzeit als Müller als Gewerkschafter und Sozialdemokrat engagierte, in beiden Bereichen zunehmend Verantwortung übernahm und in der Weimarer Republik zum Innenminister und zum
Staatspräsidenten des damals sogenannten Volksstaates Baden aufstieg.

Wir erfahren, dass er in diesen Funktionen Hervorragendes leistete und schon den Anfängen des Nationalsozialismus entschieden entgegentrat. Ebenso erfahren wir, dass er nach 1933 gerade
deshalb verfolgt und in besonderer Weise gedemütigt wurde. Aber auch, dass er nach 1945 bis zu seinem Tode im Jahr 1951 aufs Neue am Wiederaufbau unseres Landes mitwirkte. Und dass er sich
zeitlebens an den Grundsätzen der sozialen Demokratie orientierte.

Das alles geschieht sehr anschaulich und unter Verwendung zahlreicher Auszüge aus Remmeles Reden und Schriften auch sehr detailliert. So kann man gut verstehen, dass Remmele darauf stolz
war, seinen Mitmenschen in härtesten Zeiten als einer, der nicht den üblichen Laufbahnvorstellungen entsprach, in so herausgehobener Weise dienen zu können. Aber man kann auch die Demütigung
nachempfinden, die ihm widerfuhr, als ihn die Nationalsozialisten im Mai 1933 auf einem offenen Kraftwagen zusammen mit anderen Häftlingen im Schritttempo durch die von einer ihn schmähenden und
verhöhnenden Menschenmenge angefüllten Straßen Karlsruhes in ein nahegelegenes KZ transportierten.

Auf dem Weg zur sozialen Demokratie

Das Buch vermittelt aber nicht nur einen Lebensweg. Es behandelt vielmehr zugleich Zeitgeschehnisse und Fragen, an die wir uns durchaus erinnern sollten.

So wird deutlich, vor welchen gewaltigen Herausforderungen die Sozialdemokraten und andere demokratische Kräfte nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im November 1918 standen. Welcher
Anstrengungen es bedurfte, um den friedlichen Übergang in demokratische Strukturen zu realisieren, einen Bürgerkrieg zu vermeiden, die Einheit des Reiches zu erhalten und die Grundversorgung der
Bevölkerung sicherzustellen. Manche kritisieren, dass die Veränderungen - etwa die Ablösung der militärischen und der administrativen Eliten - damals nicht weit genug gingen und die
Vergemeinschaftung der Schlüsselindustrien unterblieb.

Aber wer liest, unter welchen Bedingungen Männer wie Remmele seinerzeit konkret handeln mussten, wird sich wohl noch einmal überlegen, ob es wirklich Alternativen gab. Und er wird die
Errungenschaften, die in jenen Wochen realisiert werden konnten - also beispielsweise die Errichtung einer parlamentarischen Republik, die Einführung des Frauenwahlrechts und die Ersetzung des
Drei-Klassen-Wahlrechts durch allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlen sowie die Anerkennung der Tarifautonomie und des Acht-Stunden-Tages - als das beurteilen, was sie waren: Nämlich als
substantielle Fortschritte auf dem Weg zu einer sozialen Demokratie.

Deutlich wird weiter, dass die Ziele der Nationalsozialisten und die verbrecherischen Aktivitäten, mit denen sie verwirklicht werden sollten, schon in den zwanziger Jahren offenkundig
waren. Man braucht nur die von Wimmer zitierte, von Remmele veranlasste Studie über "das hochverräterische Unternehmen der NSDAP" (S. 321 f.) oder die Begründungen zu lesen, mit denen er gegen
nationalsozialistische Umtriebe und insbesondere gegen Beamte vorging, die sich im NS-Sinn betätigten. Widerlegt wird damit die nach 1945 häufig zu hörende Behauptung, das, was später geschah,
sei nicht vorauszusehen gewesen. An frühen und nachhaltigen Warnungen hat es wahrlich nicht gefehlt.

Eine Minderheit von Demokraten

Wahr ist aber auch, dass die Demokratie in der Schlussphase von Weimar nur noch von einer Minderheit verteidigt wurde. Und dass die Zahl derer, die Hitler folgten und bejubelten, nach dem
30. Januar 1933 rasch wuchs. Auch dafür gibt es in dem Buch zahlreiche konkrete Belege. Beispielsweise auch die bereits erwähnte Feststellung, dass die Karlsruher Bevölkerung der Aufforderung der
Nazis, bei der "Schaufahrt" Remmeles und seiner Freunde dabei zu sein, überaus zahlreich folgte (S. 365).

Insgesamt sollten wir die Biographie deshalb auch als ein Vermächtnis verstehen. Als ein Vermächtnis Adam Remmeles und der Männer und Frauen, die es ihm gleich taten im Sinne des "Nie
wieder! Nicht noch einmal!". Und das gerade in dem Jahr, indem die Bundesrepublik ihr sechzigjähriges Jubiläum begeht. Denn an neuen recchtsextremistischen Aktivitäten fehlt es nicht.


Günter Wimmer, "Adam Remmele. Ein Leben für die soziale Demokratie", Verlag regionalkultur 2009, 530 Seiten, 24,80 Euro, ISBN : 978-3-89735-585-9




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