Attentat in München

Georg Elser: Er wollte den Krieg verhindern

Michael Müller08. November 2019
Er plante den Anschlag, weil er frühzeitig das braune Unheil und die menschenverachtenden Verbrechen der Nazis heraufziehen sah. An der Berliner Wilhelmstraße erinnert ein Denkmal an den Hitler-Attentäter Georg Elser.
Er plante den Anschlag, weil er frühzeitig das braune Unheil und die menschenverachtenden Verbrechen der Nazis heraufziehen sah. An der Berliner Wilhelmstraße erinnert ein Denkmal an den Hitler-Attentäter Georg Elser.
Am 8. November 1939 durchkreuzte das schlechte Wetter Georg Elsers Plan, Adolf Hitler und seine Henker zu stoppen. Der Tischler von der Schwäbischen Alb wollte den Diktator töten und den Zweiten Weltkrieg verhindern. Elser war das moralische Gegenstück zu den Nazis.

Dreizehn Minuten machten den entscheidenden Unterschied aus. Die Bombe explodierte um 21.20 Uhr am Pfeiler direkt hinter der Rednertribüne im Münchner Bürgerbräukeller. Dort versammelten sich alljährlich die „Alten Kämpfer“ der Nationalsozialisten. Wäre Elsers Attentat auf den engsten Führungszirkel der Nazis erfolgreich gewesen, hätte die Weltgeschichte wahrscheinlich einen anderen Verlauf genommen. Doch an diesem Abend blieb die hasserfüllte Rede des Führers vergleichsweise kurz, weil der eigentlich vorgesehene Rückflug nicht möglich war. Hitler, Goebbels, Himmler, Heydrich und Heß verließen den Versammlungsort unerwartet früh um 21.07 Uhr, um den Zug zu nehmen, und damit dreizehn Minuten vor der Explosion. Andernfalls wären wahrscheinlich der Zweite Weltkrieg verhindert und Millionen von Menschen vor Tod, Leid und Verzweiflung bewahrt worden, hätte es den Holocaust nicht gegeben.

Ein aufrechter Einzelkämpfer

Georg Elser verachtete die Herrenmenschen-Ideologie der Nazis. Er war Mitglied des Rotfrontkämpferbunds, nicht aber einer Partei. Wohl fühlte er sich besonders bei seinen Freunden im Gesangsverein Königsbronn und bei den Konstanzer Naturfreunden, von denen er viele Impulse für seine soziale und politische Haltung bekommen hat. Der Biograf Helmut Ortner schrieb: „Elser (war) im örtlichen Naturfreunde-Verein, aber er war ein Einzeltäter“, und kein Agent eines ausländischen Geheimdienstes, wie eine zeitlang ohne Belege behauptet wurde. Natürlich hatte Elser seine Spuren verwischt, weil er niemand anderen in Verdacht bringen wollte. 

Elser plante den Anschlag, weil er frühzeitig das braune Unheil und die menschenverachtenden Verbrechen der Nazis heraufziehen sah. Noch am Abend des Anschlags wurde er kurz vor der Schweizer Grenze festgenommen, gefoltert und nach seinem Geständnis ins Konzentrationslager gebracht. Am 9. April 1945, kurz vor Kriegsende, wurde er auf persönlichen Befehl Hitlers erschossen. Erst 1970 wurden die Vernehmungsprotokolle aus den Akten des Reichsjustizministeriums veröffentlicht. Sie sind genauso Dokumente des Schreckens wie der Anständigkeit, denn sie sagen viel aus über die Motive und das Denken eines aufrechten Mannes. Dennoch blieb Elser lange die Anerkennung versagt, die seine Tat verdient.

Antifaschismus stärker würdigen

Dabei war Elser einer der wenigen Sehenden unter Blinden und begann bereits im Sommer 1938, seine Tat zu planen, um den Krieg zu verhindern. Elser war kein Deutschnationaler, kein Vertreter des erst jubelnden, dann erschrockenen Bürgertums, das in der deutschen Geschichte immer wieder die soziale Demokratie bekämpft und in der Weimarer Republik eklatant versagt hat.

Zur Kultur eines freiheitlichen Landes muss es gehören, den Antifaschismus in den Kirchen, in der Arbeiterbewegung und in den sozialen sowie kulturellen Verbänden sehr viel stärker zu würdigen. Obwohl Elser frühzeitig und mit überzeugenden Motiven gegen Hitler aufgestanden ist, wird er bis heute zu wenig geachtet. Es ist deshalb ein wichtiges Zeichen, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Elser gerade in dessen Geburtsort Hermaringen geehrt hat. Im Gedenken an einen mutigen, aber fast vergessenen Widerstandskämpfer gegen Nationalsozialismus und Krieg. Auch wenn es unbequem ist, die Aufrechten in Deutschland dürfen nicht länger ignoriert werden.

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