Filmtipp

„Generation Wealth“: Warum Geld nicht glücklich macht

Nils Michaelis01. Februar 2019
der flüchtige Hedgefonds-Manager Florian Homm in der Dokumentation „Generation Wealth“
Die protzigen Gesten sitzen noch: der flüchtige Hedgefonds-Manager Florian Homm in der Dokumentation „Generation Wealth“
Auf das hemmungslose Prassen folgt oft der totale Absturz: Der Dokumentarfilm „Generation Wealth“ erforscht die Welt der Reichen und Schönen. Produziert wurde er von Amazon, dessen Boss als reichster Mann der Welt gilt.

Um die Auswüchse des Kapitalismus zu erklären, müssen schon mal die alten Ägypter herhalten. Als deren Pracht in Form der Pyramiden am größten schien, war ihre Macht tatsächlich bereits im Sinkflug, ist im Film „Generation Wealth“ zu hören. Übertragen auf die heutige Zeit heißt das: Das globale Reich des Konsums ist dem Untergang geweiht, selbst wenn es sich nach außen hin so vital und dreist wie noch nie gibt. Die seit den 70er-Jahren virulente Deregulierung der Finanzmärkte macht's möglich.

Erinnerung an Gordon Gecko aus „Wallstreet“

Ob in den USA, Russland oder China: Regisseurin Lauren Greenfield liefert zahllose Beispiele für sinnlose Prestigeprojekte. Ein neureicher Chinese pflanzt sich eine Kopie des Weißen Hauses in seinen Garten. Der amerikanische Timesharing-Milliardär David Siegel baut sich nach dem Vorbild des Schlosses von Versailles das größte Haus der Welt. Darauf folgt allerdings ein Untergangsszenario, das symptomatisch für die Welt des Prassens, zumal auf Pump, ist. Natürlich bleibt auch der Immobilien-Tycoon und Reality-Show-Star auf dem US-Präsidentenstuhl nicht unerwähnt.

„Wenn Sie nicht reich sein können, wollen Sie sich reich fühlen – und wenn Sie sich nicht reich fühlen wollen, dann sind Sie wahrscheinlich tot.“ Siegels Credo, das an Gordon Gecko („Gier ist gut“) aus „Wallstreet“ erinnert, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Zugleich zeigt Greenfield, wie Menschen, die diese Sphäre geprägt haben (oder von ihr geprägt wurden), an ihrer Gier gescheitert sind. Die Filmemacherin und Fotografin verurteilt all die Reichen und Schönen allerdings nicht (das übernimmt manch ein konsumkritischer Interviewpartner). Die 52-Jährige versucht, die Beweggründe und die Umstände dieser Menschen zu verstehen. Ähnlich einer Anthropologin legt sie ihr von vielerlei Faktoren beeinflusstes Wesen frei. Größere politische oder wirtschaftliche Zusammenhänge spielen dabei selten eine Rolle.

Jagen wir nicht alle irgendetwas hinterher?

Das Thema kommt nicht von ungefähr: 1966 in einem Akademikerhaushalt an der US-Ostküste geboren, wächst Greenfield im glitzernden Los Angeles auf und besucht eine der besten Schulen. Dennoch gehört sie in dem Oberklassen-Milieu nie so richtig dazu. Umso mehr fasziniert sie all das, womit sich die superreichen Töchter und Söhne umgeben. Zum Beispiel der lockere Umgang mit sehr viel Geld. Seit mehr als 25 Jahren widmet sich die Havard-Absolventin diesem Sujet in Fotos, Büchern und Filmen. Besser gesagt: dieser Obsession. Denn auch davon erzählt dieser Film: Mögen all die Siegels dieser Welt vom Geld nicht genug kriegen: Jagen wir nicht alle irgendetwas hinterher? Für den Workaholic Greenfield ist es die Anerkennung als Künstlerin, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Im von ihr gesprochenen Off-Text stellt die zweifache Mutter immer wieder den Bezug zum eigenen Leben her.

Ihr Film bietet keine schlüssige Argumentation, eher eine subjektive Sicht auf eine auf Image und Profit fixierte Welt, insbesondere in den USA. Daher ist die Erzählweise mitunter auch nicht ganz stringent, selbst wenn sie über weite Strecken visuell durchaus eindringlich ist. Und doch bringt der Streifzug durch die grellen Seiten des Kapitalismus immer wieder Erstaunliches und Grausliches zutage. Zum Beispiel, wenn eine im Las-Vegas-Stil aufgetakelte Dreijährige erzählt, was sie mit all dem Geld von den Schönheitswettbewerben anstellen will, an denen sie dank ihrer geschäftstüchtigen Mama teilnimmt. Nicht nur in diesem Fall bestätigen die Befragten die Klischees, die viele über eine derartige Klientel haben dürften. Greenfield stellt sie aber keineswegs zur Schau.

Produziert von Amazon

Immer wieder erzählt der Film von kleinen und großen Tragödien, die auf den Ausflug in die Sphäre der Oberklasse (oder deren Vorhof) folgten. Manch einer von denen, die die Regisseurin über Jahre immer wieder befragt hat, lebt heute im Auto. Einige geben sich geläutert. Etwa der frühere Hedgefonds-Manager Florian Homm. Während der Finanzkrise tauchte der gebürtige Hesse unter. Seitdem steht er auf der Fahndungsliste des FBI. In seinen Erinnerungen wird deutlich, wie grotesk, sinnlos und letztlich unglücklich das Leben der Mega-Reichen sein kann.

Übrigens: Der vor einem Jahr bei der Berlinale gezeigte Film wurde von Amazon produziert. Jeff Bezos, der Boss des Medien-Riesen, gilt mit schätzungsweise 100 Milliarden auf dem Konto als reichster Mann der Welt. Im Film geht es auch um Greenfields fotografisches Arbeiten zum Thema „Generation Wealth“. 2017 erschien der gleichnamige Bildband. Die Fotos sind ab dem 30. März im Haus der Photographie in Hamburg zu sehen.

„Generation Wealth“ (USA 2017), ein Film von Lauren Greenfield, mit Eden Wood, Jaqueline Siegel, Florian Homm u.a., 106 Minuten. Jetzt im Kino

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