200 Jahre Heinrich von Kleist

Die gar so lebendige „Unnatur“

Bernhard Spring29. November 2011

Johann Wolfgang Goethe soll das Drama „Das Käthchen von Heilbronn“ noch angewidert in den Kamin geworfen und seinen Autor als „verfluchte Unnatur“ geschimpft haben – gut 200 Jahre später ist Heinrich von Kleist nicht nur längst literarisch rehabilitiert worden, sondern auch als Mensch dem modernen Zeitempfinden nähergekommen.

Heinrich von Kleist hatte zu Lebzeiten nicht verstanden, sich beruflich oder literarisch zu etablieren. Fernab des bis weit in die Zukunft hinein tonangebenden Weimarer Musenhofs führte er ein Leben zwischen künstlerischer Anstrengung und Verzweiflung, dem er am 21. November 1811 ein Ende setzte.

Erst im Zuge der deutschen Reichsgründung wurde sein Werk wiederentdeckt, um einseitig politisch interpretiert im Sinne einer geistigen Wegbereitung der Nation missbraucht zu werden. Gleichzeitig arbeitete sich die junge Psychoanalyse an ihm ab, bescheinigte Kleist mal latente Homosexualität, mal Hypochondrie. Verständlicher wurden durch solche Diagnosen aber weder Kleists Leben noch sein Werk.

Im Gegenteil, Kleist umgab bald – ähnlich wie Lenz, Grabbe und Büchner – die Aura eines missverstandenen Genies, die ihn für die klassikermüden Intellektuellen der vorletzten Jahrhundertwende attraktiv machte. Das bedeutendste Produkt dieser Kleist-Renaissance war die Auslobung eines nach ihm benannten Literaturpreises, der ab 1912 an besonders innovative und provokante Autoren vergeben wurde, ab 1933 nicht mehr ausgelobt und erst 1985 wiederbelebt wurde, inzwischen aber gewaltig an Innovation eingebüßt hat.

Seit seiner Wiederentdeckung vor gut hundert Jahren avancierte Kleist, der von den Klassikern einst Geschmähte, selbst zum Klassiker der deutschen Literatur. „Das Erdbeben von Chili“, „Michael Kohlhaas“, „Der zerbrochene Krug“ und „Penthesilea“ haben Einzug in die Schul- und Allgemeinbildung gehalten, ohne dass sie dadurch vollkommen entschleiert worden wären. Noch immer fasziniert ein einzelner Gedankenstrich in „Die Marquise von O…“, weil er so viel erahnen lässt, was da ebenso anzüglich wie unausgesprochen zwischen Tragik und Groteske liegt. Noch immer rührt das uneheliche „Käthchen von Heilbronn“ so sehr die Gemüter, dass ihr unhistorisches Elternhaus längst zum unterländischen Touristenmagneten geworden ist. Literatur, Forschung und sichtbargemachte Interpretation – man denke nur an das in Hinblick auf sein Werk viel zu romantisch anmutende Denkmal in seiner Geburtsstadt Frankfurt/Oder – gehen im Falle Kleists Hand in Hand.

Dem Mythos um den Autor hat dies alles keinen Abbruch getan, denn unergründlich ist nach wie vor geblieben, ob Kleist zeitweise als preußischer Spion tätig war, ob er tatsächlich den Publizisten Adam Heinrich Müller hatte umbringen wollen, ob es einen verschollenen Kleist-Roman aus dem Jahre 1811 gibt … Fast scheint es, als ob inzwischen dem rätselhaften Autor mehr Interesse zukommt als seinem Werk. So ist, laut Germanist Michael Bienert, eben nicht Kleists Schaffen, sondern vielmehr sein „spektakulärer Selbstmord vor zweihundert Jahren Anlass für ein Veranstaltungsjahr“, in dem unter anderem literarische Spaziergänge zu „Kleists Berliner Skandalen“ in der Hauptstadt angeboten werden.

Abseits solcher wohl eher sensationsheischender Veranstaltungen wird das Kleist-Jahr 2011 genutzt, um das Andenken des temperamentvollen Klassikers aufzupolieren. So wird das Kleist-Museum in Frankfurt/Oder erweitert, das Kleist-Grab am Kleinen Wannsee saniert und über ein vom Kultusstaatsministerium gefördertes virtuelles Kleist-Portal mit der Kleist-App der gefeierte Autor auch auf das Smartphone gebracht. Ob’s den Autor gefreut hätte? Nun, das weiß ja jedes Schulkind inzwischen, dass nicht mehr nach dem Autor gefragt wird, wenn es um die Nachwirkung geht.