Flucht aus der Ukraine

„Gänsehaut“: Wie eine Gemeinde im Saarland Ukraine-Geflüchteten hilft

Carl-Friedrich Höck31. März 2022
Ralf Mühlen mit seiner Frau, Bürgermeister Sebastian Greiber und Helferinnen (v.r.)
Ralf Mühlen mit seiner Frau, Bürgermeister Sebastian Greiber und Helferinnen (v.r.)
Mit einem Facebook-Aufruf bat Ralf Mühlen um zwei Luftmatratzen für ukrainische Geflüchtete – und löste eine Solidaritätswelle aus. Kurz darauf war in der Gemeinde Wadgassen eine komplette Lagerhalle mit Hilfsgütern gefüllt.

Als Putins Armee die Ukraine überfiel, wusste Ralf Mühlen, dass er handeln muss. Der Kommunikations- und Vertriebstrainer ist mit einer Ukrainerin verheiratet. Schnell war klar, dass drei ihrer Familienmitglieder nach Deutschland kommen sollten. Auch eine weitere Familie mit drei Kindern wollte das Paar aufnehmen. Doch es fehlten noch zwei Schlafplätze. Also startete Mühlen einen Facebook-Aufruf und fragte, wer zwei Luftmatratzen zur Verfügung stellen könne.

Ganz oder gar nicht

Die Reaktionen waren überwältigend. „Da kam aus so vielen Ecken der Republik Hilfe, dass wir gleich gesagt haben: Entweder wir lassen das alles sein, oder wir kanalisieren das“, erzählt Mühlen. Als nützlich entpuppten sich dabei die Verbindungen in Mühlens alte Heimat. Er lebt heute in Berlin, stammt aber ursprünglich aus der saarländischen Gemeinde Wadgassen. Quasi über Nacht initiierte Mühlen die Gründung des Vereins „Ukraine-Saarland-Berlin e.V.“. Und weil er für die vielen angebotenen Sachspenden einen Platz brauchte, fragte Mühlen über Facebook bei Wadgassens Bürgermeister an, ob er weiterhelfen könne. Er konnte.

„Im Saarland sind die kurzen Wege sehr ausgeprägt“, bestätigt Bürgermeister Sebastian Greiber (SPD). Nachdem er von Mühlen angeschrieben wurde, telefonierte er am Abend mit ihm – und am nächsten Morgen bekam Ralf Mühlen den Schlüssel für eine 1.500 Quadratmeter große ehemalige Industriehalle. Sie gehört einer Tochtergesellschaft der Gemeinde, die das Areal städtebaulich nutzen will. Im Moment aber steht sie leer. Deshalb durften Mühlen und seine Helferinnen und Helfer ihre Güter dorthin bringen.

„Da kriege ich Gänsehaut”

In der großen Halle wirkte der Berg aus Sachspenden plötzlich gar nicht mehr so beeindruckend. „Wir waren sehr beschämt, wie wenig das ist“, erzählt Mühlen. „Dann war ich aber sprachlos, wie die Halle 48 Stunden später aussah. Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut.“ Das Gebäude war randvoll gepackt mit Kleidungsstücken, Hygieneartikeln, Lebensmitteln, Spielzeug und anderen Bedarfsgütern. Das war am vierten Tag nach Ausbruch des Krieges.

Gedacht waren die Güter ursprünglich für Geflüchtete, die in Wadgassen ankommen. Auch in den Nachbarkommunen hat sich die Spendensammlung schnell herumgesprochen. Mittlerweile wurden zudem mehrere Lkw-Ladungen aus Wadgassen in die Ukraine geschickt. Mühlens Frau ist dort noch gut vernetzt und weiß, was wo gebraucht wird. Ralf Mühlen schätzt, dass schon mehr als 400 Helferinnen und Helfer in der Halle mit angepackt haben. Das sei keineswegs nur seinem Netzwerk zu verdanken. „80 bis 90 Prozent dieser Menschen habe ich noch nie in meinem Leben getroffen“, sagt er.

Gemeinde und Verein unterstützen sich gegenseitig

Auch die Kommune unterstützt die Hilfsaktionen tatkräftig. „Wir telefonieren mindestens einmal täglich“, berichtet Bürgermeister Greiber. Zwischen dem Verein und der Gemeindeverwaltung habe sich schnell eine organische Beziehung entwickelt. Wenn Ralf Mühlen ein Problem hat, versucht Greiber es unbürokratisch zu lösen. Die Gemeinde hat den Verein dabei unterstützt, einen Antrag auf Gemeinnützigkeit zu stellen. Greiber sagt: Er wolle verhindern, dass Ehrenamtliche frustriert aufgeben, weil sie zu viel mit formellen Dingen zu tun haben. Die Kommune hat auch ein Online-Portal eingerichtet, mit dem Daten rund um die Ukraine-Hilfe zentral erfasst werden. Zum Beispiel: Wer kann Wohnraum zur Verfügung stellen?

Umgekehrt profitiert die Gemeinde vom Verein. Nach einem Hilferuf des Landrates baute die Gemeinde innerhalb von 48 Stunden eine Turnhalle zu einer Notunterkunft für bis zu 130 Geflüchtete um. Der Verein packte mit an, Ehrenamtliche halfen die Betten zu beziehen. „Die Gemeinde hat dazu beigetragen, dass wir alle bürokratischen Hürden unbürokratisch überwinden konnten“, lobt Ralf Mühlen. Das hänge eng mit dem Bürgermeister und seiner Amtsführung zusammen. „Er erklärt nicht, warum etwas nicht geht, sondern fragt immer nur: Wie kriegen wir das hin?“ Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung atmeten diesen Geist.

Dieser Text erschien zuerst auf demo-online.de

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