Filmtipp

„Furusato“: Zukunft im Schatten der Strahlenwolke

Nils Michaelis09. März 2018
Frusato
Bemüht um Normalität: die Menschen von Minamisoma
Besser an Krebs sterben als die eigene Scholle aufgeben: Der Dokumentarfilm „Furusato“ zeigt, wie Japaner für die Heimatliebe ihr Leben riskieren und wie desaströs die Regierung mit den Folgen des Reaktorunglücks von Fukushima umgeht.

Der japanische Begriff Furusato lässt sich in etwa mit „Zuhause“ oder „Heimatstadt“ übersetzen. „Er beschreibt nicht nur die Landschaft unserer Kindheit, die für immer verschlossen ist, sondern auch die letzte Landschaft, die wir sehen, bevor wir sterben“, sagt Regisseur Thorsten Trimpop. Von der besonderen Bedeutung der Heimatverbundenheit für die Japaner erzählt „Furusato“. Genauer gesagt: von den Schwierigkeiten und Widersprüchen, die damit verbunden sind, nach der Reaktorkatastrophe von 2011 daran festzuhalten.

Radioaktive Wolke

Nach dem Atomunfall mussten rund 200.000 Einheimische vor der radioaktiven Strahlung fliehen und alles zurücklassen: ihre Häuser, ihre Haustiere, die Asche ihrer Ahnen und, so Trimpop, jeglichen Sinn für die Zukunft. Rasch zog die Nachrichtenkarawane weiter und das Thema stieß so plötzlich wie es gekommen war kaum noch auf Interesse. Der Regisseur aber fragte sich, was aus all diesen Menschen geworden war und begann rund um den ersten Jahrestag des Unglücks mit den Dreharbeiten, die etappenweise bis 2016 andauerten.

Im Fokus steht der Ort Minamisoma. Nach der Kernschmelze zieht die radioaktive Wolke auch dort vorbei. Die japanischen Behörden teilen das Gebiet der Kleinstadt in zwei Hälften. Eine davon wurde als unbewohnbar eingestuft und abgesperrt. Die Menschen landeten in Sammelunterkünften. Viele leben noch heute dort. In dem anderen Sektor durften die Bewohner bleiben. Und zwar, obwohl auch dort die Strahlenbelastung viel höher war als erlaubt. Viele gingen weg. Teile von Minamisoma, nur wenige Kilometer von Fukushima entfernt, wurden zur Geisterstadt. Es blieben jene, denen für ein Neuanfang das nötige Kleingeld fehlte. Oder die ganz andere Gründe hatten.

Massive Bedrohung

Anhand von mehreren Familien zeigt „Furusato“ Gemeinsamkeiten und Unterschiede dabei auf, mit der massiven Bedrohung durch die Strahlen umzugehen. Da ist die Tochter eines Pferdezüchters, die ihren Job in der Großstadt aufgibt, um ihrem Vater dabei zu helfen, den Betrieb und damit auch die Familientradition am Leben zu erhalten. Selbst wenn dies bedeutet, immer wieder mitzuerleben, wie die Tiere qualvoll verenden. Oder ein älteres Ehepaar. Weil ihr Haus einen Tempel beherbergt, fühlen sie sich daran gebunden. Zugleich vergehen sie vor Sorge um ihre Kinder und Enkel, die sich ebenso wenig von diesem vor Generationen erworbenen Besitz lösen können und sich einem untragbaren Krebsrisiko aussetzen.

Die Langzeitbeobachtung ermöglicht zudem, den Wandel manch einer Persönlichkeit zu dokumentieren. Das gilt vor allem für den leitenden Mitarbeiter des berüchtigten Atomkonzerns Tepco. Zeigt er anfangs voller Schuldgefühle auf den Unglücksreaktor, redet er später der Atomindustrie geschäftsmäßig das Wort. Wir erleben aber auch verzweifelte Heranwachsende, die weder in Minamisoma noch anderswo den Weg in ein selbstbestimmtes Leben finden.

Erschütternde Begegnungen

Bei all den Begegnungen und Gesprächen überrascht das Vertrauen, das Trimpop bei seinen Interviewpartnern besitzt. Die Offenheit, mit der die Menschen von der quälenden Entscheidung berichten, zu bleiben oder zu gehen, erschüttert. Das gilt auch für die Versuche wie jener Pferdezüchterin, Gefahren für Leib und Leben auszublenden, sich hinter Traditionen zu verstecken und Normalität vorzugaukeln.

Hinter all dem steht das Versagen des japanischen Staates, angemessen mit den Folgen des Atomunfalls umzugehen und den Betroffenen zu helfen. Ebenso hilflos wie verzweifelt wirkt es, wenn einfache Anwohner oder auch staatliche Trupps den kontaminierten Boden mit kleinen Schaufeln abtragen. Was kann bei diesen Zuständen schon der einsame Protest eines ehemaligen Mönches ausrichten, der eine NGO gründet und in Hungerstreik geht, weil er um die Zukunft der Kinder bangt?

Kunstvoll und zurückhaltend

Das Bedrückende dieser bei der Leipziger Dokfilmwoche ausgezeichneten Produktion liegt nicht zuletzt in der Stille und Menschenleere vieler Sequenzen, in denen Trimpop Straßen und Landschaften einfängt. Darin kommt nicht nur eine geräuschlose Bedrohung zum Ausdruck. Die Abwesenheit von Leben ist nicht weniger als eine Anklage. Kunstvoll und zurückhaltend inszeniert, aber gerade deswegen so überwältigend.

Info: „Furusato“ (Deutschland 2016), ein Film von Thorsten Trimpop, OmU, 94 Minuten, ab sofort im Kino

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