Rechter Terror

Fünf Jahre nach NSU-Enttarnung: „Die haben gedacht, wir waren das“

Paul Starzmann04. November 2016

Eine Kooperation mit bnr.de

Was Rassismus wirklich bedeutet, wissen nur die Betroffenen. Ein neues Buch zeigt deshalb die „migrantische Perspektive“ auf den NSU-Terror. Die Hauptfrage: Welche Spuren hinterlässt die tödliche Gewalt von Rechts?

Als sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ vor fünf Jahren selbst enttarnte, war das Medienecho riesig. Aus aller Welt reisten Pressevertreter an und berichteten: In Deutschland, dem Land der Shoah, konnten Nazis wieder völlig ungehindert Morde begehen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft reagierte sofort: Ganz schrecklich sei das alles, aber eigentlich unvorstellbar und auch untypisch für die rechte Szene – deswegen habe niemand etwas ahnen können, versuchten viele, die jahrelange Tatenlosigkeit des Staates zu entschuldigen.

Die Angehörigen der Opfer hingegen äußerten von Anfang an den Verdacht, dass Neonazis hinter den Morden stecken könnten. Allein: Niemand wollte ihnen glauben, weder Polizei noch Medien – wie so oft schenkte den „Migranten“ kaum jemand Gehör.

„Versuch eines Perspektivwechsels“

Mit dem Buch „Die haben gedacht, wir waren das“ soll sich das jetzt ändern. Der Sammelband sei „der Versuch eines Perspektivwechsel“, schreibt der Grünen-Politiker Cem Özdemir im Vorwort – das Buch ein „Manifest von Migrant_innen zu rechtem Terror und Rassismus“, wie die Herausgeber erklären. So sind sämtliche Beiträge von Autoren aus der „migrantischen Community“ verfasst. Anstatt also über rechte Gewalt und Alltagsrassismus zu theoretisieren, wie es die Mehrheitsgesellschaft gerne tut, sprechen hier diejenigen, die unmittelbare Erfahrungen mit Rassismus vorweisen können.

Das Buch liefert eine große Bandbreite an Perspektiven auf den NSU-Komplex. Etwa der junge Lehrer Orhan Mangitay, Co-Herausgeber des Buchs, der die „Kontinuitäten nationalistischer Positionen“ in Deutschland aufzeigt: vom Rassismus im Dritten Reich bis hin zur „Überfremdungsdebatte“ der 1990er und den aktuellen Aggressionen gegenüber Muslimen, die spätestens seit Thilo Sarrazins Beststeller „innerhalb breiter Bevölkerungsteile salonfähig zu sein scheinen.“

„Wem gehört Deutschland?“

Der Frage „Wem gehört Deutschland?“ geht die SPD-Politikerin Lale Akgün in ihrem Beitrag nach, einem nachdrücklichen „Plädoyer für republikanisches Denken“. Um zu verhindern, dass der NSU Nachahmer findet, „sollten wir darüber nachdenken, wo der Alltagsrassismus anfängt und wie der Rassismus aufhört“, fordert Akgün. Die Gesellschaft dürfe sich nichts vormachen: „Rassismus hat Einzug gehalten auf der politische Bühne“, analysiert Akgün den Zulauf für AfD, Pegida und Co. Solange die Gesellschaft bereit sei, diesen Rassismus zu tolerieren, werde auch der rechte Terror kein Ende nehmen, warnt die ehemalige Bundestagsabgeordnete.

Der Journalist Miltiadis Oulios richtet den Blick auf die eigene Community, wenn er über das „Schweigen zum NSU unter griechischen Einwanderern in Deutschland“ schreibt. In der griechischen Gemeinde in Deutschland werde der Mord an dem Münchner Theodoros Voulgaridis geradezu verschwiegen, erklärt Oulios – „inklusive des staatlichen Rassismus, der dabei zu Tage trat“. Die Folge sei, dass Deutsch-Griechen „bei unangenehmen Themen wie Rassismus sich ebenso gerne wegducken wie große Teile der deutschen Mehrheitsgesellschaft.“

Vielfältige Reaktionen auf die Gewalt

Der Sammelband vereint die unterschiedlichsten Autoren, darunter Parlamentarier von SPD, CDU, Linken und Grünen, Wissenschaftler, Aktivisten, Schüler und Künstler. Insgesamt 41 Beiträge liefern ein vielfältiges Spektrum an Reaktionen auf den Rassismus in Deutschland: Von Analysen des Alltagsrassismus in der gesellschaftlichen Mitte („Kultureller Rassismus ist jetzt Mainstream“ von Çağan Varol) bis hin zu einer Polemik über Beate Zschäpes Frisur („Beates Mähne“ von Yasemin Karakaşoğlu).

Unter den zahlreichen Publikationen, die in den vergangenen Jahren zum NSU-Komplex erschienen sind, sticht dieses Buch heraus: Bisher habe die Sichtweise der Betroffenen „wenig Raum bekommen“, schreiben die Herausgeber. Der Sammelband erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive: „Bekannte und Unbekannte, allesamt mit Migrationshintergrund, nehmen in diesem Buch Stellung, geben ihre Erfahrungen wieder, beleuchten die Auswirkungen des NSU-Terrors sowie der um sich greifenden rassistischen Gewalt“.

Kemal Bozay, Bahar Aslan, Orhan Mangitay, Funda Özfırat (Hrsg.): Die haben gedacht, wir waren das. MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus. Papyrossa, 293 Seiten, 16,90 Euro.

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