Vor 100 Jahren: Ebert wird Reichspräsident

Was wir Friedrich Ebert verdanken, dem Hüter der Weimarer Republik

Walter Mühlhausen 05. Februar 2019
Verfassungsfeier 1924: Reichspräsident Friedrich Ebert begibt sich zur Rednertribüne auf der Schlossterrasse im Berliner Lustgarten.
Verfassungsfeier 1924: Reichspräsident Friedrich Ebert begibt sich zur Rednertribüne auf der Schlossterrasse im Berliner Lustgarten.
Er bahnte der ersten deutschen Demokratie den Weg und sicherte ihr Überleben gegen alle Angriffe von rechts und links: Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, seit 1919 Reichspräsident. Sein früher Tod 1925 beendete die Phase relativer Stabilität. Es begann das langsame Sterben der Demokratie von Weimar.

Am 11. Februar 1919 wählte die in Weimar tagende Nationalversammlung den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Friedrich Ebert mit 277 von 379 Stimmen zum Reichspräsidenten. Das war ein Meilenstein der deutschen Demokratie, denn damit besaßen die Deutschen zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt. In seiner Dankesrede versicherte Ebert, sein „Amt gerecht und unparteilich zu führen“: „Ich will und werde als der Beauftragte des ganzen deutschen Volkes handeln, nicht als Vormann einer einzigen Partei.“ Das sollte Leitmotiv in seinen sechs Jahren als Reichspräsident sein. Er wollte nicht wie die Hohenzollernkaiser, die die Sozialdemokraten außerhalb der Gesellschaft gestellt hatten, ausgrenzen, sondern einen und vereinen.

Ein Sohn des Arbeiterstandes als Präsident

Der in der Wolle gefärbte Sozialdemokrat, der seit 1905 dem SPD-Vorstand angehört hatte, davon seit 1913 als einer der beiden Vorsitzenden, beteuerte gleichzeitig, dass auch weiterhin die Interessen der Arbeiterbewegung Wertmaßstab seines Handelns sein würden: „Ich bekenne aber auch, dass ich ein Sohn des Arbeiterstandes bin, aufgewachsen in der Gedankenwelt des Sozialismus, und dass ich weder meinen Ursprung noch meine Überzeugung jemals zu verleugnen gesonnen bin.“

Dass nunmehr mit Ebert einer jener Sozialdemokraten, die im Kaiserreich als Reichsfeinde verfolgt und als vaterlandslose Gesellen stigmatisiert worden waren, an der Spitze des neuen Staates stand, machte den fundamentalen Verfassungswandel weithin sichtbar. Der „Vorwärts“ brachte es in einem Satz auf den Punkt: „Der Sattler Fritz Ebert ist Reichspräsident.“

Schlüsselfigur der deutschen Geschichte

Der Schneidersohn aus Heidelberg war im Herbst 1918 zur Schlüsselfigur der deutschen Geschichte geworden. Nach der Bildung der ersten parlamentarischen Regierung unter Reichskanzler Prinz Max von Baden im Oktober, der mit Gustav Bauer und Philipp Scheidemann auch zwei Sozialdemokraten angehörten, hoffte Ebert auf einen allmählichen Übergang in den vollkommenen demokratischen Verfassungsstaat, wobei er durchaus bereit war, die Monarchie vorerst beizubehalten. Denn am Ende eines verlorenen vierjährigen Krieges, als Bankrott, Chaos und politisches Vakuum drohten, hätte ein radikaler verfassungsrechtlicher Schnitt die Lage zusätzlich verschärft. Eine parlamentarische Monarchie, allerdings nicht mit dem völlig abgewirtschafteten Kaiser Wilhelm II., sondern mit einem der Demokratie aufgeschlossenen Regenten als Repräsentanten ohne politische Macht, hätte auch im Bürgertum Anklang gefunden und die Akzeptanz des Neuen erhöht, womit das Fundament für eine umfassende Demokratisierung verbreitert worden wäre.

So war Ebert noch Ende Oktober 1918 der Ansicht: „Deutschland ist nicht reif für die Republik.“ Noch nicht, so sind diese Worte zu deuten. Anderes herauszulesen, ignoriert sein Lebensziel. Als dann am 9. November 1918, im Zeichen von Kriegsniederlage und Revolution, Prinz Max ihm die Regierungsverantwortung übertrug und Scheidemann mit der Ausrufung der Republik Fakten schuf, setzte auch Ebert alles auf die Karte Republik.

Der Mann des Ausgleichs sucht den Konsens

Als „Reichskanzler für einen Tag“ und Kopf der am 10. November paritätisch aus SPD und USPD gebildeten sechsköpfigen Revolutionsregierung („Rat der Volksbeauftragten“) galt sein Augenmerk im Wesentlichen der baldigen Einberufung einer Nationalversammlung. In einer der dramatischsten Problemlagen der deutschen Geschichte, unter ungeheuren Belastungen und im Angesicht unnachgiebiger Sieger bahnte er den Weg in die Republik. Mit dem Zusammentritt der Nationalversammlung am 6. Februar 1919 hatte er sein Ziel erreicht.

Im Gegensatz zu den Verfassungsschöpfern, die aus Furcht vor einer Parteiherrschaft einen einflussreichen Reichspräsidenten als Gegengewicht zu Parlament und Kabinett schufen, verstand sich Ebert als Staatsoberhaupt immer als Teil und nicht als Gegenpol der Reichsregierung. Für ihn war dabei die Einigkeit der Staatsführung grundlegendes Prinzip. Stets um den Konsens bemüht, war er in strittigen Fragen der Mann des Ausgleichs und des Ausgleichens, ein Teamspieler, der seine Rolle als Hüter der demokratischen Ordnung sah. Er schöpfte dabei seine Verfassungsrechte in den Krisenzeiten voll aus, um das Überleben der von außen bedrängten und innerlich zerrissenen Republik zu sichern. Mit Erfolg.

Sein Tod brachte Hindenburg an die Macht

Bei seinem frühen Tod am 28. Februar 1925 befand sich die Republik von Weimar – auch dank seiner Politik – in einer Phase relativer Stabilität. Sie hätte den Weg in seinem Sinne weitergehen können. Zu seinem Nachfolger aber bestimmten die Deutschen in einer Volkswahl mit Paul von Hindenburg den Verfechter der Dolchstoßlüge, einen Militär, einen Antirepublikaner. Unter seiner Präsidentschaft wurde im Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte aufgeschlagen. Die Republik von Weimar, deren Entstehung eng mit dem Namen Friedrich Ebert verknüpft ist, war Geschichte. Ihr Untergang war aber nicht die Schuld derer, die sie aus der Taufe gehoben hatten.

 

Weiterführende neuere Literatur

Mühlhausen, Walter: Friedrich Ebert, Bonn (Verlag J. H. W. Dietz Nachf.) 2018

Mühlhausen, Walter: Friedrich Ebert in Weimar und Schwarzburg 1919. Hrsg. vom Landesbüro Thüringen der Friedrich-Ebert-Stiftung, Erfurt 2019

 

weiterführender Artikel

Kommentare

Punkt

Nochmal: es gab keine Weimarer Republik soindern ein Deutsches Reich, mit Reichspräsident (Ebert), Reichskanzler etc.
Das Sterben der Republik begann nicht nach dem Tode Eberts - es fing an als Otto Wells (einer von Eberts Leuten) am 6.12.18 auf demonstrierende Arbeiter (kurz Spartakisten genannt) schießen ließ, als auf die Volksmarinedivision, die zum Schutz der Regierung da war, geschossen wurde), als hunderttausende Sozialdemokraten (kurz Spartakisten genannt) im Januar 19 demonstrierten, die prominenten Morde sind ja schon ausgiebig diskutiert wenn es die Nettiquette zuließ, die Morde von Noske/Eberts Soldateska im März 1919 (wieder Spartakisten), die Ereignisse um den Kapp-Putsch..........
Ich bin ja generell gegen Säulenheilige, aber Ebert ist als solcher nun mal gar nicht geeignet.

na

Sie trauen sich was. (U.a.) Ebert ist sakrosankt, wussten Sie das nicht?

Sakrosankt

Lieber Max
Genauso wie ich die "kommunistische" Traditionsline, die Luxemburg und Liebknecht zu Säulenheiligen mach(t)en kritisiere, genauso nehme ich mir das Recht die offizöse SPD Traditionslinie zu kritisieren, die Ebert, Wells, Scheideman, Wissell, Noske etc. für sakrosankt erklärt. Eine offene Diskussion um die Vergangenheit und die Tradition der sozialdemokratischen Bewegung sind notwendig um eine gemeinsame sozialdemokratische Gestaltung der Zukunft zu ermöglichen. Und die sozialdemokratische Zukunft brauchen wir schon hier und jetzt !

Sakrosankt

Volle Zustimmung, siehe unsere Kommentare zum Beitrag "Friedrich Ebert: Der pragmatische Realpolitiker",
jedoch, wie schon mehrfach erwähnt, bleiben unsere Kommentare ohne Wirkung bei den Parteioberen oder sie werden gelöscht, wenn die Kritik nicht gefällt.

Unter Erneuerung der Partei stelle ich mir vor, dass unsere kritischen Stimmen endlich gelesen und in der praktischen Politik auch umgesetzt werden, sonst sind alle Beschlüsse von Parteitagen o.ä. das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben werden. Auch kann nicht immer die Koalition als Vorwand herangezogen werden, sonst müsste man fast annehmen, man wäre die Koalition eingegangen, um die Beschlüsse nicht umsetzen zu müssen.

Kommentare

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Kommentare

Lieber Genosse Kai Doering,

dies tue ich häufig, leider ohne Erfolg. Beim Newsletter der Fraktion habe ich wiederholt zu einzelnen Punkten das Frage-Kontaktformular benutzt, jedoch nie eine Antwort erhalten. Deshalb habe ich ihn dann abbestellt.
Bei anderen Anfragen oder Schreiben an die Partei gab es enweder einen allgemein gehaltenen Kanzleitrost, der generell zu jeder Anfrage versandt wird, oder keine Antwort. In einem Fall (zu TTIP) erhielt ich einen wenig ermutigenden Anruf von einem Mitarbeiter des W.B.-Hauses.

Und wenn ich in diesem Forum die Parteiführung nicht ansprechen soll, kann ich mir künftig die Zeit für Kommentare ersparen. Denn die Beiträge betreffen schließlich i.d.R., selbst bei historischen Fragen wie zur Revolution von 1918 und der Weimarer Republik, auch die aktuelle Politik, wie Sie sicherlich einräumen können; so galt z.B. das Heidelberger Programm bis 1959 und war für mich neben dem Erfurter Programm das beste, das die SPD bisher hatte. Aber auch die positiven Schritte, die damals begangen wurden, wie u.a. das Frauenwahlrecht, haben eine Wirkung auch für heute, ebenso wie die Fehler, die leider wiederholt werden.

Lieber Peter

trotz des Agierens oder Nichtreagierens des PV und der meiner Meinung nach restriktiven Handhabe der Nettiquette durch die Vorwärtsredaktion möchte ich Deine Kommentare nicht missen. Diskussion ist essentiell für die Erneuerung der SPD, sollte dies unterbleiben, dann: Gnade dir Gott, Sozialdemokratie.

Lieber Armin,

Lieber Armin,

danke für die Ermunterung. Es tut gut, zu erfahren, dass es unter uns doch etliche gibt, die gleicher Meinung sind und so eine gewissermaßen unzufriedene Parteibasis darstellen, die noch für unsere Grundwerte steht, zu denen auch Frieden und Abrüstung statt zunehmender Kriegswirtschaft mit einer Erhöhung von über 4 Prozent, die sinnvollerweise für viele andere Projekte gebraucht würden.

Enttäuschung vermeiden

Lieber Peter,

ohne, dass sich das hier zu einer persönlichen Kommunikation auswachsen sollte (die können wir ger per E-Mail oder Telefon führen): Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass es besser ist, sich mit konkreten Anliegen direkt an den Parteivorstand zu wenden, um Enttäuschungen zu vermeiden. Ich bin nämlich nicht sicher, wie intensiv dort die Kommentare auf vorwärts.de gelesen werden. Ansonsten stimmen ich dir vollkommen zu.

Enttäuschung vermeiden

Lieber Kai,

wie schon mehrfach erwähnt, gehe ich davon aus, dass die Kommentare in vorwaerts.de von der Parteiführung nicht gelesen werden.
Deshalb habe ich, wie geschildert, zu verschiedenen Punkten direkt einzelne Genoss*innen angeschrieben mit der entsprechenden (Nicht)reaktion. Im Übrigen freue ich mich über die Zustimmung.