Demos gegen Flüchtlinge

Wie Freital um seinen Ruf kämpft

Kai Doering16. Juli 2015
Klaus Wolframm
Kämpft gegen den braunen Anstrich von Freital: Klaus Wolframm (vor dem Flüchtlingswohnheim im ehemaligen "Leonardo"-Hotel)
Innerhalb weniger Tage ist das sächsische Freital bundesweit bekannt geworden, seit Rechte hier lautstark gegen ein Flüchtlingsheim demonstrierten. SPD-Stadtrat Klaus Wolframm findet den braunen Anstrich Freitals nicht gerechtfertigt – und kämpft für den guten Ruf seiner Heimatstadt.

Das Hotel ist etwas heruntergekommen, aber recht schön gelegen. Etwas abseits von der Dresdner Straße, die die verschiedenen Ortsteile von Freital miteinander verbindet, liegt das in zartem Gelb gestrichene Haus am Hang. Ein Teil wird von Tannen verdeckt. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, steht ein Mehrfamilienhaus. Es ist ruhig hier. Von der Hauptstraße dringt kaum Lärm herüber.

Doch der Frieden trügt. Ende Juni standen sich hier zwei Gruppen voller Abneigung gegenüber. Es wurde geschrien, gepöbelt, Flaschen flogen, ein Demonstrant wurde verletzt. Die Polizei musste dazwischen gehen. Auf der einen Seite stand die Initiative „Freital wehrt sich – Nein zum Hotelheim“, auf der anderen die „Organisation für Weltoffenheit und Toleranz Freital und Umgebung“.

„Die Flüchtlingsunterkunft ist der falsche Ort für Demonstrationen“

Stein des Anstoßes ist eine Flüchtlingsunterkunft im früheren Hotel „Leonardo“. Rund 70 Flüchtlinge hatten hier bereits seit März Zuflucht gefunden. Auch damals gab es Proteste. Doch am 22. Juni eskalierte die Situation als Busse in die 40 000-Einwohner-Stadt vor den Toren Dresdens rollten. An Bord waren 280 weitere Flüchtlinge, für die in der Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz kein Platz mehr gewesen war. Das „Leonardo“-Hotel wurde nun selbst zur Erstaufnahmeeinrichtung – die Menschen in Freital wurden erst kurz vor ihrer Ankunft darüber informiert.

„Die Kommunikation der Landesregierung in der Asylpolitik ist katastrophal“, schimpft Klaus Wolframm. Er ist Vorsitzender der gemeinsamen Fraktion von SPD und Grünen im Freitaler Stadtrat. Die Demonstrationen vor der Flüchtlingsunterkunft – auch die der Befürworter – findet Wolframm falsch. „Die gehören vor das sächsische Innenministerium in Dresden und das Bundesinnenministerium in Berlin, nicht vor das Leonardo-Hotel“, sagt er.

Denn weder Oberbürgermeister noch Stadtrat oder Stadtverwaltung hätten direkten Einfluss darauf, wo Flüchtlinge untergebracht würden. Das haben die Vorsitzenden aller im Freitaler Stadtrat vertretenen Fraktionen, außer der Linken, und Oberbürgermeister Uwe Rumberg in einer gemeinsamen Erklärung auch noch einmal deutlich gemacht. Sie distanzieren sich darin von jeder Art der „Menschenfeindlichkeit“ und fordern gleichzeitig: „Alle Freitalerinnen und Freitaler müssen frühzeitig und umfassend durch die verantwortlichen Stellen (vor der Ankunft neuer Flüchtlinge) informiert werden“.

Erster Erfolg: eine Demonstrationsruhe vor dem Flüchtlingsheim

Zwei Tage zuvor hatte der Beirat Asyl der Stadt bei einem Treffen mit Befürwortern und Gegner des Flüchtlingsheims bereits eine Demonstrationsruhe vereinbart – ein Erfolg, wie Klaus Wolframm findet. „Wir müssen mit allen Beteiligten reden und deeskalieren“, betont er.

Dass das nicht immer klappt, zeigte sich am 6. Juli. Der Stadtrat hatte zu einer Bürgerversammlung eingeladen, um über die Situation rund um das Flüchtlingsheim zu informieren. 380 Interessierte drängten ins Freitaler Kulturhaus, vor der Tür standen etwa noch einmal so viele. Zeitungen berichteten hinterher, dass Befürworter des Heims niedergebrüllt wurden, es zu Handgemengen zwischen ihnen und den Gegnern kam. Eine Mitarbeiterin der Organisation für Weltoffenheit und Toleranz Freital erzählte, sie sei weggestoßen worden als sie etwas ins Mikrofon sagen wollte. Sätze über „Schmarotzer“, die in Freital „Urlaub machen“, von aufgebrachten Anwohnern in bereitstehende Fernsehkameras gesprochen, unterstrichen das feindselige Bild.

Der neue schlechte Ruf macht sich in Freital bemerkbar

„Es gab keine Tumulte im Saal“, sagt dagegen Klaus Wolframm, der ebenfalls bei der Bürgerversammlung war. Dass Gegner des Flüchtlingsheims laut wurden bestätigt aber auch er. „Da haben ein paar Nazis rumgeschrien und über die haben die Medien dann berichtet“, beschwert er sich. Wolframm will das Problem nicht kleinreden, wehrt sich aber gegen den braunen Anstrich, den Freital in den vergangenen Tagen bekommen hat. „Wir sind jetzt bundesweit die böse Stadt, weil ein paar Nazis rumgebrüllt haben.“

Und der neue schlechte Ruf mache sich schon bemerkbar. „Es wurden schon Hotelbuchungen storniert und auch mögliche Investoren, die wir in Freital ansiedeln wollen, reagieren versunsichert“, zählt der Stadtrat auf. „Die Nazis haben den Ruf unserer Stadt innerhalb von Tagen zerstört.“

Fußballturnier und Puppenspieler

Wolframm, Freitaler seit 1992, Sozialdemokrat seit 1997, will den guten Ruf wieder herstellen. Vor dem Flüchtlingsheim erzählt er von den Erfolgen, die es in Freital gibt, über die aber niemand berichte: Erst vor wenigen Tagen hat ein Fußball-Verein ein Migrationsturnier veranstaltet – die Kosten für die Mannschaft aus der Flüchtlingsunterkunft übernahm die SPD. Klaus Wolframm hat die Fotos vom Turnier auf seinem Handy. Das Willkommensbündnis hat einen Puppenspieler organisiert, der eine Gratis-Vorstellung für die Kinder im Heim gab. Und bereits seit dem Frühjahr werden ehrenamtlich Sprachkurse für die Flüchtlinge angeboten.

„Wir versuchen, Begegnung stattfinden zu lassen“, betont Wolframm. „Die Menschen in Freital sind freundlich und offen.“ Wie aber konnte es dann zu der fremdenfeindlichen Stimmung im Ort kommen? „Zehn bis zwanzig Prozent im Landkreis denken schon in der eher rechten Richtung“, räumt Klaus Wolframm ein. Pegida-Gründer Lutz Bachmann wohnt im Nachbarort. Doch diejenigen, die gewaltbereit mit Transparenten und in „Pegida“-T-Shirts vor das Flüchtlingsheim gezogen sind, seien zum großen Teil keine Freitaler gewesen. „Die kamen aus dem ganzen Bundesgebiet.“

Ob der mühsam ausgehandelte Friede von Freital hält, bleibt also abzuwarten. Bisher haben sich beide Seiten an die vereinbarte Demonstrationsruhe gehalten. Doch die Vielzahl der beteiligten Gruppen auf beiden Seiten – Klaus Wolframm zählt sieben – macht die Lage unübersichtlich. Entscheidend wird wohl sein, was passiert, wenn neue Flüchtlinge nach Freital kommen. „Und sie werden kommen“, ist Wolframm überzeugt. Den Rechten will der Stadtrat dann nicht das Feld überlassen, denn: „Wenn der Klügere immer nachgibt, regieren am Ende die Dummen die Welt.“

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Kommentare

Die Lage in Freital ist sehr

Die Lage in Freital ist sehr übersichtlich. Hier hat der braune Mob das Sagen. Das hat auch die Einwohnerversammlung gezeigt. Es gibt keinen Anlass, das schön zu reden.

"Wir sind jetzt bundesweit

"Wir sind jetzt bundesweit die böse Stadt, weil ein paar Nazis rumgebrüllt haben." D ist an Zynismus nicht zu überbieten. Wolframm hat eine Erklärung des Stadrates gezeichnet, unter der auch die AfD gezeichnet hat- dieselbe AfD , die Seite an Seite NPD an Demos gegen Asyl teilnimmt und Nein-Zum -Heim- Initiativen unterstützt. Auch Festerling-bzw Pegida- Vertraute sind im Stadtrat. Mir scheint, diesen Stadtrat sollte man sich etwas genauer anschauen, bevor man die übliche sächsische Verharmlosung vornimmt.Was haben Bürgerwehr/Heimatschutz-Leute als "Helfer" im Hotel zu suchen, die vorher auf "dreckige Kanacken" schimpften?

Blickwinkel stimmt wohl nicht

#‎nopegida‬ ‪#‎watch‬ ‪#‎freital‬ ‪#‎proshelter‬ ‪#‎konsequenzen‬ ‪#‎bisherfehlanzeige‬

++In Freital stellen sich viele Fragen: Untragbare Zustände müssen Konsequenzen nach sich ziehen++

Manchmal fällt es schwer, ob der Absurditäten und entsetzlichen Entwicklung in der sächsischen Provinz, noch eine ernsthafte Einschätzung zu liefern. Die bundesweit schockierenden menschen-verachtenden und teilweise nationalsozialistischen Auswüchse von "Freital wehrt sich" und die Eskalation des Hasses vor dem ehemaligen Hotel "Leonardo" sind kein Anlass für die Vertreter des Rathauses an Gesprächen mit den Verantwortlichen für diese Entwicklung festzuhalten. Allein die Einladung von Rassisten zu solchen Dialogen erteilt deren Ansichten eine öffentliche Legitimation, speziell für die sächsische Provinz bedeutet das eine fahrlässige Verharmlosen von rechtsradikalen Netzwerken, die sich dadurch mehr noch motiviert fühlen dürfen.

Die aktuelle Situation in der Unterkunft für Geflüchtete in Freital erklärt am Beispiel der Ausgabe von gesammelten Spenden an die Bedürftigen im Haus:

Es stellt sich so dar, dass innerhalb der Unterkunft nach wie vor Rassist und Mitbegründer der "Nein zum Heim"-

Nestbeschmutzerlogik

Lieber Genosse Kai. Vielen Dank, dass du eine traditionsreiche Zeitung wie den vorwärts benutzt, um deine kruden Ansichten zu verbreiten.

Warum werden eigentlich immer diejenigen als Nestbeschmutzer bezeichnet, die den Schmutz aus dem Nest entfernen möchten?

Sehr wohl gibt es auch positive Bilder aus Freital. Allerdings weder auf Deinem Facebook-Profil, noch auf dem der SPD SOE, obwohl die Bilder doch auf Ihrem Mobiltelefon gespeichert sind. Liegt Dir gar nicht an schönen Bildern aus Freital. Hier aber ein Link zu Fotos aus Freital die Mut machen: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.710816659045787.1073741870.656...

Hier ein Link zu den paar Nazis. Ein Bericht aus dem katalanischen TV (!) u.a. mit einem O-Ton (gut zu verstehen) einer besorgten Bürgerin. Bimbos und so.
http://www.ccma.cat/tv3/alacarta/programa/presentacio-del-llibre-plus-ul...

Das Problem sind nicht die idiotischen Nazis, das Problem sind die Verharmloser! Die "Bürgerwehr" fordert ganz übrigens die Freilassung von Horst Mahler...um des Friedens willen, sicherlich aber keine klare Kante von Dir, oder? Frieden bedeutet nicht Friedhofsruhe, nur mal so.

Berichterstattung

Lieber SPDVeteran,
sehr gern geschehen! Krude Ansichten sind mein Spezialgebiet. Aber mal im Ernst: Ich stelle in dem Artikel lediglich dar, wie sich Klaus Wolframm und die SPD in Freital engagieren und wie sie die Situation vor Ort erleben. Meine "kruden Ansichten" spielen da überhaupt keine Rolle. Und warum ich Fotos aus Freital auf meine persönliche Facebookseite stellen sollte, erschließt sich mir auch nicht.

Frieden bedeutet nicht Friedhofsruhe – das ist vollkommen richtig. Aber um Frieden geht es mir auch nicht, sondern vielmehr um eine ausgewogene Berichterstattung. Schade, dass mir die aus Deiner Sicht offenbar nicht gelungen ist.