Solidarität

Freiheit in Gemeinschaft: Was wir für die Zeit nach Corona mitnehmen können

Oliver Czulo07. Juni 2020
Gelebte Solidarität: Während der Corona-Pandemie kaufen Jüngere für Ältere ein. Davon können wir viel mitnehmen, meint Oliver Czulo.
Gelebte Solidarität: Während der Corona-Pandemie kaufen Jüngere für Ältere ein. Davon können wir viel mitnehmen, meint Oliver Czulo.
Die Corona-Krise lehrt uns viel darüber, wozu unsere Gesellschaft im Stande ist. Wenn wir die Kraft dieser Lehren über diese Zeit hinaus mitnehmen, sind viele Dinge vorstellbar – von gerechteren Löhnen bis zu mehr Klimaschutz.

In der aktuellen Krise hat unsere Gesellschaft viele ihrer guten Seiten gezeigt: Teils untereinander völlig Fremde organisieren gemeinsam Besorgungsdienste für Ältere, Wohnsitzlose und andere potenziell besonders betroffene Menschen an; medizinisch geschulte Freiwillige unterstützen Kliniken bei der Versorgung; immer wieder gibt es Dankesbekundungen für Pflegepersonal, Supermarktangestellte und andere, die in diesen Zeiten besonders wichtig sind, um uns durch die Krise zu führen; und vieles mehr.

Schon 2015 bei der Aufnahme von Geflüchteten war etwas sehr präsent, was heute mindestens ebenso deutlich hervortritt und was selbst die Bundeskanzlerin in ihrer Fernsehansprache zur Corona-Pandemie mehrfach aufgriff: Solidarität. Sind die obigen positiven Beispiele vielleicht weitere Anzeichen für eine Wende des Selbstverständnisses darüber, wie sich unsere Gesellschaft organisieren sollte? Garantiert ist dies nicht. Maßnahmen wie die Aussetzung der Vermögensprüfung bei Hartz IV könnten schon in wenigen Monaten wieder als „Sozialismus“ (als Schimpfwort gemeint) verschrien sein, ähnlich, wie bei der Nennung des Jahres 2015 heutzutage nicht selten ein eher warnend statt anerkennend gemeinter Klang mitschwingt.

Freiheit ja, aber auf welcher Grundlage?

„Freiheit statt Sozialismus“ ist ein Schlagsatz, der gerne mit dem Ziel genutzt wird, gemeinwohlorientierte Politik zu diskreditieren. Angesichts eines derartigen Ausspruchs muss man die (hier nicht erschöpfend beantwortbare) Frage stellen, welche Konzeptionen von Freiheit es denn gibt und wie diese zu bewerten sind.

Sebastian Hammelehle beschreibt das liberale Zeitalter als ein Zeitalter, in dem viele Grenzen niedergerissen wurden. Seine Warnung: Die Corona-Krise könnte dazu führen, dass neue Mauern in den Köpfen entstehen. Hier gilt es tatsächlich, in Zukunft mitzugestalten, um eine Wiederbesinnung auf das Lokale nicht zum Sich-Einmauern werden zu lassen. Dass Deutschland Corona-Patienten aus anderen Ländern zur Intensivversorgung aufgenommen hat, war dafür ein wichtiger erster Schritt, der Beschluss zu einem europäischen Corona-Hilfspaket ein weiterer.

Eine andere Charakterisierung von Freiheit, insbesondere für den Neoliberalismus, ist die des Fehlens von klaren Bindungen: an die eigene Geschichte, an andere Menschen, an Verantwortung. Im von Peter Thiel mitbegründeten Blue Frontiers-Projekt zeigt sich dies am Konzept der „dynamischen Geographie“: Menschen sollen sich auf schwimmenden Inseln niederlassen und könnten sich dann zu freiwilligen Verbünden mit jeweils eigenen Regierungsformen zusammenschließen, von diesen Verbünden können Sie sich aber jederzeit wieder lösen. Ein Zusammenhalt, der auch Mitmenschen in guten wie in schlechten Zeiten trägt, wird so eher nicht befördert.

Gemeinschaft als Freiheitsgeberin

Zweifellos ist die Abwägung zwischen Gemeinschaft und (individueller) Freiheit immer eine schwierige: Wie viele eigene Möglichkeiten und Bedürfnisse will oder muss ich einschränken? Wie werden diese Einschränkungen vereinbart und durchgesetzt? Was hier keinesfalls unter „Gemeinschaft“ gemeint sein soll, ist eine Zwangsgemeinschaft wie etwa im kontrollierenden Gesinnungsstaat. Ein noch größerer Albtraum wäre die „effiziente Volksgemeinschaft“, in der ohne Widerstand durchregiert werden könnte und deren Zusammensetzung schlimmstenfalls nach rassi(sti)schen Merkmalen begründet wäre. Begriffe führen ein Eigenleben, und dort, wo sie falsche Abzweigungen nehmen können, müssen wir frühzeitig eingreifen.

In der Gesellschaft, in der wir leben können wir aber gerade in der aktuellen Krise solche Stärken einer Gemeinschaft beobachten, die Freiheit nicht einschränken, sondern sie sogar stärken. Hierfür sind aus meiner Sicht mindestens zwei Faktoren festzumachen.

Mit Respekt und Verantwortung

Zum einen ist es die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft die gemeinschaftlichen Regeln des Zusammenlebens demokratisch vereinbart werden. Unser Zusammenleben fußt erheblich – wenn auch leider nicht bei allen einmütig vorhanden – auf gegenseitigem Respekt für unterschiedliche Herkunft, Identitäten, Weltanschauungen etc. Die freie Entfaltung der Einzelnen und das selbstbestimmte Leben, sofern dies niemand anderem schadet, sind hohe Güter.

Zum zweiten ist es das große Maß an Verantwortung, das wir füreinander übernehmen. Manifestiert ist dies unter anderem in unserem Sozialstaat, neben tagtäglich gelebter Mitmenschlichkeit eines der mächtigsten Instrumente unserer Gemeinschaft zur Wahrung von gleichen Rechten, sozialer Sicherheit und friedlichem Miteinander.

Der Sozialstaat schützt unsere Freiheit mit

Sowohl die gelebte Mitmenschlichkeit als auch die Handlungsfähigkeit des Sozialstaates haben sich in der Corona-Krise bisher eindrucksvoll bewiesen. Dafür war es gar nicht nötig, sich unter ein kollektives Joch, unter eine bedingungslose Führung von oben zu unterwerfen. Viele der getroffenen Maßnahmen sind vielmehr dazu geeignet, unsere persönlichen Freiheiten zu bewahren.

Hilfen für Soloselbständige beispielsweise tragen dazu bei, dass Menschen ihre im Rahmen der Möglichkeiten getroffene Berufswahl hoffentlich über die Krise hinaus weiterführen können. Nachbarschaftsinitiativen erlauben es auch vom Risiko stärker betroffenen Menschen, ihr Leben weiterhin, so gut es derzeit geht, selbstbestimmt zu führen. Und: In dieser Gemeinschaft, in der gegenseitiger Respekt und Vielfalt grundlegende Werte sind, ist die Verführungskraft dazu, Sündenböcke für diese Krise zu finden, doch gering.

Gemeinschaft heißt, verschiedene Sprachen zu sprechen

Solidarität ist eine zentrale Eigenschaft einer funktionierenden Gemeinschaft. Sie kann aber als Begriff nicht für sich allein stehen, wir müssen sie mit Inhalten füllen und sie mit anderen starken Begriffen verknüpfen, die positive Bewertungen und solidarische Handlungslogiken befördern. Solidarität ist Zusammenhalt, Mitmenschlichkeit und schließlich auch Freiheit. Gerade in Zeiten von Digitalisierung ist es übrigens generell nicht verkehrt, in Kategorien von „Menschlichkeit“ zu denken, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Dies alles mitzudenken ist nötig, um unsere Zukunftsentwürfe mit wirklich vielen Menschen zu diskutieren und sie damit zu erreichen. Ich bemühe an dieser Stelle das beliebte Marktplatzargument: Um aus „Solidarität“ nicht nur einen feinen Diskursbegriff zu machen, sollten wir uns dazu in die Lage versetzen, in einer Sprache darüber zu sprechen, die auf dem sprichwörtlichen Marktplatz von möglichst vielen verstanden wird – damit ist noch nicht mal unbedingt eine gänzlich andere Sprache gemeint. In jedem Fall gilt: Auch das ist solidarisch.

Die Corona-Krise lehrt uns viel darüber, wozu diese Gesellschaft im Stande ist. Wenn wir die Kraft dieser Lehren über diese Zeit hinaus mitnehmen, sind viele Dinge vorstellbar: gerechtere Löhne, die Bewältigung der großen Gemeinschaftsaufgabe des Klimaschutzes, eine noch selbstverständlicher vielfältige Gesellschaft und einiges mehr. Auf den als Vorwurf gemeinten Schlagsatz „Freiheit statt Sozialismus“ könnte daher eine Antwort in Zukunft lauten: Freiheit in Gemeinschaft.

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