Frauenwahlrecht

Frauen sind noch immer in der Unterzahl

Jeannette Gusko19. November 2018
Damit Frauen in Unternehmen an die Spitze kommen, braucht es Quoten und Sanktionen. Aber auch Männer, die die Vorteile von Geschlechter­gerechtigkeit erkennen.

Ohne die Errungenschaften und die Entbehrungen, die Generationen vor uns für das Frauenwahlrecht auf sich nahmen, wäre ich heute beruflich nicht da, wo ich bin: Seit mehr als fünf Jahren bin ich Managerin in einem globalen Technologieunternehmen. Für meinen Weg waren drei Dinge relevant: Neugier, Netzwerk und MentorInnen. Oft hatte ich das Gefühl, mir einen Platz zu erarbeiten in Räumen, in denen ich als ostdeutsches Arbeiterkind nicht vorgesehen war. Räume mit Codes und Ausschlussmechanismen, denen ich nicht folgen konnte.

Mehr Vorstände namens „Thomas“ als Frauen

In den 200 Top-Unternehmen Deutschlands gibt es laut der Allbright-Stiftung mehr Vorstände namens „Thomas“ als Frauen. Wenn ich Fachveranstaltungen besuche, wenn ich ­Neuberufungen, Literaturbesprechungen, ExpertInnen in den Medien sehe, bin ich als Frau in der Unterzahl. Viele ­Studien belegen Vorteile von diversen Teams in Unternehmen, in Filmproduktionen oder in Friedensverhandlungen. Fehlende Perspektiven sind mindestens gewinnmindernd für Konzerne und maximal lebensbedrohlich für Frauen. Wir kennen die Zahlen. Wir kennen die Gründe. Wir kennen die Geschichten. Allein: Es ändert sich kaum etwas. Die Beharrungskräfte derjenigen, die über Macht und Privilegien verfügen und wider besseren Wissens nicht am Herbeiführen von Gerechtigkeit interessiert sind, sind zu stark.

Unwissen schützt nicht mehr

Der defizitäre Blick auf Frauen gefällt mir nicht. Frauen sind optimiert durch eine Vielzahl von Trainings, ­Frauen sind organisiert in einer Vielzahl von Frauen­netzwerken. Strukturelle Diskriminierung wird zu häufig auf individuelle Antworten verkürzt und auf die Betroffenen ausgelagert. Auch der unconscious bias, also der Hinweis darauf, dass ­sexistisches Verhalten häufig unbewusst ist, bringt uns nicht weit genug. 2018 schützt Unwissenheit nicht mehr.

Gleichberechtigung gehört zur strategischen Unternehmensplanung

Was ich mir für eine leistungsstarke und gerechte Verteilung von Führungsperspektiven wünsche, sind einflussreiche Personen, zumeist Männer, mit beherztem Willen zur Veränderung, sowie in Unternehmensstrukturen und Gesetzen verankerte Anreize und Sanktionen. Gleichberechtigung ist ein Thema der strategischen Unternehmensplanung, behandelt es auch endlich so! Unternehmen brauchen verbindliche Quoten für Vorstände und Aufsichtsräte, inklusive Bewerbungsverfahren, bonirelevante Regelungen für diverse Beförderungen, Betriebsvereinbarungen gegen sexuelle Belästigung, verpflichtende Transparenz- und Diversityberichte, neue Indikatoren für Leistung. Wichtig sind auch flexible Arbeitszeitgesetze sowie Rückkehrregelungen für Eltern und Care-Arbeitende. Das Ehegattensplitting muss endlich abschafft und beim Kita-Ausbau Vollgas gegeben werden. Erst wenn Männer und Frauen die Vorteile einer geschlechtergerechten Gesellschaft spüren, kommen wir als Gesellschaft wirklich voran.

 

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