Fachkräfteoffensive

Franziska Giffey: 300 Millionen Euro für mehr Erzieher

Jonas Jordan18. Dezember 2018
Franziska Gipfel
Franziska Giffey stellt in der Berliner Ruth-Cohn-Schule ihre Fachkräfteoffensive für Erzieherinnen und Erzieher vor.
Familienministerin Franziska Giffey hat am Dienstagvormittag eine Fachkräfteoffensive für Erzieherinnen und Erzieher vorgestellt. Das Programm soll das in der vergangenen Woche verabschiedete Gute-Kita-Gesetz ergänzen und für Länder und Kommunen Anreize bieten, um mehr vergütete Ausbildungsplätze zu schaffen. Giffey bezeichnete es als einen „zutiefst sozialdemokratischen Ansatz“.

Politisches Framing beherrscht Franziska Giffey. Für die Vorstellung ihrer Fachkräfteoffensive für Erzieherinnen und Erzieher hat sich die Familienministerin keinen schnöden Konferenzraum in Ihrem Ministerium ausgesucht. Stattdessen sitzt sie inmitten von Büchern zu frühkindlicher Bildung in der Bibliothek des Oberstufenzentrums für Sozialwesen an der Berliner Ruth-Cohn-Schule. Mit Schulleiterin Andreja Orsag und Simone Seipold, Geschäftsführerin der Kita „Die Zauberflöten“, hat sich die Ministerin zwei Expertinnen dazu geholt, die ihre Initiative loben.

Giffey: ein wesentlicher Impuls

„Es ist kein Flickwerk, sondern ein wesentlicher Impuls“, sagt Giffey über ihr Programm, bei dem bis 2022 insgesammt rund 300 Millionen Euro den Ländern und Kommunen zur Verfügung gestellt werden sollen. „Das funktioniert nach dem Motto 'Buy one, get one free'", sagt die Ministerin. Also „kauf eins, bekomme eins umsonst“. Was klingt wie das Lockangebot eines Fast-Food-Restaurants bedeutet in der Praxis eine finanzierende Unterstützung des Bundes, um dem Fachkräftemangel bei Erzieherinnen und Erziehern zu begegnen.

Denn eine Studie des Forschungsinstituts Prognos hat ergeben, dass bis zum Jahr 2025 mindestens 190.000 Fachkräfte in der „frühen Bildung“ bundesweit fehlen werden. Dieser Bereich umfasst sowohl Kitas als auch Grundschulen bis zum Alter von 10,5 Jahren. Die Ministerin will diesem Mangel mit einer Triple-P-Strategie begegnen: Praxisintegrierte vergütete Ausbildung, Praxisanleitung und Perspektiven mit Aufstiegsbonus.

Nur 19 Prozent mit Vergütung

Bislang erhalten in Deutschland nur 19 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher während ihrer Ausbildung eine Vergütung. Giffey will diesen Anteil durch ihre Offensive auf mindestens ein Drittel steigern. Ab dem Ausbildungsjahr 2019 sollen 5.000 Plätze in der praxisintegrierten Ausbildung vom Bund gefördert werden. Das bedeutet, dass der Bund im ersten Ausbildungsjahr die Vergütung zu 100 Prozent übernimmt, im zweiten Jahr müssen sich die Schulen mit 30 Prozent beteiligen und im dritten Jahr mit 70 Prozent. Giffey hofft damit einen Anreiz zu setzen, damit darüber hinaus weitere vergütete Ausbildungsplätze entstehen.

Damit sich mehr Erzieherinnen und Erzieher zu professionellen Anleitungsfachkräften weiterqualifizieren und Zeit für die Ausbildung des Nachwuchses in der Praxis bekommen, werden entsprechende Weiterqualifikationen und Freistellungen gefördert. Zum einen übernimmt der Bund die Qualifizierungskosten, zum anderen wird ein Teil der Personalkosten getragen, sodass Mitarbeiter wöchentlich zwei Stunden für Praxisanleitung nutzen können.

Ein „zutiefst sozialdemokratischer Ansatz“

Zugleich möchte Giffey einen Anreiz setzen, damit Fachkräfte in ihrem Beruf verbleiben und zusätzliche Aufstiegsperspektiven erhalten. Erzieherinnen und Erzieher, die sich beruflich weiter bilden, können einen Gehaltsbonus von monatlich bis zu 300 Euro brutto erhalten. Auf eine Nachfrage, ob die im Programm enthaltenen Ansätze nicht zu schüchtern seien, entgegnet Giffey gewohnt forsch: „Wir alle jammern über den Fachkräftemangel und dass mal etwas dagegen getan werden müsse. Ich bin nicht schüchtern. Ich fange an.“

„Erziehen ist mehr als satt und sauber“, sagt Giffey. Für sie ist die Kita eine „nationale Zukunftsaufgabe“. Zugleich sei es ein „zutiefst sozialdemokratischer Ansatz“ dafür Sorge zu tragen, dass das Einkommen der Eltern nicht über die Chancen ihrer Kinder entscheide. Giffey fordert: „Wir müssen es schaffe, dass der Bildungserfolg nicht so sehr von den sozialen Rahmenbedingungen abhängt.“  

weiterführender Artikel

Kommentare

Wir brauchen Kindheitspädagogen statt Erzieher[innen]

Da fragt man sich, was die Leute wirklich wollen. Franziska Giffey spendiert aus ihrem eigenen Haushalt eine Anschubfinanzierung, für die sie weder eine gesetzliche Verpflichtung, noch eine nachhaltige Handhabe hat, dass ihre Initiative zum Erfolg wird.

Aber sie macht was. Wir erinnern uns, wir befinden uns in einer Bundesrepublik, nicht in einer Zentralrepublik. Zuständig sind immer noch die Bundesländer, auch die sozialdemokratisch regierten. Wem das nicht passt, dass es zuwenig Geld sei, wem das nicht passt, dass es nur für ein Drittel der Auszubildenden reichen wird, der soll halt die sozialpolitische Verantwortung übernehmen, den Rest der Rechnung zu übernehmen.

Sicherlich kann man sich schon fragen, ob es nicht technisch möglich wäre, FSJ, BFD u.ä. als Ausbildungszeit samt Vergütung anzurechnen. Entsprechende Ausbildungsabschnitte wären zu entwickeln und die Abgrenzung zu grundgesetzlichen Aufgabenteilung zu wahren.

Aber Franziska Giffey beschämt zurecht die Zuständigen und Verantwortlichen. Ziel kann es nur sein, den Erzieherberuf wie in Skandinavien sechssemestrig als Pädagogen zu akademisieren und zeitgleich die Grundschullehrerberuf achtsemestrig aufzuwerten.