Alexander von Humboldt: Mein vielbewegtes Leben

Forscher ohne Rast und Ruhe

Alexander Sewohl07. Februar 2010

Mehr als 45 Bücher veröffentlichte Alexander von Humboldt während seines Lebens. Sie zeugen noch heute von seiner scheinbar unerschöpflichen Schaffenskraft. Obwohl sie ein breites
Themenspektrum abdecken, ist jedes dieser Bücher lesenswert. Allein der Umfang und der damit verbundene Zeitaufwand dürften den Interessierten davon abhalten, Humboldts Werk in der Gänze zu
erfassen.

Frank Holl hat sich dieses Problems angenommen und die wichtigsten Passagen aus Humboldts Büchern, Artikeln und Briefen zusammengetragen. Diese Sammlung hat Holl um etwa 140 Abbildungen -
teils aus Humboldts eigener Feder, teils von seinen Zeitgenossen stammend - und um eigene einordnende Texte ergänzt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das etwa 300 Seiten starke Buch zeichnet
ein interessantes und farbenprächtiges Bild des Forschungsreisenden Humboldt.

Die zweite Entdeckung der Neuen Welt

Humboldts größtes Abenteuer war ohne Frage seine Amerika-Reise. Nach dem Studium und nach ersten Jahren naturwissenschaftlicher Forschungen brach der knapp 30-jährige Preuße 1799 mit dem
Schiff "Pizarro" vom spanischen La Coruña in die Neue Welt auf. Erst im August 1805 sollte Humboldt wieder europäischen Boden unter den Füßen haben. Während seiner Reise legte Alexander von
Humboldt - die Seewege nicht mitgerechnet - etwa 8000 km zurück: Er kletterte in Höhlen hinab, bestieg hohe Berge und Vulkane, durchwanderte Wüsten und Ödlandschaften und durchruderte gigantische
Flüsse in den südamerikanischen Tropen und Subtropen.

Was heute, im Zeitalter annähernd grenzenloser Mobilität fast normal wirkt, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine beeindruckende Leistung. Höll gelingt es, dem Leser einen Eindruck von
den Gefahren, die mit Humboldts Expedition verbunden waren zu vermitteln. Die Angst vor Überfallen, wilden Tieren oder extremen Witterungsbedingungen waren nur einige der ständigen
Reisebegleiter. In einem 29-bändigen Werk publizierte Alexander von Humboldt später die Forschungsergebnisse seiner Reise. Sie sollten den Grundstein zu seinem Weltruhm legen. Daher nimmt die
Amerika-Reise auch den etwa die Hälfte von Holls Buch ein.

Das Universalgenie

Weder bei seiner amerikanischen noch bei seinen späteren Reisen beschränkten sich Humboldts Forschungen auf ein bestimmtes Sachgebiet. In seinen Werken findet man für die Entstehungszeit
bahnbrechende Entdeckungen in der Zoologie, Botanik, Geologie, Geographie, Astronomie, Meteorologie, Ökologie und Archäologie, um nur einige Bereiche zu nennen.

Besonders interessant sind etwa Alexander von Humboldts Beobachtungen zum Einfluss des Menschen auf das Klima. So stellte er fest: "Das Klima der Kontinente und die Wärmeabnahme in der Luft
werden [beeinflusst durch die Veränderungen], welche der Mensch auf der Oberfläche des Festlandes durch Fällen der Wälder, durch die Veränderungen in der Verteilung der Gewässer und durch die
Entwicklung großer Dampf und Gasmassen an den Mittelpunkten der Industrie hervorbringt." (S. 119)

Der Gesellschaftskritiker

Humboldt war kein unpolitischer Naturwissenschaftler. Im Gegenteil: Einmal den Geist der Aufklärung eingeatmet, wies er beständig auf politische Missstände hin. Besonders die Sklaverei und
der Umgang der Kirche mit Einheimischen in den Kolonien wurden wiederholt Ziel seiner Anklage: "Es gibt", so schrieb er, "keine unbegrenztere Despotie als die der Mönche" (S. 94). Die Sklaverei
nannte Humboldt "das größte aller Übel, welche die Menschheit gepeinigt haben" (S. 153).

Die Verabscheuung der Sklaverei ging später mit einer herben Enttäuschung über die Vereinigten Staaten einher, deren Freiheitsrechte er zunächst bewundert hatte. Bei seiner eigenen
politischen Tätigkeit überzeugte Humboldt den preußischen König davon, die Sklaverei in seinem Königreich verbieten. Dafür handelte sich der preußische Intellektuelle am Hof den Ruf ein "rot" zu
sein.

Holls Arbeit gehört zu den Büchern, bei denen man nach der Lektüre nicht das Gefühl hat, seine Zeit mit Sinnlosem verschwendet haben. Im Gegenteil: Es ist spannend und bildet zugleich. Das
Buch ist auf ganzer Linie gelungen und besonders empfehlenswert. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Alexander von Humboldt, Mein vielbewegtes Leben: Der Forscher über sich und seine Werke. Ausgewählt und mit biographischen Zwischenstücken versehen von Frank Holl, Eichborn,
Frankfurt/Main 2009, 288 Seiten, 29.95 Euro, ISBN:9783821858470.


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