Bettina König im Interview über die Generation Praktikum

"Fordert die Leistungen, die Euch zustehen, ein"

Birgit Güll01. April 2011

vorwärts.de: fairwork e.V. setzt sich dafür ein, dass Hochschulabsolventen nicht als Praktikanten ausgenutzt werden. Sind sie eine Art Selbsthilfegruppe?

Bettina König: Eher eine Interessenvertretung. Wir haben uns 2004 gegründet. Alle sieben Gründer waren damals mit ihrem Studium fertig, bekamen statt Jobs aber immer nur Praktika angeboten.
Es gab niemanden, der sich für diese Problematik auch nur interessiert hätte. Also haben wir unsere Geschicke in die eigenen Hände genommen, um uns selbst zu helfen.

Konnten Sie sich helfen?

Unsere Arbeit hat geholfen den ständigen Absagen umzugehen. Außerdem ist es uns gelungen, die Praktikums-Problematik in den Medien zum Thema zu machen. Wir haben die Gewerkschaften dafür
interessiert und Politiker aus dem linken Spektrum, also SPD, Linke und Grüne. Wir waren soweit, dass Verbesserungen für Praktikanten gesetzlich festgeschrieben werden sollten. Doch dann kam der
Regierungswechsel und die Änderungen wurden nicht umgesetzt.

Wie viele Leute arbeiten bei fairwork?

Wir sind zu viert, machen das alle ehrenamtlich nebenbei. Inzwischen hat fairwork etwa 800 Mitglieder. Die Zahl steigt. Das zeigt uns, dass das Problem weiter existiert.

Was ist die Hauptarbeit?

Wir bekommen viele Anfragen, beraten und versuchen zu ermutigen. Der Berufseinstieg dauert heute sehr lang, trotzdem sollte man nicht jedes schlechte Arbeitsangebot annehmen. Unser Ziel ist
es, für bessere Verhältnisse zu sorgen. Absolventen sollen nicht mehr unter prekären Bedingungen arbeiten, dazu sind Gesetzesänderungen nötig. Wir machen die Politik auf das Problem aufmerksam.
Von der schwarz-gelben Bundesregierung bekommen wir leider immer wieder Absagen. CDU und FDP sehen kein grundsätzliches Problem, sie sprechen von Einzelfällen. Das ist sehr ärgerlich.

Was ist ein faires Praktikum?

Ein Praktikum gehört in die Ausbildungsphase. Praktikanten müssen etwas lernen, eine Zusatzkraft sein, die jemandem zugeordnet ist, dem sie über die Schulter schauen können. Man muss Aufgaben
übertragen bekommen, aber nicht die volle Verantwortung tragen. Praktikanten ersetzen keine Stelle, sie sind Lernende, wie Azubis.

Was halten Sie von Praktika nach dem Studium?

Die sehen wir sehr kritisch. Mit einem Studienabschluss ist die Ausbildungsphase beendet. Das heißt nicht, dass man nichts mehr zu lernen hätte. Das kann man aber auch im Rahmen einer
regulären Anstellung. Es ist normal, dass man in einem neuen Job dazulernen muss und es gibt keinen Grund, das schlecht bezahlt oder unbezahlt zu tun.

Absolventen sollen also keinesfalls ein Praktikum machen?

Nicht aus der Notwenigkeit heraus, nichts anderes zu finden. Wenn es darum geht, die Branche zu wechseln, kann auch ein Absolvent ein Praktikum machen. Er muss aber darauf achten, dass er als
Lernender wahrgenommen wird und nicht einfach eine volle Stelle ausfüllt. Und er muss entsprechend entlohnt werden.

Was machen Absolventen falsch?

Sie lassen sich zu schnell verunsichern, das war bei mir auch so. Man hat wahnsinnige Angst vor einer Lücke im Lebenslauf, will schnell einen Job finden und sich profilieren. Es ist aber
falsch, aus dieser Angst heraus jedes Angebot anzunehmen. Wir wollen Absolventen ermutigen: Fordert die Leistungen, die Euch zustehen, ein. Das Hauptproblem sehen wir aber auf Seiten der
Unternehmen. Sie machen diese unfairen Angebote, nutzen die Situation der Absolventen aus.

Sie sind Mitherausgeberin des Buches "Vom Praktikum zum Job". Mit welchem Ziel haben Sie das Buch geschrieben?

Wir definieren darin, was ein faires Praktikum ist, widmen uns den Rechten und Pflichten von Praktikanten. Ein Schwerpunkt liegt darauf, wie man seinen Arbeitgeber verklagen kann, wenn man
feststellt, dass es sich bei der Stelle nicht um ein Praktikum handelt. Das ist nämlich relativ einfach. Wenn man als volle Arbeitskraft missbraucht, aber nicht entsprechend entlohnt wird, kann
man durch eine Klage nachträglich eine entsprechende Vergütung bekommen.

Wo liegen die Ursachen für das Problem "Generation Praktikum"?

Ich denke, es fing etwa 2002 mit dem Platzen der Internetblase und der schlechten Konjunktur an. Zu viele Arbeitnehmer und zu wenige Jobs, da hat sich ein Umgang mit jungen Arbeitnehmern
eingeschliffen, der unmöglich ist. Man geht weg von den sozialen Errungenschaften der letzten 30 Jahre. Dazu haben auch Gesetzesänderungen beigetragen, wie zum Beispiel beim Zeitarbeits- und
Befristungsgesetz. Viele Lockerungen machen es den Unternehmen leicht und sie nutzen das schamlos aus. Wann immer sie befristen oder jemanden als freien Mitarbeiter einstellen können, tun sie
es.

Gibt es das Problem in allen europäischen Ländern?

Viele europäische Länder haben das gleiche Problem, Frankreich, Österreich, besonders auch die südeuropäischen Staaten: Junge Leute kriegen keine Jobs und wenn, dann verdienen sie sehr wenig.
Die EU müsste etwas für ihre jungen Leute tun. Wir haben einen Antrag ins EU-Parlament angestoßen, aber es ist schwierig auf europäischer Ebene etwas zu bewegen.

Sie haben von Gesetzesänderungen gesprochen, decken sich Ihre Forderungen mit jenen, die die SPD verabschiedet hat?

Im Prinzip finden wir den
SPD-Antrag gut, würden ihn aber schärfer formulieren. Und wir fordern mehr Geld. Zwar ist ein Praktikum ein Lernverhältnis, aber
Hochschul-Absolventen haben den höchsten Bildungsabschluss und verfügen über gewisse Erfahrungen. Die bringen sie auch mit in ein Praktikum, deshalb sollten sie damit ihren Lebensunterhalt
verdienen können. Wir fordern einen Monatslohn von 800 bis 1000 Euro brutto.

fairwork bewertet Unternehmen, wie funktioniert das?

Wir verleihen Unternehmen, die unserer Prüfung standhalten unser Zertifikat. Das Handelsblatt führt eine Liste von "Fair Companies", also fairen Unternehmen. Allerdings ist es mit seinen
Anzeigenkunden nicht unparteiisch und die Kriterien sind sehr weich, so wird beispielsweise die geforderte "angemessener Bezahlung", nicht definiert, die Firmen werden nicht kontrolliert. Wir
haben deshalb ein eigenes Prädikat eingeführt. Da wir fairwork ehrenamtlich machen, haben wir allerdings kaum Kapazitäten uns da stark zu engagieren. Außerdem verleihen wir jedes Jahr den
"Goldenen Raffzahn" an die schlimmsten Abzocker. Die Trophäe, ein in Gips gegossenes goldenes Vampir-Gebiss, bekamen im letzten Jahr "Schönlife Immobilien" aus Berlin und "4iMedia" aus
Leipzig.

Interview: Birgit Güll

Bettina König ist Mitbegründerin von
fairwork e.V.
Sie ist SPD-Mitglied und kandidiert im September fürs Berliner Abgeordnetenhaus.