Filmtipp

„Folge meiner Stimme“: Kurdisches Leid als Märchen

Nils Michaelis21. Oktober 2016
Filmtipp
Mit der Kraft der Verzweiflung: Berfe (Feride Gezer) und Enkelin Jiyan (Melek Ülger)
Wie liefert man eine Waffe ab, die man gar nicht besitzt? Das Drama „Folge meiner Stimme“ zeigt den türkisch-kurdischen Konflikt von seiner absurden Seite und ist jetzt auf DVD erschienen.

Was nicht bedeutet, dass der Film des kurdisch-türkischen Regisseurs Hüseyın Karabey jemals vollends ins Komische oder Groteske abdriftet. Wohl aber ist die Geschichte von einem leisen Witz durchzogen, den auch manch ein Märchen verströmt. Wenngleich die Handlung in der harten Realität angesiedelt ist. Die Bäuerin Berfe lebt mit Sohn Temo und Enkelin Jiyan in einem Bergdorf irgendwo im türkischen Südosten. Eines Nachts sperren Soldaten Temo und weitere männliche Dorfbewohner in ihre Jeeps und fahren mit ihnen davon. Sie werfen ihnen vor, Waffen für kurdische Rebellen zu horten. Wollen ihre Familien sie unversehrt wiederhaben, sollen sie binnen einer Woche sämtliche Gewehre und Pistolen zum Stützpunkt bringen.

Film zur kurdischen Dauerkrise

Was der Kommandeur nicht wahrhaben will: In dem Dorf gibt es gar keine kampftauglichen Waffen. Wollen die Leute aus dem Dorf ihre Brüder, Ehemänner und Väter retten, müssen sie entweder viel Geld ausgeben oder erfinderisch werden, um das geforderte Kriegsgerät aufzutreiben. Für Berfe und Jiyan beginnt eine gefährliche Odyssee zu Schmugglern, in die ferne Stadt und immer wieder durch Checkpoints.

2014, als dieser Film auf der Berlinale und anderen Festivals vorgestellt wurde, schien sich in der kurdischen Dauerkrise einiges zum Besseren zu wenden: Ein Jahr zuvor hatten Regierung und Kurden ein Friedensabkommen auf den Weg gebracht. Nachdem sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan im vergangenen Jahr vom Friedenskurs verabschiedet hat, eskaliert die Gewalt auf beiden Seiten wieder.

Atmosphärisch dichtes Porträt des Landlebens

Wer diese bittere, auch von den Kämpfen in Syrien befeuerte Entwicklung im Kopf hat, schaut bei diesem Film umso genauer hin. Der dreht sich zwar um hochpolitische Dinge, hütet sich aber vor allzu aufgeladenen Botschaften oder Schwarz-Weiß-Schemata. Dessen ungeachtet hat diese in ebenso poetischen wie mitunter nahezu dokumentarischen Bildern eingefangene Geschichte durchaus so etwas wie eine Botschaft. Unter anderem die, dass jahrelange Armee-Willkür und politische Unterdrückung mit Sicherheit keinen Frieden bringen werden. Entweder endet alles in einem Gewaltexzess oder die Situation wird zunehmend absurd. Wie in Berfes Dorf. Aber auch die kurdischen Milizen kriegen ihr Fett weg.

Eingebettet ist diese politisch-moralische Ebene in ein atmosphärisch dichtes Porträt des Landlebens im türkischen Teil Kurdistans, was allerdings nicht mit Folklore verwechselt werden sollte. Vielmehr geht es darum, einen auch durch die eigene, lange Zeit unterdrückte, Sprache geprägten kulturellen Kontext sinnlich erfahrbar zu machen. Der hat auch viel mit der imposanten Natur zu tun: Wenn Berfe und Jiyan schweigend durch die Berge wandern, ergeben sich Bilder von archaischer Schönheit und Tiefe. Es ist ein Blick, der Opulenz und präzise Beobachtung in sich vereint. Was die Laienschauspieler, auf die Karabey bei den Dreharbeiten Dreh ausschließlich zurückgegriffen hat, dabei aus sich herausholen, beeindruckt enorm.

Bezug zu kurdischer Überlieferung

Im Mittelpunkt dieses Bilderzaubers stehen jene ältere Frau und ihre junge Begleiterin, die sich aufmachen, den kleinen Rest ihrer Familie zusammenzuhalten und gegenüber den Umtrieben auch der eigenen Seite zu schützen. Was sie erleben, nimmt einen – trotz gelegentlicher Längen – auch deswegen so gefangen, weil sie Teil einer zweiten Ebene sind. Nämlich der Erzählungen dreier Dengbays, die durch die Gegend ziehen – auch ein Verweis darauf, dass ein Großteil der kurdischen Überlieferung eine mündliche ist, die gerade bei Festivitäten immer wieder zum Zuge kommt. Als die reisenden Geschichtenerzähler dann tatsächlich auf Berfe und Jiyan treffen, bekommt die Handlung einen entscheidenden Dreh.

Wo keine Hoffnung ist, da ist auch kein Leben, sagt jemand irgendwann. „Folge meiner Stimme“ bietet davon anfangs eher wenig, zeigt im weiteren Verlauf dann aber doch, wie sich Hartnäckigkeit auch unter extremen Bedingungen auszahlen kann. Die Mischung aus einer naturalistischen und märchenhaften Perspektive ermöglicht es wiederum, sich einen realen Dauerkonflikt mit mehr als 35.000 Toten neu zu erschließen.

Filmtipp

„Folge meiner Stimme“ („Were Dengȇ Min“, Türkei/Seutschland 2014), ein Film von Hüseyın Karabey, Kamera: Anna Misselwitz, mit Feride Gezer, Melek Ülger u.a., Deutsche Overvoice mit der Stimme von Meral Perin/OmU, FSK ab sechs Jahre