Bildungspolitik in NRW

Fördern statt Aussortieren

27. April 2010

Seit März ist alles anders für Nikolai. Er hat jetzt eine Perspektive. Ein Praktikum hat alles verändert für den 17-jährigen Kölner, der nach der 8. Klasse ohne Abschluss von der Hauptschule
abging. Ohne Aussicht auf eine Lehrstelle. Bis er die Jugendwerkstatt des Jugendfreizeitwerks besuchte. Täglich Unterrichtswiederholungen und Werkstattarbeit ergänzen sich, dazwischen Praktika.
Beim ersten Praktikum tauchten die gleichen Probleme auf, wie in der Schule. Nikolai war unpünktlich, unmotiviert.

Dann die Kehrtwende: Bei einem Metall verarbeitenden Betrieb direkt in seinem Stadtteil Chorweiler hat er in sechs Wochen als Praktikant einen so guten Eindruck gemacht, dass die Firma ihm
eine Lehrstelle als Metallbauer in Aussicht gestellt hat, falls er seinen Hauptschulabschluss nachholt. Jetzt hat Nikolai ein Ziel. Und ist motiviert. Zum ersten Mal seit Jahren.

Immer wieder loben

Nikolai ist einer von 24 Jugendlichen, die das siebenköpfige Team der Jugendhilfeeinrichtung dabei unterstützt, eine zweite Chance zu bekommen - und zu nutzen. Neun solcher
Jugendwerkstätten gibt es in Köln, rund 30 in NRW insgesamt. Finanziert werden sie vom Land und den Kommunen. Eine Mischung aus so genanntem Stützunterricht, bei dem Schulstoff wiederholt wird,
und Arbeit in den drei Werkstätten für Holz, Metall und Papierverarbeitung soll den Jungen und Mädchen helfen, sich wieder ins Bildungssystem einzugliedern.

Und wer sich gut anstellt, kann im zweiten Halbjahr parallel zum Werkstattbesuch den Hauptschulabschluss nachholen. Im Schnitt fünf Jugendlichen pro Gruppe gelingt das auch,
berichtet Sozialarbeiterin Petra Franzen-Börner, die sich mit Kollege Peter Broermann die Leitung der Jugendwerkstatt teilt.

Das Angebot ist niedrigschwellig, das heißt, es richtet sich an junge Leute, die eine reguläre Berufsvorbereitung zur Qualifizierung für eine Lehre voraussichtlich nicht
bewältigen würden. Chorweiler ist ein sozialer Brennpunkt. Dort wohnen viele Migranten, vor allem russisch-stämmige Familien. Die Teilnehmer der Jugendwerkstatt kommen aber sowohl aus deutschen
wie aus Familien mit Migrationshintergrund. Ihre Biografien sind unterschiedlich, aber alle stehen mit 16, 17 oder 18 Jahren ohne Schulabschluss da oder können nur einen sehr schlechten
Hauptschulabschluss vorweisen. Zudem haben sie Probleme, pünktlich oder überhaupt zu einem vereinbarten Termin zu erscheinen, sich zu konzentrieren, nicht bei jedem Konflikt aus der Haut zu
fahren.

Frühe Trennung legt berufliches Schicksal fest

Die Antwort auf diese elementaren Probleme lautet "Beziehungsarbeit" sagt Grazyna Fischer, die Lehrerin für den Stützunterricht. Nur drei bis maximal fünf Jugendliche
unterrichtet sie gleichzeitig. Da ist eine Ansprache möglich, die in größeren Klassen einfach nicht leistbar ist. "Immer wieder loben, damit erreichen wir am meisten", sagt Fischer. Sanktionen
für den Fall, dass Schüler nicht erscheinen, gehören zwar auch dazu. Hauptsächlich geht es aber darum, das Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, die Schüler dazu zu bringen, wieder eine Chance für
sich zu sehen.

Dass sie diesen Glauben verloren haben, liegt laut Tayfun Keltek zwar am eigenen Werdegang, oft am familiären Umfeld, aber auch am Bildungssystem in Nordrhein-Westfalen.
Keltek ist Direktkandidat der SPD in Chorweiler und Nippes für den Landtag. Der aus der Türkei stammende Sport- und Mathematiklehrer beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit Bildung und
Migration und ist auch Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen (LAGA) in NRW.

"Die jetzige Landesregierung beharrt auf dem mehrgliedrigen Schulsystem", kritisiert er. Durch das Trennen der Kinder nach der vierten Klasse in Haupt-, Real-, und
Gymnasialschüler würden viele um Chancen gebracht. "Diese frühe Trennung legt für viele ihr berufliches Schicksal fest", so Keltek. Einmal als Hauptschüler abgestempelt, sei es viel schwieriger
aufzusteigen.

Wer ohnehin schon Probleme hat, etwa Eltern, die selbst überfordert sind und ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen können oder wollen, würde derzeit nicht mitgenommen,
sondern aussortiert. Denn: "In der Hauptschule sammeln sich so die vermeintlichen Verlierer", sagt Keltek. Er mahnt, dass diese Entwicklung nicht nur den betroffenen Jungen und Mädchen schadet:
"Die Gesellschaft beraubt sich der Talente dieser Schüler." Die NRW-SPD tritt für die Abschaffung der Hauptschulen ein.

Falsche Hauptschulempfehlungen

Barbara Deppner, Vorsitzende des Jugendfreizeitwerks, weist darauf hin, dass Migranten besonders unter der gängigen Praxis zu leiden haben: Kinder, deren Eltern aus anderen
Ländern stammen, würden häufiger als Deutsche von ihren Grundschullehrern "nur" eine Hauptschulempfehlung erhalten. "Ich kenne den Fall eines türkischen Mädchens, dass nur Einser und Zweier hatte
und dennoch auf die Hauptschule gehen sollte", so Deppner. Die Eltern dieses Mädchens hatten sich erfolgreich gewehrt.

Dies gilt aber nicht für alle. "Es gibt sogar Gerüchte, dass mehr Hauptschulempfehlungen ausgesprochen werden, wenn den Hauptschulen Schüler fehlen", empört sich die
Vereinsvorsitzende und Sozialdemokratin aus Köln-Ehrenfeld. "Das Schulsystem muss durchlässiger werden und Aufstieg wieder möglich machen", fordert SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft.
Gemeinschaftsschulen sollen längeres gemeinsames Lernen ermöglichen und auch den Wechsel von Kursen auf verschiedenen Niveaus erleichtern.

Ein weiterer Streitpunkt in NRW ist die Einführung von Ganztagsschulen. Einen aktuellen Fall gibt es in Köln-Nippes: In Absprache mit dem Schulministerium hat das
Regierungspräsidium zwar die dringend erwartete Genehmigung für eine neue Gesamtschule gegeben, jedoch die Einstufung als Ganztagsschule verweigert. Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) hat
dafür kein Verständnis, insbesondere, da das Ganztagsschulangebot ein absoluter Elternwunsch sei. Die Stadt Köln will die Genehmigung des Ganztagsbetriebs einklagen. Laut Barbara Deppner mache
die Reduzierung der Gymnasien auf acht Schuljahre und die damit einhergehende Stoffverdichtung Ganztagsschulen noch wichtiger. "Die Schüler sind jetzt auch schon bis nachmittags in den
Einrichtungen, nur dass sie nicht mal ein vernünftiges Mittagessen bekommen, weil die Halbtagsschulen weder Küche noch Mensa haben", kritisiert sie.

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