Unternehmen

Warum Flüchtlinge als Azubis eine Bereicherung für deutsche Firmen sind

Paul Starzmann02. Juni 2016
 Angekommen: Flüchtlinge fangen als Azubis bei der Gelsenkirchener Werbeagentur "Unicblue" an. Geschäftsführer Franz Przechowksi und Mitarbeiter stellen die Firma vor.
Angekommen: Flüchtlinge fangen als Azubis bei der Gelsenkirchener Werbeagentur "Unicblue" an. Geschäftsführer Franz Przechowksi und Mitarbeiter stellen die Firma vor.
Was bedeutet „gelungene Integration“ von Flüchtlingen? Gehören Biertrinken, Bundesliga und Schützenfest dazu? Muss ihr Deutsch akzentfrei sein? Unternehmer berichten von ihren Erfahrungen mit Azubis.

Dürfen wir im Zusammenhang mit den Menschen, die vor Gewalt und Not nach Deutschland fliehen, überhaupt von „wirtschaftlichem Nutzen“ sprechen? Oder geht es ausschließlich um humanitäre Hilfe für Schutzsuchende? Darüber wird zur Zeit viel gestritten. Eines aber dürfte den allermeisten klar sein: Ohne Arbeit wird die Integration der neuen Mitbürger nicht gelingen. Wer kein eigenes Geld verdient, wer  sich im Beruf nicht entfalten kann, ist auch von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen.

Ohne Arbeit geht es nicht

Die Integration der Flüchtlinge sei eine Herausforderung, für die es weder „Blaupausen noch Patentrezepte gibt“, betont Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. „Eine reguläre Beschäftigung ist aber eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration.“ Aus diesem Grund hat das Wirtschaftsministerium in diesem Jahr zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) das Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ gegründet.

Seit Beginn des Projekts im März 2016 habe sich die Zahl der teilnehmenden Betriebe mehr als verdoppelt, erklärt Sprecherin Daphne Grathwohl gegenüber dem „vorwärts“ – von gut 300 auf knapp 700 Unternehmen. In dem Netzwerk tauschen sich Betriebe aus, die Geflüchtete einstellen, zum Beispiel über ihre Erfahrungen mit der Bürokratie oder dem Ausländer- und Asylrecht.

Zwischen Moral und Egoismus

Franz Pzrechowski betreibt die Werbeagentur „Unicblue“ in Gelsenkirchen und beschäftigt drei geflüchtete Azubis. Er ist begeistert von seinen „drei wichtigen Nachwuchsleuten“ aus Eritrea und Guinea. Die jungen Männer, zwischen 19 und 26 Jahre alt, seien hochmotiviert und „wollen etwas aus ihrem Leben machen“, schwärmt Przechowski. Eine „ganz dicke Scheibe“ könnten sich manche Jugendliche von den jungen Azubis abschneiden, findet ihr Chef. Nach dem Ende der Ausbildung will er alle drei als Gesellen bei „Unicblue“ anstellen.

Er mache dies nicht nur aus einer„moralischen Verpflichtung“ hilfsbedürftigen Flüchtlingen gegenüber, erzählt Przechowski. Es gebe daneben ganz „egoistische Motive des Unternehmers“, den Geflohenen einen Job anzubieten. Denn: Die neuen Azubis seien eine richtige „Bereicherung“ für seinen gesamten Betrieb.

Deutschkenntnisse: Nicht reden – sondern etwas tun

„Handwerker reden nicht viel, die tun“ sagt Theo Baumstark, der in Wiesbaden eine Firma für Haustechnik betreibt und einen 28-Jährigen aus Afghanistan beschäftigt. Perfektes Deutsch ist ihm als Chef gar nicht das Wichtigste bei seinen Azubis, betont er. Er suche „keine Germanisten“, auch deutsche Auszubildende hätten oft Schwierigkeiten, „komplexe Sachverhalte in angemessener Schriftform darzulegen.“ Baumstark setzt deshalb darauf, alle seine Azubis zu fördern – auch was die Allgemeinbildung betrifft. „Ich brauche diese Leute“, sagt er über den Nachwuchs in seinem Betrieb.

Die Regierung sei in der Flüchtlings- und Integrationspolitik auf einem „recht guten Weg“, findet Baumstark. Dass Flüchtlinge mit Ausbildungsplatz von der Abschiebung verschont bleiben sollen, findet er richtig. Die Ausbilder in den Unternehmen könnten dadurch sehen: „Ich mache das nicht umsonst.“

Vielfalt als Markenkern

Den deutschen Unternehmern rät Baumstark dazu, „offen zu sein“ für Neues. Franz Przechowksi sieht das ähnlich: Wer einen Asylbewerber einstellen wolle, sollte dies im eigenen Team „proaktiv kommunizieren“. Ein angestellter Flüchtling stütze das Unternehmen wie alle anderen Angestellten auch. Die Vielfalt und Offenheit in einem Betrieb könne sogar zum „Markenkern“ des Unternehmens werden, betont er. Seine Firma „Unicblue“ ist inzwischen bei vielen als interkulturell offene Agentur bekannt – und dies mache ihn „stolz wie Bolle“, freut sich der Geschäftsführer Franz Pzrechowski.

 

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Kommentare

Gegeneinander ausspielen?

Das hört sich genau so an. Übrigens gibt es ca. 2,6 Mio. eigene Arbeitslose sowie ca. 3,5 Mio. Unterbeschäftigte allein in Deutschland.

Willy Brandt 18. Januar 1973 in seiner Regierungserklärung:

"In unserer Mitte arbeiten fast zweieinhalb Millionen Menschen aus anderen Nationen [..] Es ist aber notwendig geworden, daß wir sehr sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft ist und wo soziale Vernunft und Verantwortung Halt gebieten."

Chance für beide Seiten

Man muss in der Debatte darauf achten, Einwanderung und die Aufnahme von Flüchtlingen nicht zu vermischen. An Leute, die wegen Not und Krieg ihre Heimat unfreiwillig verlassen, kann man nicht die gleichen Maßstäbe anlegen wie an Menschen, die sich bewusst für eine Auswanderung entscheiden.

Ganz grundsätzlich darf Integration nicht Assimilierung bedeuten. Nur weil man Deutsch ist bzw. hier lebt, muss man kein Bier trinken oder sich für Fußball interessieren. Ein solcher "Zwang" widerspricht völlig unseren Werten von Freiheit und Individualität.

Die Aufnahme der Flüchtlinge ist auch eine Chance für das Land. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist gut, und die demografische Entwicklung macht Einwanderung ohnehin nötig. Aber die Gefahr eines sogenannten "brain drain" darf nicht unterschätzt werden. Deshalb ist zumindest wünschenswert, wenn ein Teil der Flüchtlinge später in ihre Heimat zurückkehrt, und mit den hier gewonnenen Qualifikationen dort an einer Verbesserung der Situation arbeitet.