Filmtipp

Filmtipp „Zwingli“: Zwölf Jahre, die die Kirche erschütterten

Nils Michaelis22. Mai 2020
Kennt keine Berührungsängste: der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (Max Simonischek).
Kennt keine Berührungsängste: der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (Max Simonischek).
Vor 500 Jahren stellte der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli die alte Welt auf den Kopf. Das Drama „Zwingli“ zeichnet das Leben des Kirchenrebellen, der auch viele weltliche Missstände anprangerte, in bildgewaltiger Atmosphäre nach. Jetzt ist der Film fürs Heimkino verfügbar.

Die Zeit der Reformation gilt als Markstein beim Aufbruch in die Moderne, als Fundament von geistiger Freiheit und Individualität. Mit der historischen Wahrheit hat das nicht immer viel zu tun. Und doch: Wenn ein Jubiläum ins Haus steht – man denke an das Lutherjahr 2017 in Deutschland –, wird besonders gerne daran erinnert.

Nicht viel anders war es im vergangenen Jahr in der Schweiz. Dort gedachte man des Auftakts der Reformation in der Eidgenossenschaft vor 500 Jahren. Ihren Ausgang nahm sie in Zürich: Am 1. Januar 1519 trat dort ein gewisser Ulrich (eigenlich: Huldrych) Zwingli seine Stelle als Leutpriester am Grossmünsterstift an. Ob die Abschaffung der katholischen Messe, ausführliche Predigten aus dem Evangelium oder die Aufhebung des Eheverbots für Priester: Mit dem, was er in zwölf Jahren gegen große Widerstände durchsetzte oder in Flugschriften forderte, hatte Zwingli erheblichen Anteil daran, mit den Reformierten die zweitgrößte protestantische Kirche der Welt auf den Weg zu bringen.

Gewaltsamer Tod

Und dennoch: Im Vergleich zu anderen Reformatoren wie Martin Luther oder Johannes Calvin fristet Zwingli zumindest in Deutschland ein Schattendasein, mögen hier und da auch Straßenschilder an den 1484 geborenen Schweizer Bauernsohn erinnern. Das Historiendrama „Zwingli“, das 2019 zum  Kassenschlager in Schweizer Kinos avancierte und auch hierzulande gezeigt wurde, widmet sich ausführlich dem Leben und Wirken Zwinglis von seinem Eintreffen in Zürich bis zu seinem gewaltsamen Tod 1531 im Krieg gegen papsttreue Kantone. 

Über weite Strecken ist der Film recht konventionell, weil chronologisch aufgebaut. Als ob die Zuschauer*innen möglichst viel davon mitbekommen sollen, was Zwingli (dargestellt von Max Simonischek) so alles in kirchlichen und weltlichen Dingen bewegt oder zumindest kritisiert hat: Für ihn, so wird deutlich, maß sich die Bedeutung des Glaubens vor allem daran, wie man ihn praktisch lebt. Zwingli prangert das Elend auf den Straßen nicht nur an. Er versucht, es mit Armenküchen zumindest zu lindern. Religiosität verschmilzt mit sozialer Verantwortung.

Interessant wird das Ganze aber erst dadurch, dass der Film das Bewusstsein nicht nur für Zwinglis Bedeutung und innerkirchliche Gegensätze schärft: Selbstredend dauert es nicht lange, bis die Amtskirche gegen das Treiben des Reformators und seiner Getreuen Sturm läuft. Vor allem aber erweckt diese bis ins letzte Detail gewissenhaft ausgestattete Produktion den Alltag des frühen 16. Jahrhunderts in enormer atmosphärischer Dichte und mit einem gemächlichen Erzählfluss zum Leben, anstatt einen sterilen oder klischeehaften musealen Rahmen vorzugeben. Auch die Bildsprache sorgt dafür, dass alles lebt und atmet. Diese auch von einem subtilen Soundtrack getragene, äußerst wirkungsmächtige Sorgfalt haben historische Dramen selten zu bieten. Mit einem Budget von sechs Millionen Franken war der Film nach Schweizer Maßstab eine Großproduktion und wurde dort mit zahreichen Preisen bedacht.

Zweiter Blick

Daneben werden aber auch die Widersprüche, die eine Zeit des Übergangs mit sich bringt, sinnlich greifbar. Womit wir bei der zweitwichtigsten, wenn nicht gar gleichrangigen Figur wären: Anna Reinhart, Zwinglis spätere Frau. Denn auch aus ihrer Perspektive wird das Leben des Kirchenrebellen, der sich allein auf die Bibel berief,  erzählt. Anfangs ist der jungen Witwe der leutselige Geistliche mit den radikalen Ideen suspekt. Doch je mehr sie sein Tun verfolgt, desto stärker fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Das mag gefällig klingen, doch die Schauspielerin Sarah Sophia Meyer lässt einen mit aller Kraft spüren, welche Kämpfe Anna mit sich und ihrem Umfeld austrägt, um ihren Weg zu gehen.

Nach der für die Altgläubigen frevelhaften Hochzeit wächst ihr zunehmend der Part zu, den Gatten und Vater von vier gemeinsamen Kindern daran zu erinnern, wofür er eins angetreten ist. Pazifismus? Solidarität mit Verfolgten? „Zwingli“ handelt auch davon, wie ein Revolutionär radikale Unterstützer – in diesem Fall die Täuferbewegung – fallen lässt, um die Revolution, zumal im Bündnis mit politischen Unterstützern, nämlich dem Rat von Zürich, zu retten. 

Unterm Strich zeichnet der Film ein ausgewogenes, wenn auch eher positives Bild des Protagonisten. So bleibt unerwähnt, dass der Rat der Stadt Zürich auf sein Betreiben den Besuch des Gottesdienstes zur Bürgerpflicht machte. Hierbei einen pointierten Akzent zu setzen, hätte sicher seinen Reiz gehabt. Zu kurz kommen allerdings die Motive, die Zwingli einst mit nach Zürich brachte: Manch ein reformatorischer Denkanstoß wirkt wie vom Himmel gefallen.

So oder so ist es aber ein Vergnügen, sich von Zwingli und Anna an die Hand nehmen zu lassen und den Hexenkessel Zürich zu erleben: brodelnd vor neuen Ideen und geballten Problemen. Die alte Welt hat Risse, ist aber noch sehr vital. 

Info: „Zwingli“ (Schweiz 2018), Regie: Stefan Haupt, Drehuch: Simone Schmid, Kamera: Michael Hammon, mit Max Simonischek, Sarah Sophia Meyer, Anatole Taubman, Stefan Kurt u.a., 128 Minuten.

Jetzt als Video on Demand und ab dem 29. Mai auf DVD und Blu-ray

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