Film der Woche

Filmtipp „Zoros Solo“: Tragikomödie über den Traum eines Geflüchteten

Nils Michaelis12. März 2021
Streitbares Duo: Zoro (Mert Dincer) und Frau Lehmann (Andrea Sawatzki) suchen den gemeinsamen Ton.
Streitbares Duo: Zoro (Mert Dincer) und Frau Lehmann (Andrea Sawatzki) suchen den gemeinsamen Ton.
Ein muslimischer Geflüchteter mischt in einem christlichen Knabenchor mit, um seine Familie zu retten. Das klingt nach Märchen oder Komödie. „Zoros Solo“ bieten von beidem etwas.

Die Tragikomödie, die 2019 in den Kinos lief und nun für den Heimgebrauch zu haben ist, erzählt die Geschichte des halbwüchsigen Zoro (Mert Dincer). Ihn hat es mit seiner Mutter und zwei Schwestern von Afghanistan in die schwäbische Provinz verschlagen. Den Vater mussten sie in Ungarn zurücklassen. Ihn nach Deutschland zu holen, das ist der größte Wunsch des Sohnes. Doch das ist so gut wie unmöglich. Derweil spielt Zoro das Familienhaupt, bessert mit Gaunereien die Haushaltskasse auf und zelebriert sein aufgesetztes Mackertum.

Ein Idyll voller Wut

Sein Gegenpart ist eine ebenso resolute wie frustrierte Chorleiterin. Frau Lehmann (Andrea Sawatzki) liebt Musik und hasst Geflüchtete. Wegen ihrer Vorurteile, aber auch, weil sie ihretwegen mit ihrem kirchlichen Knabenchor weder in der alten Schulaula noch im Gotteshaus proben kann. Wohnraum für Geflüchtete ist knapp in dem fiktiven Städtchen namens Liebigheim. Postkartenidyllisch glänzen Fachwerkhäuser und Türmchen in der Sommersonne, doch tatsächlich ist dies ein Hort von Neid und Wut.

Ausgerechnet Zoro und Frau Lehmann (der volle Name bleibt unbekannt) sind ab einem gewissen Punkt dazu verdammt, gut miteinander auszukommen. Der Junge aus der Notunterkunft erfährt, dass der Chor zu einem Wettbewerb nach Ungarn fährt. Er setzt alles daran, Mitglied des von ihm verlachten Ensembles zu werden, um so seinen Vater nach Deutschland zu holen. Beim Vorsingen erkennt Frau Lehmann, dass mit Zoro der Sieg bei dem Wettbewerb so gut wie sicher ist. Und damit ein Triumph, der ihr als Musikerin stets verwehrt blieb. Man ahnt es: Dieses unerwartete Zusammenwirken wird nicht konfliktfrei sein. Und doch wird sich zeigen, dass die beiden Hauptfiguren einander brauchen.

Polarisierte Öffentlichkeit

Regisseur und Drehbuchautor Martin Busker spielt ganz bewusst mit krassen Gegensätzen, um einzufangen, wie sehr die Themen Migration und Geflüchtete die Öffentlichkeit polarisieren. Und welche Kraft in der Musik liegen kann. Missgunst, Rassismus, Islamfeindlichkeit, aber auch Toleranz und Nächstenliebe kommen in diesem verdichteten Ausschnitt der Gesellschaft zum Tragen. Gleichzeitig wirbt Busker um Empathie für die Erfahrungen von Geflüchteten auf ihrem Weg nach Europa und hierzulande. Daher folgt die Handlung fast ausschließlich Zoros Perspektive. Die Momente, in denen wir hinter seine Fassade blicken können und sehen, was das Singen mit dem an sich sensiblen Teenie anstellt, zählen zu den stärksten.

Weder Zoro noch die von ihm immer wieder als „Bitch“ titulierte Chorchefin sind echte Sympathieträger. Die von Mert Dincer („Willkommen bei den Hartmanns“) mit beeindruckender physischer Präsenz gespielte Hauptfigur wirkt anfangs wie ein Abziehbild der Zuschreibungen der Wutbürger, die täglich vor seiner Unterkunft gegen eine Islamisierung Schwabens demonstrieren.

Pointenreiche Wortgefechte

Aber auch Frau Lehmann kommt reichlich politisch unkorrekt rüber. Das gilt vor allem für die pointenreichen Wortgefechte mit Zoro, dem sie anfangs die Pest an den Hals wünscht. Für Andrea Sawatzki ist diese hochgewachsene Verkörperung eines verknöcherten Wesens eine Paraderolle. Aber auch diese Figur wird erst dann so richtig spannend, wenn ihr der Raum geboten wird, tiefere Einblicke in ihr Wesen zu gewähren. Die Musik macht's möglich!

In der komplizierten Annäherung von zwei Charakteren, die unterschiedlicher nicht sein können und die damit auch gesellschaftliche Bruchstellen verkörpern, liegt ein großer Reiz. Dass der Film ohne klassisches Happy End auskommt und trotzdem Hoffnung spendet, macht ihn umso stärker. Diese Stärke ist aber vor allem dem Fokus auf das Gegeneinander und Miteinander der beiden Protagonist*innen und damit auch der Leistung von Dincer und Sawatzki zu verdanken.

Ernste und komische Elemente

Was wir darüber hinaus zu sehen bekommen, ist oft weniger überzeugend. Es kann reizvoll sein, den Alltag von Geflüchteten mit einer pittoresken Kleinstadtszenerie zu kontrastieren. Auch um zu illustrieren, wie fremd Zugewanderte und „Mehrheitsbevölkerung“ einander oft sind. Jedoch ist der ironische Blick auf die alteingesessenen Liebigheimer meist viel zu gestelzt. Viele Szenen mit hohem Pointenpotenzial enden als Rohrkrepierer. Das Spiel mit ernsten und komischen Elementen geht nicht immer auf und immer wieder kleidet ein Feelgood-Schleier alles und jeden in zarte Töne. „Zoros Solo“ spricht unbequeme Dinge an und will zugleich die Seele streicheln. Dieser Spagat hat seinen Preis.

Info: „Zoros Solo“ (Deutschland 2019), Regie: Martin Busker, Drehbuch: Fabian Hebestreit und Martin Busker, mit Mert Dincer, Andrea Sawatzki, Julian Laurids Schürmanny, Elmira Rafizadeh u.a., 90 Minuten FSK ab 12 Jahre

Jetzt auf DVD, Video on Demand und digitaler Download

http://www.zorossolo-derfilm.de/#/

 

 

 

 

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