Film der Woche

Filmtipp „A Woman Captured“: Aus dem Leben einer Sklavin in Europa

Nils Michaelis12. Oktober 2018
Moderne Sklaven: Marisch ist ein Fall von vielen.
Moderne Sklaven: Marisch ist ein Fall von vielen.
Zehn Jahre lang ließ sich die Ungarin Marisch wie eine Sklavin halten. Der Dokumentarfilm „A Woman Captured“ erzählt eine erschütternde Geschichte vom Weg zurück in die Freiheit.

Beim Begriff „moderne Sklaverei“ denken viele an despotische Kontexte in afrikanischen Bürgerkriegsländern oder in den Hochburgen des „Islamischen Staates“. Doch es gibt sie auch mitten in Europa. Das macht „A Woman Captured“ („Eine gefangene Frau“) in drastischer Weise deutlich. Die ungarische Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter beruft sich auf den Global Slavery Index. Demnach sind weltweit knapp 46 Millionen Menschen den verschiedenen Formen von Sklaverei ausgesetzt. Etwa 1,2 Millionen davon leben in Europa.

Sklaverei als Massenphänomen

So gesehen ist das, was die Ungarin Marisch durchlitt, ein Massenphänomen. Und doch wirkt ihre Geschichte unglaublich. Wer in diese einsteigt, ist entsetzt. Mühsam kämpft sich Marisch am Morgen aus den Federn. Sie ist 52 Jahre alt, hat aber das Gesicht einer Greisin. Tiefe Runzeln und Falten ziehen sich durch das ausgemergelte Gesicht. Als hätten sich darin die vergangenen Jahre eingebrannt. Und doch zeigen die Bewegungen der dürren Frau Anflüge von Temperament und Lebenslust. Immer wieder saugt der zahnlose Mund an einer Zigarette. Aus dem Hintergrund bellt die Hausherrin ihre Befehle.

Eine ganze Dekade verbringt Marisch unter dem Dach einer Familie, in der eine Frau, die als Eta vorgestellt wird, das Regiment führt. Kochen, Putzen und ständig verfügbares Mädchen für alles: So sieht Marischs Alltag aus. Dafür erhält sie ein paar Zigaretten und eine Couch im Wohnzimmer. Den Lohn ihres Jobs in einer Fabrik kassiert Eta. Zu essen bekommt sie die Reste der anderen. Auf eigene Faust das Haus verlassen? Unmöglich.

Zäher Kampf um Würde

Bernadett Tuza-Ritter stieß eher zufällig auf das Thema. Eines Tages lernte sie Eta kennen. Die prahlt damit, nichts im Haushalt zu tun, weil sie Bedienstete habe. Die Filmemacherin wird neugierig und packt in Etas Haus die Kamera aus. Mit ihrem Einverständnis filmt sie Marisch bei ihrer täglichen Arbeit. Immer wieder. Zwischen den beiden Frauen entsteht Vertrauen. Was keine der Beteiligten geahnt haben dürfte: Durch diesen Einfluss von außen schöpft Marisch neuen Mut, sich auf sich selbst zu besinnen und aus diesem würdelosen Dasein, das sie auf ihre Art mit Würde zu füllen bemüht ist, auszubrechen. Sie holt sich ihr Leben zurück. Und die Kamera ist mit dabei.

Doch zunächst fragt man sich: Wie konnte es passieren, dass Marisch in diesem Elend landete und so lange keinen Ausweg fand? Ist sie von Eta derartig psychologisch abhängig, dass sie sich tagaus tagein schikanieren und prügeln lässt? Oder weiß sie nicht, wo sie sonst leben könnte? Die Polizei, so ist zu hören, zuckt bei dem Thema nur mit den Schultern. Nur wenig gibt Marisch über ihre Vergangenheit preis. Ihre Familie brach vor Jahren auseinander. Sie stand mit leeren Händen da. Und dann kam Eta. Die erwachsenen Kinder verstreuten sich irgendwohin. Ihre 16-jährige Tochter lebt in einem nahen Kinderheim. Sie wird zum  inneren Antrieb für Marischs Flucht in ein neues Leben. Doch diese Flucht fällt ihr nicht leicht.

Filmemacherin wird zur Verbündeten

Schließlich lebt sie in einem Klima der Angst. Dabei zeigen die Bilder eher ein typisches, leicht kitschiges Mittelklasseheim irgendwo auf dem Land als eine düstere Sklavenhölle. Die Familie taucht allenfalls schemenartig auf, von Eta sehen wir nicht viel mehr als ihre rot lackierten Fingernägel. Sklaverei, so der Eindruck, kann sich äußerst subtil abspielen, selbst wenn die Haltung dahinter unmenschlich ist. Ganz ungehemmt geben sich Eta und Co. bei ihren Schikanen, lassen sich sogar für die Film-Auftritte bezahlen.

Doch die Geschichte entwickelt eine eigene Dynamik. So hält Bernadett Tuza-Ritter auch jene konspirativen Momente fest, in denen Marisch sich akribisch auf ihre Rückkehr in eine selbstbestimmte Existenz vorbereitet. Die Regisseurin hält sich mit Kommentaren zurück, doch es ist mit Händen zu greifen, dass sie längst von einer reinen Dokumentaristin zu einer Verbündeten geworden ist.

Hölle hinter wohlsituierter Fassade

So ist „A Woman Captured“ vor allem das Porträt einer gedemütigten, aber letztendlich mutigen Frau, die sich durchsetzt. Zugleich schärft der Film das Bewusstsein dafür, welch eine Hölle hinter so mancher wohlsituierten Fassade schlummert. Schauen wir genauer hin. Erst recht, wenn es wehtut.

Info: „A Woman Captured (Eine gefangene Frau, Ungarn 2017), ein Film von Bernadett Tuza-Ritter, 89 Minuten

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