Film der Woche

Filmtipp „Die Welt jenseits der Stille“: Intime Corona-Einblicke

Nils Michaelis03. September 2021
Erster Lockdown in Rom: Die polnische Pflegekraft Zofia bleibt nach dem Tod ihrer Patientin allein zurück.
Erster Lockdown in Rom: Die polnische Pflegekraft Zofia bleibt nach dem Tod ihrer Patientin allein zurück.
Wie durchlebten Menschen das erste Jahr der Pandemie? Der Dokumentarfilm „Die Welt jenseits der Stille“ begibt sich auf mehreren Erdteilen auf Spurensuche.

An einem sonnigen Frühlingstag sitzt eine grauhaarige Frau auf dem Balkon, raucht eine Zigarette und blickt auf Betonfassaden. „Das ist mein Gefängnishof“, sagt sie lakonisch. Italien erlebt gerade seinen ersten Corona-Lockdown mit rigiden Ausgangsbeschränkungen. Auf gewisse Weise ist Zofia tatsächlich in ihrer Wohnung in Rom gefangen. Vor wenigen Tagen starb die alte Dame, die sie seit langer Zeit gepflegt hatte. Weil die Grenzen dicht sind, kann Zofia nicht zurück nach Polen reisen. So schmeckt jede Zigarette draußen an der frischen Luft ein bisschen nach Freiheit. Allein das Knistern des Tabaks zerreißt die Stille. Hat man die Ewige Stadt jemals so gespenstisch gesehen?

Was Zofia im vergangenen Jahr durchlebte, ist eine von zwölf Geschichten im Zeichen einer einzigen epochalen Krise, die der Dokumentarfilm „Die Welt jenseits Stille“ erzählt. Bereits im März 2020, als niemand wusste, wie alles kommen würde, hatte sich der deutsche Filmemacher Manuel Fenn entschlossen, einen Film darüber zu machen, wie Menschen in verschiedenen Ecken der Welt, die zusammenrückt und sich zugleich abschottet, die Pandemie erleben. Welche Hoffnungen, Träume und Ängste haben sie? Mehr als ein Dutzend Teams in Rio de Janeiro, Nairobi, Berlin, Kuala Lumpur, New York, Moskau und anderswo schlossen sich dem Projekt an. Bis Ende vergangenen Jahres dauerten die Dreharbeiten.

Verstörende und humorvolle Szenen

Viele dieser Schicksale, die wir häppchenweise kennenlernen, bieten sowohl verstörende als auch humorvolle Szenen. Vor allem machen sie etwas möglich, was viele Menschen im Zeichen der Pandemie vermisst haben: Wir haben Teil am Alltag anderer, besuchen sie sozusagen zu Hause. Der Fokus des Films liegt nicht darin, Stille und Leere einzufangen, sondern das, was uns unter Lockdown-Bedingungen verborgen blieb. Genau dafür stehen all die Geschichten, die an sich einzelne Filme sind und erst im Schneideraum zu einem atmosphärisch dichten Mosaik zusammengefügt wurden, wobei die Einzelteile eher locker miteinander korrespondieren und durchaus durch überwältigende Motive von ausgestorbenen Schauplätzen kontrastiert werden.

Trotz der großen Konstante namens Corona sind die Episoden, nicht zuletzt in Sachen Erzählweise, so verschieden wie die Schauplätze. Ein Moskauer DJ mit Vorliebe für Weltuntergangsklänge erlebt die Krise als kreativen und moralischen Schub. An die digitalen Auftritte muss er sich allerdings erst noch gewöhnen. Eine argentinische Filmemacherin fängt ihren Londoner Pandemiealltag aus der Perspektive ihres elfmonatigen Sohnes ein. Während draußen die Ausgangssperre die Straßen leerfegt, macht Dante in der Wohnung seine ersten Schritte. Felister arbeitet als Schuhputzerin in Nairobi. Das Geschäft läuft schlecht. Ihre Tochter kann nicht in die Schule gehen und muss zur Tante. Als deren Elendsviertel abgesperrt wird, wird die Lage noch komplizierter.

„China hätte es besser gemacht“

Ein chinesischer Kung-Fu-Lehrer aus Berlin muss eine Zwangspause einlegen. Das Training mit seinen Schülern gab ihm Halt. Nun hockt er einsam in einem kleinen Zimmer und zweifelt an Deutschlands Corona-Management. Seine Botschaft ist ebenso klar wie irritierend: China hätte es besser gemacht. Auch bei den Kuikuro sind wir zu Gast. Der indigene Stamm im Amazonasgebiet versucht, mit strengen Regeln, aber auch traditionellen Ritualen, das Virus aus dem Dorf fernzuhalten. Vorsorglich bauen sie ein Quarantänehaus. Auch ein zweiter Beitrag aus Brasilien blickt explizit auf das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft: Wir begleiten einen Krankenpfleger aus einer Favela in Rio, der sich aus Sorge um seine Patienten in Selbstisolation begibt. Trotz aller Sehnsucht verliert er nicht den Glauben an die Liebe.

„Die Welt jenseits der Stille“ zeigt, wie Menschen auf sich zurückgeworfen werden und – zum Teil – gleichzeitig über sich hinauswachsen oder die Welt gänzlich neu erleben. Und dass dies weder ein Widerspruch noch selbstverständlich ist. Und vor allem, dass das Leben trotz Corona weitergeht und weitergehen muss, irgendwie. Der politische und soziale Kontext des jeweiligen Landes bleibt oft im Hintergrund, tritt mitunter aber umso pointierter zutage. Dieser über weite Strecken sehr leise, stets um einen präzisen Blick auf die Auftretenden bemühte Film befreit das globale Dauerthema des Lebens mit der Pandemie von jeglicher Abstraktion, gibt ihm aus wechselnder Perspektive ein Gesicht. All das ist keine heroische Feier des Lebens, Momente der Hoffnung gibt es aber durchaus.

Info: „Die Welt jenseits der Stille“ (Bolivien, Brasilien, Deutschland, Großbritannien, Iran, Israel, Italien, Kenia, Malaysia, Russland, USA 2021), ein Film von Manuel Fenn, Schnitt: Antonia Fenn, 119 Minuten, OmU.

 

https://dieweltjenseitsderstille.de/

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