Film der Woche

Filmtipp „Walchensee Forever“: Vom Suchen und Finden der Freiheit

Nils Michaelis22. Oktober 2021
Der Walchensee: Drei Generationen, ein See und viele schmerzhafte Erfahrungen
Der Walchensee: Drei Generationen, ein See und viele schmerzhafte Erfahrungen.
100 Jahre aus weiblicher Perspektive: Der Dokumentarfilm „Walchensee Forever“ erzählt vom Streben nach Unabhängigkeit und von der Suche nach Sinn. Und von einem geradezu magischen Ort.

Still ruht der See inmitten der Bergkulisse, an seinem Ufer steht ein Café. Doch diese Idylle hat dunkle und schmerzvolle Seiten. Menschen verlassen den Familienort und kehren immer wieder zurück. Unerwartete und niemals heilende Verlusterfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Generationen. Der Walchensee in Oberbayern: ein besonderer Schauplatz, wie geschaffen für ein düsteres Märchen oder einen Horrorfilm.

Das, wovon „Walchensee Forever“ erzählt, ist allerdings höchst real. Die deutsch-amerikanische Filmemacherin Janna Ji Wonders spürt darin der Geschichte ihrer Familie vom frühen 20. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit nach. Und zwar fast ausschließlich aus der Perspektive der Frauen. Jede von ihnen lehnte sich gegen die vorgegebenen patriarchalischen Strukturen auf. Die Gründe und Methoden sind so individuell wie jede dieser Frauen für sich.

Wunden, die niemals verheilen

Es geht um emotionale Bindungen an den bei Nebel schaurig-schönen Walchensee und das Café der Familie Werner, das noch immer existiert. Um Wunden, die immer wieder aufbrechen. So wie die Wunden, die den Großvater von Wonders seit seinem Einsatz im Zweiten Weltkrieg zeichneten. In der Folge terrorisiert er, wie zahllose andere Kriegstraumatisierte auch, seine Liebsten mit Zucht und Strenge.

Als es zum Bruch kommt, widmet sich seine Frau Norma Werner ganz und gar dem Café, das ihre Eltern in den 20er-Jahren an dem Alpensee aufgebaut hatten. Auch ihre Tochter Anna Werner, die Mutter der 1978 in San Francisco geborenen und am Walchensee aufgewachsenen Regisseurin, strebt zeitlebens nach Eigenständigkeit.

„Walchensee Forever“ befasst sich mit den sich verändernden Möglichkeiten, seinen oder ihren eigenen Weg zu gehen. So wie es Anna und Frauke Werner getan haben. In jungen Jahren tingeln die Schwestern als Straßenmusikantinnen durch Mexiko und Kalifornien, genießen den „Summer of Love“. In den 1960er- und 1970er-Jahren experimentieren sie mit vielem, was unter Bewusstseinserweiterung zu verstehen ist. Diese zeitweilig gemeinsame Lebensreise führt bis in indische Ashrams und in den „Harem“ von Hippie-Guru Rainer Langhans.

Die Schwester als Schatten

Immer wieder aber kehren die Frauen zurück an den Ort ihrer Kindheit. Für Frauke hat das tragische Folgen. Wie ein Schatten umfängt ihr Tod künftig den Alltag der Familie. Was macht all dies mit der Regisseurin, die ebenfalls Teil der Handlung ist?

„Walchensee Forever“ setzt sich aus vielerlei Gesprächsszenen, vor allem zwischen Janna Ji Wonders und Anna Werner zusammen. Oftmals geraten sie wie Skizzen, die versuchen etwas einzufangen, was weder der Fragestellerin noch der Antwortenden klar vor Augen steht.

Gemeinsam dringen sie in psychologische Untiefen vor, kennen keine Tabus und zeichnen ein lebendiges Bild von der Alltags- und Gefühlswelt der Menschen, vom Miteinander und Gegeneinander, von der Suche nach Sinn, Halt und Freiheit. Und zwar von der Urgroßmutter, die nach einer traumatischen Erfahrung ihr Glück mit dem Café am See suchte, bis hin zu Janna Ji Wonders selbst, die sich nicht auf eine Heimat festlegen kann.

Eigener Film aus der Vergangenheit

Dieser Stoff und diese Erzählstruktur könnten furchtbar abstrakt sein. Stattdessen wird die Geschichte der Familie Werner eindringlich zum Leben erweckt, nicht zuletzt auf der Bildebene. Das Erzählte wird präzise mit den darin erwähnten Personen und Schauplätzen verbunden. Aus dem Strom der Erinnerungen formt sich ein eigener Film, der mit den gesprochenen Worten korrespondiert. Das ist möglich, weil Janna Ji Wonders auf eine Fülle von Acht-Millimeter-Filmen zurückgreifen konnte, die Familienmitglieder seit den 40er-Jahren gedreht haben.

Hinzu kommt das Archivmaterial zu vielen anderen Schauplätzen dieser weit über Bayern hinausreichenden Geschichte, die sich dem immerwährenden Kreislauf des Lebens widmet. Und auch die vielen Gesichter des Walchensees spielen eine tragende Rolle. Nicht zu vergessen sind die kontrastreichen Bilder, die die Fotografin Anna Werner über Jahrzehnte angefertigt hat. Von Kindesbeinen an befragte sie, bis heute eine Suchende, ihre Tochter zu ihren Erfahrungen und Gedanken vor der Kamera. Bis die es ihr nachmachte.

Dass diese Flut an Bildern in Janna Ji Wonders Langfilmdebüt eine ebenso stimmige wie überraschende Komposition ergeben, dürfte nicht zuletzt das Verdienst von Cutterin Anja Pohl sein. Dieser Heimatfilm, der von der Suche nach Heimat und vom Zerrissensein handelt, bleibt lange haften.

Info: „Walchensee Forever“ (Deutschland 2020), Regie: Janna Ji Wonders, Drehbuch: Janna Ji Wonders und Nico Woche, Schnitt: Anja Pohl, mit Norma Werner, Anna Werner, Frauke Werner, Janna Ji Wonders, Rainer Langhans u.a., 110 Minuten.

http://www.farbfilm-verleih.de/filme/walchensee-forever/

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