„Dark Eden“

Filmtipp: Der vergiftete Traum vom Wohlstand durch Öl

Nils Michaelis29. November 2019
Regisseurin Jasmin Herold lebte jahrelang im kanadischen Fort McMurray, dem Drehort für „Dark Eden“
Regisseurin Jasmin Herold lebte jahrelang im kanadischen Fort McMurray, dem Drehort für „Dark Eden“
Wer als Arbeitnehmer vom weltweiten Rohstoffhunger profitieren will, zahlt oft einen hohen Preis. Im kanadischen Fort McMurray ist er besonders hoch. Vom Widerspruch zwischen Fortschrittsglaube und apokalyptischer Umweltzerstörung in der Öl-Metropole erzählt der Dokumentarfilm „Dark Eden“.

Aus aller Welt strömen Menschen in die abgelegene Stadt in der Provinz Alberta, um ein Vermögen zu machen. Dort liegen die drittgrößten Ölvorkommen der Welt. Auf einer Fläche so groß wie England verteilen sich die Ölsande. Um an den Rohstoff zu kommen, werden die Mineralien in den monströsen Fabriken der Öl-Multis mit Wasser und Chemikalien erhitzt. Die giftigen Abwässer landen in riesigen künstlichen Seen. Ein Desaster für Mensch und Natur.

Die Filmemacher Jasmin Herold und Michael Beamish halten diese denkbar massive Form von Raubbau in Panoramabildern fest. Diese erinnern an surrealistische Gemälde von ganz eigener Schönheit. Doch mit jeder sorgfältig komponierten Einstellung wächst die Beklemmung. Und der Albtraum überlagert alles andere.

In diesem Film geht es aber auch um einen Traum. Besser gesagt: Um die Träume zahlloser Menschen, die seit den 70er-Jahren, als diese Art der Öl-Förderung forciert wurde, in diesem unwirtlichen Kaff für ihren Wohlstand schuften. Für sie ist Fort McMurray, das den Treib- und Schmierstoff für die globale Konjunktur liefert, ein Versprechen. In dem etwa 61.000 Einwohner zählenden Ort winken Gehälter, die dem Doppelten des kanadischen Durchschnittseinkommens entsprechen. Ein aus Deutschland eingewanderter Mechaniker lässt wissen, in dieser vermeintlich innovativen Rohstoffindustrie fünfmal so viel zu verdienen wie früher in der Bundesrepublik.

Vergifteter Traum

Seit Jahren machen allerdings Berichte darüber die Runde, dass dieser Traum vergiftet ist. Unter Menschen jeden Alters grassieren Krebserkrankungen. Bilder von Rehen, die in Vorgärten grasen, vermitteln eine trügerische Idylle. Die Zutraulichkeit hat ihren Grund. Weil sie kontaminiertes Wasser trinken, sind sämtliche Wildtiere wandelnde Krebsgeschwüre. Kein guter Ort für Jäger.

Wie lebt man mit diesem Nebeneinander von Lebensfeindlichkeit und Lebenstraum? Über Jahre haben Herold und Beamish immer wieder Menschen in Fort McMurray befragt. Beide waren ursprünglich wegen eines anderen Projektes in der von Einheitssiedlungen geprägten Ödnis gelandet und verbrachten dort mehrere Jahre. „Dark Eden“ ist auch ihre eigene Geschichte. Selbst Teil des Geschehens zu sein, hat manch eine Tür geöffnet. Zumal in einer Stadt, wo jeder, der sich kritisch über die Ölindustrie äußert, um seinen Job fürchten muss. Der lange Arm der Ölriesen ist auch während der Interviews stets spürbar, selbst wenn sich die Beschäftigten vergleichsweise offenherzig äußern.

Jener deutsche Mechaniker berichtet, wie es sich für ihn und seine russische Frau anfühlt, sieben Tage am Stück zu malochen und anschließend das Leben zu genießen. Dass es an diesem Ort der Extreme einen „normalen“ Alltag mit Einbürgerungsfeiern, Gottesdiensten und Barbecue gibt, überrascht beinah. Ein Mann aus dem Südsudan lässt wissen, was es heißt, als Putzkraft in der Hierarchie ganz unten zu stehen. Besonders bizarr sind die Auftritte eines PR-Managers, der die Kampagne „I Love The Oil Sands“ managt. An ihm lässt sich besonders gut die Leitfrage von „Dark Eden“ studieren: Warum sehen die Menschen nicht, was sie wissen? Die Angehörigen der indigenen Bevölkerung tun das durchaus, aber diese Menschen, die nicht zu den Öl-Glücksrittern gehören, haben in diesem „Paradies“ keine Lobby.

Überzeugungen wackeln

Nicht nur der sinkende Ölpreis sorgt dafür, dass eines Tages so manche Überzeugung in Fort McMurray wackelt. Als ein verheerender Waldbrand die halbe Stadt verschlingt, bricht genau die Katastrophenstimmung herein, die man lange erwartet hat. Herold und Beamish waren auch bei diesem, an ein Strafgericht erinnerndes Inferno ganz nah dran.

Aber noch aus einem anderen Grund ist „Dark Eden“ eine sehr persönliche Geschichte. Auch Beamish erkrankt im Reich der Ölsande an Krebs. Das verleiht der Dokumentation zusätzliche Dramatik, ohne das Geschehen zu überlagern. Umso eindringlicher gerät der Hinweis, dass letztlich wir alle, zumal in Deutschland, Teil eines Systems sind, das einen Ort wie Fort McMurray erst möglich macht.

Meist lässt der Film Bilder und Fakten für sich sprechen, ohne die Öl-Fans direkt anzugreifen oder für konkrete Alternativen zu werben. Umso eindringlicher ist die Wirkung dieser düsteren Produktion. Die beiden Regisseure widmen den Film der Klimaschutz-Bewegung „Fridays For Future“. „Dark Eden“ lief auf zahlreichen internationalen Festivals. Beim Filmfestival Braunschweig wurde er als „bester Film zum Thema Nachhaltigkeit“ ausgezeichnet.

 

„Dark Eden – der Alptraum vom Erdöl“ (D 2018),
ein Film von Jasmin Herold und Michael Beamish, auf DVD.

 

 

 

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