Film der Woche

Filmtipp „Die vergessene Armee“: Ruhestand beim Klassenfeind

Nils Michaelis09. Juni 2017
 Ex-NVA-Soldat Bernd L
Von den Grenztruppen zur Reinigungscrew: Ex-NVA-Soldat Bernd L. leert heute Mülleimer für die S-Bahn
Mit der DDR verschwand auch die Nationale Volksarmee. Der Dokumentarfilm „Die vergessene Armee“ zeigt, wie sich die Veteranen mit der Bundesrepublik, dem einstigen Klassenfeind, arrangiert haben. Eine differenzierte Studie über die Langlebigkeit von Ideologie und Verlusterfahrungen.

Der Auftritt war so skurril wie gespenstisch: Im Mai 2013 marschierte eine Gruppe älterer Herren in Uniformen und mit Fahnen und Waffen der Nationalen Volksarmee durch den Treptower Park in Berlin. Die seltsame Ehrenformation am Ehrenmal für gefallene Rotarmisten wurde von Passanten beklatscht, doch darüber hinaus war die Empörung groß. Später mussten sich die NVA-Nostalgiker, die sich für einen kurzen Moment aus ihrem sonst eher konspirativen Milieu herauswagten, gar vor Gericht verantworten. Viele dachten sich: Was sind das für Menschen?

Was wurde aus den 180.000 NVA-Soldaten?

Das fragte sich auch die dänische Filmemacherin Signe Astrup. In ihrer Doku untersucht sie, wie die Soldaten heute leben, die bis zur Vereinigung beider deutscher Staaten in der selbsternannten „Armee des Friedens“ dienten. Es geht um einen beträchtlichen Personenkreis: Die Stärke der NVA lag zuletzt bei rund 180.000 Mann. In die Bundeswehr übernommen wurden nur rund 11.000. Doch was wurde aus dem Rest? Wie sehen diese Männer ihre Armee und die DDR heute? Welche Prägungen aus dieser Zeit wirken fort? Wie haben sie sich in dem anderen politischen System eingerichtet?

Denkt man an die Szene vom Mai 2013, ist man geneigt, die früheren NVAler – und besonders die, die sich in entsprechenden „Traditionsverbänden“ engagieren – für ewiggestrig zu halten. Der Film und seine fünf Jahre währende Produktionszeit bieten dafür einige Anknüpfungspunkte. So sollen die Veteranen der Regisseurin mit Misstrauen begegnet sein, weil sie befürchteten, irgendein Geheimdienst habe sie vorgeschickt. Vor der Kamera fallen Kampfbegriffe wie „Siegerjustiz“ und es ist zu hören, dass sich viele noch immer an ihren Eid aus DDR-Zeiten gebunden fühlen und bis heute gegenüber ihren früheren Vorgesetzten spuren.

Ein sehr differenziertes Bild

Insgesamt entsteht aber ein sehr differenziertes Bild von einem Kreis, der wie kaum ein anderer auch ideologisch gedrillt wurde und nur bedingt in der Bundesrepublik angekommen ist. Zwischen 2011 und 2016 stellten sich äußerst unterschiedliche Männer den Fragen von Signe Astrup. Da ist der ehemalige Kapitän, der die Mängel im DDR-System klar sieht und sich diesen Staat dennoch zurückwünscht.

Oder der frühere Soldat der Grenztruppen, der später zur Volkspolizei wechselte und heute Polizeistreifen mit vermeintlich nützlichen Hinweisen nervt. Beim Lesen seiner Stasiakte kommen ihm, der  im Hauptberuf Mülleimer an S-Bahnhöfen leert, erhebliche Zweifel an einer Gesellschaftsordnung, die in den Augen anderer Zeitzeugen vor allem für Kameradschaft und soziale Gerechtigkeit stand. Da ist aber auch der Veteran, der es bedauert, dass das DDR-Regime während der Massenproteste nicht die chinesische Lösung gesucht und stattdessen „all die Verbrecher“ ins Land gelassen hat.

Sterbende an den Grenzanlagen nicht vergessen

Am berührendsten sind die Aussagen eines weiteren ehemaligen Grenztruppenoffiziers. Er hat Menschen an den innerdeutschen Sperranlagen sterben sehen. Wenn er von seinen Erfahrungen erzählt,  gibt es keine Spur von der knorrigen Selbstzufriedenheit manch anderer. Mehrmals setzt er an, um seinen Bericht zu vollenden. Mag er sich heute auch ausgegrenzt fühlen, seinen Frieden mit damals hat er noch längst nicht gefunden. Allein wegen dieses Beispiels mutet das in diesem Zusammenhang um Versöhnung buhlende Motto des Philosophen Sören Kierkegaard, mit dem die Dokumentation endet, ziemlich naiv an: „Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, doch gelebt werden muss es vorwärts.“

Andererseits hat diese Unbefangenheit der Filmemacherin, die allerdings auch hartnäckig nachhaken kann, viele Türen geöffnet und manch eine überraschende Äußerung in den Gesprächen ermöglicht. Ein Rest von Abschottung und Geheimniskrämerei  blieb allerdings: Von keinem der Gesprächspartner ist der volle Name zu erfahren. Signe Astrup traf die Veteranen unter anderem auch an jenen Orten, wo sie meist unter sich sind. Sei es bei Wehrsportübungen im Wald, beim probeweise Exerzieren oder auch beim Festakt zum 60. Geburtstag der NVA in einer Mehrzweckhalle weit draußen in Mecklenburg.

Komik und Frustration

Manch einer Szene wohnt eine unfreiwillige Komik inne, doch werden diese mitunter zutiefst frustrierten Menschen keinesfalls als lächerliche Fossilien ausgestellt. Ebenso wenig entschuldigt der Film die Taten und Einstellungen der Protagonisten. Wohl aber wirbt er dafür, es sich beim Blick auf eine Gruppe, die viel zu groß ist, um ignoriert zu werden, nicht zu einfach zu machen.

Info: „Die vergessene Armee“ (Deutschland 2016), ein Film von Signe Astrup, 88 Minuten. Jetzt im Kino

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