Film der Woche

Filmtipp „Vatersland“: Ein Mädchen kämpft sich durch die Adenauer-Zeit

Nils Michaelis11. März 2022
Die Beisetzung der Mutter: Marie (Felizia Trube) erlebt hier die kollektive Unfähigkeit zu trauern am eigenen Leibe.
Die Beisetzung der Mutter: Marie (Felizia Trube) erlebt hier die kollektive Unfähigkeit zu trauern am eigenen Leibe.
Die Erfahrungen eines Mädchens als Spiegelbild der Gesellschaft: Das Filmdrama „Vatersland“ blickt tief in die kollektive Seele Westdeutschlands in den konservativen und spießigen 50er- und frühen 60er-Jahren.

„Stell dich nicht so an.“ „Das ist nichts für Mädchen.“ In Petra Seegers Film fallen viele Sätze aus einer anderen Zeit. Vielen sind sie noch immer vertraut. Etwa der Filmemacherin. Diese respektlose und chauvinistische Sprache ist die Sprache ihres Vaters. Zumindest legt der stark autobiografische Film dies nahe.

In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die ausgewiesene Dokumentarfilmerin („Auf der Suche nach dem Gedächtnis“) davon, wie ein Mädchen im „Vatersland“ aufwächst und beschließt, sich von dieser Welt der Väter und ihres Vaters freizumachen. Ihr Alter Ego namens Marie erlebt ihre Kindheit in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren. Es ist das Westdeutschland der späten Adenauer-Jahre. Ein vermeintliches Wohlstandsparadies mit Frauen, die am Herd bleiben oder nett in die Kamera lächeln. Mit jedem Lebensjahr wird Marie klarer: Diese Welt ist nicht ihre Welt.

Vom unterdrückten Mädchen zur starken Frau

Mit Ende 40 blickt Marie auf ihre frühen Jahre zurück. Die Regisseurin und Drehbuchautorin beschließt, einen Film darüber zu machen, wie sie wurde, was sie ist: eine selbstbewusste Frau, die entgegen den Konventionen ihrer Kindheit ihren Weg gegangen ist. Die allerdings einige Traumata nie verarbeitet hat. Vor allem den frühen Tod der Mutter. Den Alltag mit einem unsensiblen Vater, dem nichts Besseres einfällt, als sie frühestmöglich in die Rolle der Hausfrau hineinzudrängen. Und der sie in ein katholisches Internat abschiebt, als der Plan nicht aufgeht.

Auslöser für dieses Projekt, mit dem sie zudem eine kreative Krise überwinden will, ist ein Berg von 16-Millimeter-Filmen und Fotos aus dem Archiv ihres Vaters. Der sieht nun alt und sterbenskrank seinem Ende entgegen. Marie versinkt in den Aufnahmen und gibt sich ihren Erinnerungen hin. Zug um Zug formt sich der Film im Film. Und damit auch der Film an sich. Doch wird Marie dadurch die Knoten in ihrem Leben lösen können?

Die Erzählung: autobiographisch und chronologisch

Über dem Film steht der Gedanke, dass jede Kunst autobiografisch sei. Somit dürfen wir davon ausgehen, dass vieles von dem, was wir sehen und hören, mit Seegers eigener Biografie zu tun hat. Chronologisch erzählt „Vatersland“ Maries Weg vom Mädchen zu einer gesellschaftskritischen jungen Frau, die eines Tages selbst zur Kamera greift.  Es ist Maries auf Erinnerungen und Erfahrungen basierendes Bild von sich selbst. Und damit das genaue Gegenteil der unzähligen Fotos, die der Vater von ihr machte. „Fotografieren ist nichts für dich, Frauen gehören vor die Kamera“, bedeutet er ihr, als sie selbst abdrücken möchte.

Beim Filmen und Fotografieren geht es dem Vater nur um eine reizvolle Fassade. Wie überhaupt vieles in seinem Leben nur Fassade ist. Auch, um die traumatischen Erfahrungen der Kriegszeit zu übertünchen. Er ist ein Archetyp jener Generation, der die Psychonanalytiker*innen Margarete und Alexander Mitscherlich einst die Unfähigkeit zu trauern attestierte. Das kommt besonders in der Szene zum Ausdruck, als Marie als Mädchen am Grab der Mutter vergeblich nach der Hand des Vaters greift. Diese Sequenz bildet die Klammer für den gesamten Film.

Ein visueller Schatz aus alten Filmen

Inhaltlich wie ästhetisch gelingt der Wechsel zwischen den Zeitebenen beziehungsweise zwischen Seegers Film und dem Film im Film sehr gut. Die stimmige Gestaltung ist einem besonderen visuellen Schatz zu verdanken: Die alten Fotos und Filme, die die Reise durch die Vergangenheit illustrieren und Verbindungen zwischen Maries Lebensphasen herstellen, stammen aus dem Fundus von Petra Seegers Vater.

Die Passagen aus Maries Kindheit sind besonders berührend. Ihre Verlorenheit zwischen einem herrischen Vater und einem wenig solidarischen Bruder wird eindringlich zum Leben erweckt. Und zwar mit subtilen Mitteln, die aber auch Raum für Humor lassen. Und für feine Nuancen, die andeuten, dass der Muff unter den Talaren bald gelüftet wird. Lachen und Entsetzen liegen dicht beieinander. So entsteht ein intensives Gefühl für die damalige Zeit. Und es wird deutlich, dass es hier nicht allein um Maries oder Petra Seegers Leben geht.

Beeindruckende Leistungen der Darsteller*innen

Bernhard Schütz verkörpert Maries Vater. Er brilliert als unberechenbarer und steifer, aber auch unsicherer Spießer, der nicht immer Herr seiner Ängste und Emotionen ist. Margarita Broich spielt Marie als Mutter und Künstlerin in der Krise. Mit ihrem zurückgenommenen Acting lässt sie einigen Interpretationsspielraum. Felizia Trube, Momo Beier und Stella Holzapfel stellen die kindliche und heranwachsende Marie dar. Viele ihrer Szenen sind eine Achterbahn der Gefühle.

Mit dieser ebenso feinsinnigen wie klar positionierten filmischen Erzählung über eine Kindheit und Jugend in der frühen Bundesrepublik, die anlässlich des Internationalen Frauentags in die Kinos kommt, macht Petra Seeger klar, dass sich bei der Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen viel getan hat. Aber auch, dass dieser Weg noch lange nicht zu Ende gegangen ist.

Info: „Vatersland“ (Deutschland/Belgien 2020), ein Film von Petra Seeger, mit Margarita Broich, Bernhard Schütz, Felizia Trube, Momo Beier, Stella Holzapfel u.a., 118 Minuten, FSK ab zwölf Jahren

https://www.wfilm.de/vatersland/

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