Film der Woche

Filmtipp „The Outpost“: Realistisches Drama über US-Soldaten in Afghanistan

Nils Michaelis22. Januar 2021
Kriegseinsatz: Die Kampfszenen sind nichts für schwache Nerven.
Kriegseinsatz: Die Kampfszenen sind nichts für schwache Nerven.
Eingekreist von den Taliban: Das Drama „The Outpost“ lebt von einem authentischen Blick auf den Krieg in Afghanistan, blendet die politischen Hintergründe aber aus. Jetzt ist der auf Tatsachen basierende Film fürs Heimkino verfügbar.

Bei US-Kriegsfilmen, zumal über Afghanistan, denkt man unwillkürlich an vor Glorienschein und Spezialeffekten strotzende Blockbuster. Und die gibt es zur Genüge. „Operation: 12 Strong“ ist nur eines von vielen Beispielen.

„The Outpost“ geht einen anderen Weg. Regisseur Rod Lurie stellt den Alltag von gut 50 (ausschließlich männlichen) Soldaten in einem Außenposten der US-Armee in der afghanischen Provinz Nuristan auf höchst realistische Weise in den Vordergrund. Es ist ein Leben mit der ständigen Bedrohung, von den in den Berghängen verschanzten Taliban beschossen zu werden und mit der Gewissheit, eingekesselt zwischen drei steilen Bergen in der Falle zu sitzen. Es ist aber auch ein Leben voller Monotonie, Schikane, Animositäten und enttäuschten Hoffnungen. Bis es zur großen Schlacht kommt, die jeder erwartet hat.

Eines der blutigsten Gefechte im Afghanistan-Krieg

Als der Film im vergangenen Jahr in den Kinos startete, hatten vor allem die Zuschauer*innen in den USA längst eigene Bilder von dieser Geschichte im Kopf. „The Outpost“ fußt auf einem realen Geschehen, das später juristisch aufgearbeitet wurde: Im Oktober 2009 greifen 400 schwer bewaffnete Talibankämpfer den entlegenen US-Stützpunkt Keating nahe der pakistanischen Grenze an. Es kommt zu einem der blutigsten Gefechte im Afghanistan-Krieg. Ohne jede Unterstützung von außen kämpfen 54 US-Amerikaner zwölf Stunden lang um ihr Überleben.

Dass sie kurz vor der Schließung des Standortes in diese Lage hineingeraten waren, war das Ergebnis einer Kette von Fehlentscheidungen auf höherer militärischer Ebene. Daher erzählt „The Outpost“ auch von naiven und inkompetenten Sichtweisen auf einen Konflikt, und zwar mit tödlichen Folgen. Die Vorlage dafür lieferte das Buch „The Outpost. Eine unerzählte Geschichte amerikanischer Tapferkeit“ von CNN-Journalist Jake Tepper, das in den USA zum Bestseller avancierte.

Überlebenswille in aussichtsloser Lage

Tapferkeit ist eine dehnbare und umstrittene Kategorie. Luries Film zeigt, dass man mitunter über sich hinauswachsen muss, um sein eigenes Leben und das der Menschen um einen herum zu retten. Hier geht es also nicht um verblendetes Heldentum, sondern darum, wie sich in aussichtsloser Lage der Überlebenswille Bahn bricht.

Mit einem Hubschrauberflug durch das nächtliche Afghanistan (beziehungsweise Bulgarien, dort wurde gedreht) geht das Ganze los. Während das Auge Mühe hat, sich in der Finsternis zurechtzufinden, trifft ein Trupp Neuankömmlinge in Keating ein. Zu den Aufgaben des Stützpunktes zählt es, durch Entwicklungsprojekte das Vertrauen der lokalen Bevölkerung zu gewinnen. 

Aus der Bedrohung wird blutiger Ernst

Unübersichtlich bleibt es auch in der Folge: Die Beschreibung des Alltags der desillusionierten Soldaten, die den Sinn ihres isolierten Stützpunktes hinterfragen, folgt keiner klaren Dramaturgie und es ist nicht leicht, sich in dem Getümmel der Uniformierten Namen und Gesichter zu merken.

Nach gut einer Stunde wird aus der Bedrohung blutiger Ernst. Auch wenn es rund 40 Minuten lang unablässig knallt und MG-Patronen wie ein Regen niederprasseln, behält Lurie seinen auf Realismus statt auf Verklärung setzenden Stil bei. Man kann das Dauergetöse ermüdend finden. Und doch zählen die aus der Perspektive der US-Soldaten gedrehten Schlachtszenen zum Eindringlichsten, was dieses Genre bislang zu bieten hatte.

Es bleiben offene Fragen

Es wäre zu wünschen, dass der mit vergleichsweise schmalem Budget produzierte Film auch an anderer Stelle so engagiert wäre. Zum Beispiel bei der Frage: Wieso wird man überhaupt Soldat und begibt sich in einen höchst umstrittenen Einsatz? Allenfalls beiläufig wird erwähnt, wie es die zum Teil gerade einmal Anfang 20-Jährigen zum Militär verschlagen hat. Die „Operation Enduring Freedom“ der USA und ihrer Verbündeten stellen allein die wenigen afghanischen Akteure infrage. Deren Verhältnis zu den US-Soldaten wird nur an der Oberfläche behandelt.

Auch wenn Lurie es wohl gar nicht bezweckt hat: Wer verstehen will, warum der von den westlichen Alliierten begonnene Afghanistan-Krieg nach fast 20 Jahren – rein militärisch gesehen – allenfalls ein durchwachsenes Ergebnis brachte, findet hier einige Denkanstöße. Schade nur, dass der nüchterne Stil, der das Publikum für den Film einnimmt, im Abspann, als es um das Schicksal der „echten“ Soldaten von Keating geht, kassiert wird.

Info: „The Outpost – Überleben ist alles“ (USA/ Bulgarien2019), Regie: Rod Lurie, mit Scott Eastwood, Orlando Bloom, Caleb Landry Jones, Jack Kesy u.a., 120 Minuten FSK ab 16 Jahre

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