Film der Woche

Filmtipp „The Forgiven“: Wie Desmond Tutu den Hass in Südafrika bekämpfte

Nils Michaelis26. März 2021
Im Dienst von Wahrheit und Versöhnung ist Desmond Tutu (Forest Whitaker) im Dauerstress.
Im Dienst von Wahrheit und Versöhnung ist Desmond Tutu (Forest Whitaker) im Dauerstress.
Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft: Das Drama „The Forgiven“ erzählt von den Schwierigkeiten des Aufbruchs in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Im Mittelpunkt steht Erzbischof Desmond Tutu.

Mit dem unerschütterlichen Glauben an einen gewaltlosen Wandel wurde Desmond Tutu in den 1980er-Jahren zu einer der führenden Figuren der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika. Nach dem Ende der Politik der Rassentrennung leitete der Erzbischof von Kapstadt die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die politisch motivierte Verbrechen aus der Zeit des rassistischen Regimes der weißen Minderheit aufklärte.

Das Drama „The Forgiven“ ruft diese Zeit der Umwälzungen wieder in Erinnerung. Zugleich ist die Arbeit des französisch-britischen Regisseurs Roland Joffé, die ebenso auf Tatsachen wie fiktiven Elementen beruht, als Plädoyer gegen Rassismus zu verstehen. In einigen Ländern lief die US-Produktion bereits 2017 in den Kinos, in Deutschland startet der Film jetzt in den üblichen Heimkinoformaten.

Vernunft und Gewissen

Als die Wahrheits- und Versöhnungskommission im Jahr 1996 unter Tutus Federführung damit beginnt, unaufgeklärte Morde zu untersuchen und die Verantwortlichen mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, tun sich Abgründe auf. Manche sehen darin eine schwere Hypothek für das Zusammenleben der Volksgruppen und die junge Demokratie in Südafrika. Tutu (gespielt von Forest Whitaker) folgt in seinen Befragungen der Strategie, die Beschuldigten bei ihrer Vernunft und ihrem Gewissen zu packen. Manchmal stößt die allgegenwärtige christliche Zuversicht des Friedensnobelpreisträgers allerdings an ihre Grenzen.

Die bislang größte Herausforderung wartet, als Tutu in das berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis Pollsmoor gerufen wird, wo schon Nelson Mandela einsaß. Dort wartet der mehrfache Mörder Piet Blomfeld (Eric Bana) auf den Geistlichen. Wie so viele andere Gewalttäter hofft der Ex-Polizist darauf, von besagter Kommission amnestiert zu werden. Dessen ungeachtet breitet er in den Gesprächen mit Tutu völlig hemmungslos sein rassistisches und gewaltverherrlichendes Weltbild aus, wenn auch garniert mit literarischen und philosophischen Gedankenfetzen. Tutu und Blomfeld schenken sich in ihren rhetorischen Duellen nichts. Nicht auszudenken, welche Pfade diese explosive Verbindung noch nehmen wird.

Viele Aspekte im Blick

Aber auch die Szenen, in denen der eine ohne den anderen agiert, haben es in sich. Tutu trifft auf Menschen, die nach verschwundenen Angehörigen suchen. Und auf Sicherheitskräfte, die der neuen Ordnung eher widerwillig folgen. Blomfeld wiederum muss sich in einer Gefängniswelt behaupten, in der eine Gang aus dunkelhäutigen Häftlingen und nicht allzu gesetzestreue Aufpasser den Ton angeben. Zudem setzen sich in dieser zutiefst traumatisierten Persönlichkeit Prozesse in Gang, die dem Film schließlich die entscheidende Richtung und Dynamik geben und die verschiedenen Handlungsstränge zusammenführen.

Knastthriller, Vergangenheitsbewältigung und das Porträt einer politisch-moralischen Schlüsselfigur: Man könnte dem auf einem Theaterstück basierenden Film vorwerfen, sich zu vielen Baustellen zu widmen. Sicherlich hätte der Fokus allein auf Tutus Leben und Wirken genügend spannenden Stoff abgeworfen, sodass der offenkundig fiktive (wenn auch aus Zeitzeugnissen modellierte) Super-Bösewicht Blomfeld gar nicht nötig gewesen wäre.

Eine wahre Meisterleistung

Andererseits sind es gerade die Momente mit diesen so gegensätzlichen Protagonisten, die sich einprägen. Forest Whitaker und Eric Bana agieren mit äußerster Subtilität und Leidenschaft für ihre Figuren und liefern eine wahre Meisterleistung ab. Das entsprechende Spannungslevel lässt der insgesamt eher behäbig und mitunter etwas betulich inszenierte Film an anderer Stelle oft vermissen, überzeugt aber gerade an kritischen Punkten mit der richtigen Dosis Emotion.

Das Erbe der Apartheid wird Südafrika noch lange prägen. „The Forgiven“ macht diese komplexe Entwicklung ein Stück weit nacherlebbar, indem er seinen so unterschiedlich gelagerten Figuren vertraut und ihnen mit ihren Antrieben und Erfahrungswelten breiten Raum gibt.

Info: „The Forgiven“ (USA 2017), Regie: Roland Joffé, Drehbuch: Michael Ashton/Roland Joffé, mit Forest Whitaker, Eric Bana, Thandi Makhubele, Jeff Gum  u.a., ca. 120 Minuten, Sprachen: Deutsch/Englisch, ab 12 Jahre

 

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