Film der Woche

Filmtipp „Talking Money“: Showdown beim Kundenberater

Nils Michaelis29. März 2019
Dieser Bolivianerin kostet der Banktermin einige Überwindung.
Ohne Geld ist vieles nichts. Welche persönlichen Dramen damit verbunden sein können, zeigt der Dokumentarfilm „Talking Money“ anhand von Beratungsgesprächen bei Banken in vielerlei Ländern.

Schon Karl Marx wusste, dass Geld keine Sache ist, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis. Mit anderen Worten: Geld regiert die Welt. Daran hat sich auch gut zehn Jahre nach der Hochphase der globalen Finanzkrise nichts geändert, wenngleich seitdem einige Wahrheiten ins Wanken geraten sind.

Dokumentationen über die gefährlichen Seiten weltumspannender Finanzkreisläufe hat es in den letzten Jahren zur Genüge gegeben. „Talking Money“ blickt hingegen nicht auf globale Strukturen und Krisensymptome. Regisseur Sebastian Winkels will zeigen, wie tiefgreifend das Profitdenken die Beziehungen der Menschen untereinander bestimmt. Gleichzeitig ging er der Frage nach, inwiefern dabei zwischen den Gesellschaften verschiedener Kontinente und Wohlstandsniveaus Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen.

Intimer Moment

Welche Handlungsebene eignet sich dafür besser als ein Gespräch zwischen Kunde und Berater bei der Bank? Also jene Situation, in der scheinbar alles auf den Tisch kommt und zugleich beide Seiten versuchen, auch mit etwas Show ihre Interessen durchzusetzen? In der es für viele Menschen aber auch um alles oder nichts geht? Der deutsche Filmemacher reiste nach Italien und nach Westafrika, nach Südasien und in die Schweiz sowie nach Nord- und Südamerika, um sich vor Ort ein Bild vom Stelldichein im Zeichen von Krediten und sonst welchen Transaktionen zu machen.

Der Film besteht aus scheinbar willkürlich gegeneinander geschnittenen Szenen, von denen nicht sofort klar ist, in welcher Weltgegend sie sich abspielen und worum es im Detail geht. Von 180 angefragten Banken gaben acht grünes Licht für Dreharbeiten. Stets blickt die unbewegte Kamera aus der Perspektive der allenfalls schemenhaft eingefangenen Bankangestellten auf die Kundschaft. Das hat zweifelsohne etwas von Showdown und scheint die – unter der mehr oder weniger freundlichen Fassade versteckten – wahren Machtverhältnisse zu illustrieren. Sei es in Georgien oder in Bolivien.

In diesen gnadenlosen umgesetzten Einstellungen offenbaren sich binnen weniger Augenblicke existenzielle und überraschend offenherzig dargebotene Dramen, die viel über die jeweilige Gesellschaft aussagen und schon für sich einen kompletten Film abwerfen würden. Ein georgischer Klient bittet um einen Kredit. Dabei stellt sich heraus, dass er bereits eine Vielzahl anderer Darlehen laufen hat, zum Teil unter anderem Namen. Hat er am Ende den Überblick über seine weitverzweigten Bank- und Geschäftsbeziehungen verloren oder steckt dahinter Methode?

Einer bolivianischen Zitronenhändlerin, die kaum zu einer wirklichen Buchführung imstande zu sein scheint, wird abverlangt, für ein 500-Dollar-Darlehen einen Wust an Bilanzen vorzulegen. In Pakistan wirkt hingegen nicht der Banker, sondern der Kunde, der Geld für seine Firma benötigt, wie ein König. Am Ende des Gesprächs gibt es sogar Geschenke.

Leerstellen bleiben

Gerne würde man mehr über die Menschen auf beiden Seiten des Tisches erfahren. Was bedeutet es für eine weitere Bolivianerin, für ihre Tochter um Geld zu bitten, obwohl sich die beiden Frauen spinnefeind sind? Und wie mag das dicke Auto aussehen, das dazu beigetragen hat, dass sich der besagte Georgier hoch verschuldet hat? Die Leerstellen in den fragmentarischen Dialogsequenzen setzen das Kopfkino immer wieder in Gang. Winkels, der zum Teil mehrere Jahre auf eine Dreherlaubnis in den Geldinstituten gewartet hat, sieht im Nichtgezeigten einen wesentlichen Motor für die Dramaturgie.

Diese Methode geht aber nur bedingt auf. Wie soll man sich für die Geschichten von Menschen begeistern, wenn kaum etwas Persönliches über sie bekannt wird? So hat die Aneinanderreihung all dieser delikaten, wenn nicht gar intimen Szenen am Ende etwas Unbefriedigendes und Ermüdendes. Und doch ist es ebenso erschreckend wie aufschlussreich zu erleben, wie sehr sich die Tricks und Druckmittel ähneln, wenn es darum geht, Menschen Geld zu leihen, um daran zu verdienen.

Info:

„Talking Money“ (Deutschland/Schweiz/Georgien 2017), ein Film von Sebastian Winkels, OmU, 85 Minuten.

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